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Verband saarländischer Jugendzentren in Selbstverwaltung e.V.

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Die 90er führten nach langen Irrungen und Wirkungen zur Stabilisierung und langfristigen Professionalisierung des Verbandes. Aber nichts unglaublicher als das. Fast könnte man sagen: Totgesagte leben länger. Schließlich war der VSJS kein traditionsreicher Laden wie die Katholische Jugend oder die Pfadfinder. Er verfügte nicht über eine Erwachsenenorganisation im Hintergrund. Er wollte definitiv keine Erwachsenenorganisation im Hintergrund. Im Gegenteil – er wollte den Juzen ihr Ding voranbringen –  gemeinsam mit ihnen. 

Aber immerhin hatte er es bis hierher, bis in die 90er geschafft, nunmehr 17 Jahre Wirken hatte er hinter sich – und das nicht unter Zuckerbrotbedingungen. Ein Sportverein hat es da deutlich einfacher und 17 Jahre, das  ist nicht sooo viel angesichts des Universums und anderer Jugendverbände. Da war noch viel Luft nach oben. 

Wendezeiten

Theo Koch

Es erscheint schon ewig weit weg, aber die Vereinigung der zwei deutschen Staaten 1990 war ein tiefer historischer Einschnitt. Vieles wurde damals gewendet und zum Vorschein kam ein grassierender Rechtsextremismus, der den Verband über das ganze Jahrzehnt politisch forderte.
Eine einschneidende Wende sollte es aber auch für die Verbandsgeschichte selbst geben, denn der VSJS verfügte am Ende der 90er über eine dauerhafte Personalfinanzierung durch das Land. Danach sah es zu Beginn allerdings überhaupt nicht aus. Denn es begann mit der Infragestellung der Anerkennung als „Träger der freien Jugendhilfe“ durch den Landesjugendwohlfahrtsausschuss.
Der Verband sah sich aufgefordert, eine Stellungnahme vorzutragen und nutzte diese Gelegenheit, sich der eigenen Geschichte nochmal zu vergewissern und eine aktuelle jugendpolitische Positionierung zu formulieren. „Soll Jugendarbeit Jugendliche (…) zur Selbstbestimmung befähigen und zu gesellschaftlicher Mitverantwortung und zu sozialem Engagement anregen (…)“ (KJHG, §11) so dürfen gerade Verbände, welche die Förderung von Selbstorganisation zum Ziel haben, in ihrer Arbeit nicht durch unzureichende Finanzierung behindert werden.“ hieß es im Schlussstatement.
Der Spieß wurde einfach umgedreht und mit der Berufung auf die 1990 eingeführten Zielformulierungen des neuen Kinder- und Jugendhilfegesetzes (KJHG), mehr Geld gefordert.
Es wurde gemutmaßt, dass die kritische Beobachtung der Verbandsaktivitäten, die zur Infragestellung der Anerkennung führten, auch mit der Ausweitung der Mitgliedschaft auf „Organisationen, die selbstverwaltet arbeiten und allen Jugendlichen offenstehen“ ausgedehnt wurde, wie es in der 1990 neu formulierten Satzung dazu hieß. Neu dazugekommen waren dadurch der selbstverwaltete Betriebshof Saarlouis e.V., die Aktion Dritte Welt e.V. Merzig Wadern und der „Verein für kommunikatives Wohnen und Leben e.V.“, dem Trägerverein des Autonomen Zentrums in Saarbrücken (AZ), das aus einer Hausbesetzung hervorgegangen war. Dass der Verband sich mit dem AZ solidarisierte und die MitarbeiterInnen sich in der Einrichtung engagierten, dürfte auch beobachtenden Institutionen nicht entgangen sein. Dies ging ohnehin zusammen mit einer hochpolitischen Phase des Verbandes, die sich insbesondere dem allgegenwärtigen Rassismus und Rechtsextremismus widmete. (Artikel folgt und siehe hier: Antifaschismus als Dauerthema)
Als Basis der Verbandsarbeit fungierte Anfang der 90er aber weiterhin das Zirkuswagenprojekt, das immer weitere Kreise zog.

