VSJS Logo

Verband saarländischer Jugendzentren in Selbstverwaltung e.V.

aus Jugendarbeit und Wissenschaft

Wir haben Menschen um Stellungnahmen gebeten, die im Bereich der Jugendarbeit und der Wissenschaft in unterschiedlichster Form mit dem Verband und den selbstverwalteten Jugendzentren und Treffs zu tun haben.

Klaus Farin hat das Archiv der Jugendkulturen in Berlin gegründet  und war auf Einladung des Verbandes öfters zu Vorträgen in Jugendzentren im Saarland unterwegs. Zum Jubiläum hat er uns ein kurzes Statement zugeschickt.

Titus Simon stellt uns einen Beitrag zur Verfügung, den er für die sächsische Fachzeitschrift CORAX verfasste. Er bietet einen Überblick über 50 Jahre Jugendzentrumsbewegung in Deutschland.

Dr. Magnus Jung, Minister für Arbeit, Soziales, Frauen und Gesundheit, hat ein Vorwort zu unserem Buchprojekt beigesteuert.

Prof.Dr. Benedikt Sturzenhecker nimmt seine Erinnerungen an eine Fachtagung in Saarbrücken 2005 zum Anlass seines Statements vom „kleinen saarländischen Dorf“ der selbstorganisierten Jugendzentren.

Dr. Sebastian Rahn kommt selbst aus der Jugendarbeit und hat seit 2023 eine Nachwuchsprofessur an der HTW Saar. Er ist am Forschungsprojekt zum 50 jährigen Jubiläum des Verbandes beteiligt.

„Vom Juz-Gründungsmitglied zum Professor“ hat  Prof. Dr. Markus Emanuel sein Statement überschrieben, das seinen Weg von der Gründung des JT Hemmersdorf über den Zivildienst beim VSJS bis zur Promotion  beschreibt.

Ralf Dittgen ist als Kreisjugendpfleger des Saarpfalz-Kreises mit fast 30 Jugendzentren und Clubs betraut. Ein guter Grund also, ihn nach seiner Einschätzung zur Bedeutung der Einrichtungen zu befragen.

Jörn Didas begleitet seit vielen Jahren die unterschiedlichen Bundesprogramme zur Demokratieförderung beim Adolf-Bender-Zentrum. Im Interview erläutert er die Bedeutung der Jugendzentren für die Demokratiebildung.

Kurzstatements

Dieter "Knoscher" Koschek und Tiedeke "Fidi" Heilmann

Tiedeke

50 Jahre VSJS. Wow, ein halbes Jahrhundert selbstorganisierte Jugendarbeit. Leider können viele der damaligen JZProvinzen dieses Jubiläum nicht feiern. Es gibt sie nicht mehr. Deshalb ist der VSJS, heute Juz-united, umso wichtiger. Der Verband Saarländischer Jugendzentren in Selbstverwaltung hat auch in seinem Namen noch die wichtigsten  Voraussetzungen für eine gerechte Welt abgebildet:
V Verband – Vernetzung
S Saarländischer – Regionalität
J Jugendzentren – Orte der Begegnung und Kultur
S Selbstverwaltung – Selbstorganisation
In einer sehr unruhigen Welt mit unheilvollen Tendenzen ist es deshalb von Bedeutung, dass es eine regionale Vernetzung von selbstorganisierten Orten der Kultur und Begegnung gibt. Es ist für uns Oldies, Dieter damals Knoscher genannt von der JZ-Provinz Bodensee- Oberschwaben und Tiedeke, genannt Präsi oder Fidi der  Jugendzentren der  Lüneburger Heide eine Bestätigung für unser eigenes heutiges Tun. Fidi ist der Motor des Handwerksmuseums Suhlendorf, das traditionelles Handwerk ehrt. Bis heute biete ich dort organisatorische und publizistische  Unterstützung des selbstorganisierten Vereins, in dem er Vorstand ist. Knoscher ist immer noch
aktiv im Projekt Eulenspiegel in Wasserburg am Bodensee, ein kleines, aber feines Kultur- und Begegnungszentrum.
Selbstorganisation ist das Zauberwort. Keine oder kaum formale Hierarchien, keine Fremdbestimmung durch Politik oder Unternehmen, die eigene Zeit gestalten und damit auch die eigene Zukunft. Regional als deutliches Zeichen gegen die geopolitischen Turbulenzen und Vernetzung als Form der Solidarität mit anderen. Mit anderen Juz, aber auch mit anderen fortschrittlichen Menschen der Region. ‚Gemeinsam mehr erreichen‘ und ‚Handeln, nicht behandelt werden‘, waren und sind die Slogans, die in der damaligen JZ-Bewegung innerhalb der AG SPAK (Arbeitsgemeinschaft sozialpolitischer
Arbeitskreise) – die es heute leider so nicht mehr gibt – wichtig waren. Innerhalb der AG SPAK gab es die Zusammenarbeit mit Gruppen der Wohnungspolitik und auch der Psychiatriekritik und mit dem Arbeitskreis Alternativer Ökonomie. Diese Vernetzung über den eigenen Horizont hinaus war ein viertel Jahrhundert erfolg- und hilfreich. Alles was wir wollen – ein gutes Leben für alle.

Dr. David Templin

Historiker an der Universität Osnabrück

Templin2

Als ich mich im Jahr 2010 mit der Geschichte der westdeutschen Jugend-zentrumsbewegung zu beschäftigen begann, ging ich davon aus, dass nur wenige selbstverwaltete Zentren aus der Hochphase der Bewegung in den 1970er Jahren überlebt hätten und sich langfristig etablieren konnten. Noch stärker zuzu-treffen schien mir dies für die  Netzwerke, Dachverbände und Regionalzusammen-schlüsse von Initiativgruppen und Zentren, die sich seit Mitte des Jahrzehnts immer zahlreicher gebildet hatten. Umso erstaunter war ich, als ich herausfand, dass sich im Saarland ein Dachverband erfolgreich etabliert hatte und immer noch existierte – der Verband saarländischer Jugendzentren in Selbstverwaltung. Alle anderen der rund 50 regionalen und bundesweiten Zusammenschlüsse, die Ende der 1970er Jahre bestanden, sind verschwunden. Schön, dass der VSJS die Fahne der selbstverwalteten Jugendarbeit im Saarland weiter hochhält! In diesem Sinne, herzlichen Glückwunsch und alles Gute für die kommenden 50 Jahre!

Dr. Gunter Mahlerwein

Mahlerwein

Ich habe als Historiker und schon auch aus Zeitzeugenperspektive mehrfach über die Geschichte von Jugendzentren im ländlichen Raum geschrieben, insbesondere über die damit verbundenen kulturellen Aktivitäten, Musik, Kino, Open Air Festivals. Dabei hat mich besonders der Aspekt interessiert, wie sich die Dörfer durch die Jugendzentrumsbewegung verändert haben. Einerseits haben die Jugendlichen die ländliche Tradition der Selbstorganisation aufgegriffen: entweder man organisiert selbst Konzerte, Festivals und Filmvorführungen oder es gibt halt keine auf dem Land, das hat seit dem 19. Jahrhundert eine lange Geschichte. Andererseits wollten die Jugendlichen häufig gerade nicht in die überkommenen Vereinstraditionen eingebunden sein, sondern selbst Dinge in die Hand nehmen, häufig eher in Auseinandersetzung mit der älteren Generation. Das Landleben verändern statt vom Land zu fliehen, war eine tatsächlich wirkungsmächtige Idee der Bewegung. Das hat auch in den Kleindstädten und Dörfern im Saarland so stattgefunden, ist mein Eindruck.

Dr. Gunter Mahlerwein

Veronica Grindle

Abteilungsleiterin Kinder- und Jugend-arbeit im Regionalverband Saarbrücken

Veronica

Ich kenne den Verein seit Ende der 80er Jahre. Mit der Zeit wurde aus sporadischen Kontakten eine Zusammenarbeit, speziell mit Theo, die insbesondere anfangs von teils leidenschaftlich geführten inhaltlichen Diskursen geprägt war. Unser anfängliches Ringen um eine gegenseitige Anerkennung der Jugendarbeit, für die wir standen, – die Selbstverwaltete und die Kommunale – führte mit der Zeit dahin, dass wir das sehr unterschiedliche jugendarbeiterische Terrain, auf dem wir uns beweg(t)en, immer selbstbewusster und fachlicher vertreten und weiter entwickeln konnten. Ich finde, wir sind miteinander und aneinander gewachsen und konnten gute Impulse für die Jugendarbeit in unserem Wirkungsbereich setzen. Natürlich musste ich Theo immer zugestehen, dass Selbstverwaltung die Königsdisziplin der Jugendarbeit ist. Dass diese im Saarland so gut aufgestellt ist, wäre meiner Meinung nach ohne Juz United undenkbar. Deshalb feiere ich den Verband für sein nachhaltiges fachliches und persönliches Engagement für die selbstverwaltete Jugendarbeit im Saarland, die im Bundesgebiet ihresgleichen sucht!

Prof. Dr. Benno Hafeneger

Benno

Ich bin seit vielen Jahren mit der selbstverwalteten Jugendzentrumsszene im Saarland vertraut. Ich hatte immer mal wieder Kontakte, habe die Entwicklungen verfolgt und die Infos mit Interesse gelesen. Die Selbstverwaltungsidee und -struktur so lange – allen Widerständen zum Trotz – durchgehalten und profiliert zu haben verdient Respekt und Anerkennung. Offene Kinder- und Jugendarbeit braucht diese Idee und Praxis – und ihr vermittelt und strahlt sie in die ganze Republik.
Weiterhin gutes Gelingen und alles Gute wünscht

Prof. Dr. Benno Hafeneger

Prof. Dr. Albert Scherr

Scherr2
Jugendarbeit hatte und hat eine emanzipatorische  Dimension, die über Ein- und Anpassung an gesellschaftliche
Zwänge hinausreicht: Jugendliche sollen das Recht haben, Möglichkeiten eines gelingenden Lebens in der Gemeinschaft gleichwertiger Menschen zu erfahren, die ihr Leben selbstbestimmt und solidarisch gestalten. In einer Gesellschaft, die von aggressiver Konkurrenz und den trügerischen Versprechungen des Konsums geprägt ist, benötigen sie Orte, an denen sie erleben können, dass es sich lohnt, für die Utopie einer solidarischen  Gemeinschaft freier und gleicher Individuen einzutreten, die sich gegenseitig in ihrer Unterschiedlichkeit anerkennen. 
Und wo könnte dieser Erfahrung besser ermöglicht werden als in selbstverwalteten Jugendzentren?