Zirkuswagen unterwegs 2.0

Impressionen vom Zirkuswagenprojekt, das 1988 startete, 1992 auslief und eine gute Grundlage für kommende Zeiten schuf

Silvia Bolley

Und er rollt und rollt und rollt. Von Sommerprogramm zu Sommerprogramm, von Juz zu Juz. Die Sommertournee 1990 wurde zusammen mit der Juzini Blieskastel geplant und durchgeführt, da diese zwar noch kein Juz hatte, aber Interesse am Zirkuswagen als Pop-up Juz angemeldet hatte. Inhaltlicher Schwerpunkt waren ökologische Themen. Die Blues Brothers Band Project mit ihrer eingefleischten Fangemeinde machte sozusagen die Startmusik zu dieser Tour und brachte streckenweise sogar den Getränkenachschub ins Stocken, so gut besucht war das Event.

Allerdings zeigte sich hier auch, dass unsere Basisgemeinde, also die Juzini Blieskastel doch einen etwas anderen kulturellen Geschmack hatte. Während des Konzerts ging im Zirkuswagen eine Punk-Session ab, autonom initiiert von der Juz-Ini. Ein krasses Beispiel des vorliegenden Generationenkonflikts ;-). Auf unserem vermeintlich gemeinsamen Programm standen Workshops zu Videos selber machen, Alternativenergie, eine Müllausstellung sowie der Bau eines Müll-Monsters, Basteln aus Abfall, Info-Café zur Stromtrasse, Volxküche usw. Der Zirkuswagen wurde schnell zum Treffpunkt der Blieskasteler Szene rund um die Juzini. Täglich um 15 Uhr wurden seine Pforten geöffnet, flugs Tische und Bänke vorm Wagen aufgebaut und der Parkplatz mit Punk überflutet. Eine schwarz-rote Fahne war schon nach wenigen Tage auf dem Zirkuswagen gehisst. Da hieß es für die VSJS Verantwortlichen.: Toleranz üben und nach oben (Rathaus Blieskastel) gutes Wetter machen.  

Übrigens beinhaltete der Workshop Alternativenergie auch eine Ausstellung zur drohenden Klimakatastrophe, die von den Teilnehmenden zusammengestellt wurde. Nachdem wir Blieskastel und danach Kirkel beehrt hatten, zogen wir mit dem Zirkuswagen weiter zum Limbacher Open Air, wodurch gute Kontakte für das folgende Zirkuswagenjahr gesponnen werden konnten und ein ähnliches Programm wie in Blieskastel stattfand.

1991 beteiligten sich also die Limbacher am Zirkuswagenprojekt. Und so sahen das die Aktiven aus dem Juz Limbach, ein Jahr vor dem Ende des schönen und vor allem sehr sinnvollen Zirkuswagenprojektes: 

Was macht man nach sieben Jahren selbstverwalteter Jugendzentrumssarbeit? Man fühlt sich alt. Die meisten sind schon fast 10 Jahre jünger als man selbst. Man hat noch die alten Ideen im Kopf, nur die Zeit dafür ist nicht mehr da. So ungefähr war die Ausgangslage für die Gruppe JONAS. Diese hatte sich im Herbst 1990 gebildet, um noch einmal das zu machen, wofür wir in unserem Juz (Limbach) mangels Background keine Möglichkeit mehr sahen. In dieser Situation kam der Gruppe Alt-Juzler die Idee, mit dem Zirkuswagen VSJS-Veranstaltungen durchzuführen. Hehre Ziele entstanden bei viel saarländischem Bier. 

Kurz, so wie das Modellprojekt-Motto lautete: Macht die Provinz bunt und lebendig, sollte unser Programm werden.  Konflikte drohten oft, das Ganze zum Scheitern zu bringen, was aber wohl dazugehört. Unsere gestalteten sich folgendermaßen: Welchen Film kann man auf dem Land zeigen? Macht man ein Programm mit Kindern? Hält man sich an die Zielgruppe junge Erwachsene und Junggebliebene? Hat das alles überhaupt einen Sinn? Sind nicht die meisten mit anspruchsvoller Kultur überlastet oder hat überhaupt noch jemand Lust, sich mit kritischen Themen auseinanderzusetzen? Die RTL-Plus Kultur zeigt uns täglich das Gegenteil. 

Und dann das Ganze noch auf dem Land, in der Provinz. Im Bliesgau gibt es keine Kinos, keine richtige Jugendkultur und erst recht keine selbstverwalteten JUZE. Das Leben spielt sich hauptsächlich in den Vereinen, Feuerwehren und bei Jugendlichen oftmals an der Bushaltestelle ab. Aber nach dem Motto „GRAAD SELÄÄDS“ wurde ein Programm für drei Wochenenden aufgestellt. 

Es kam wie es kommen musste in Herbitzheim. Die Presse bestätigte uns ein tolles Kulturangebot, die Zuschauer und Interessierten waren wenige und der Frust schlich sich ein. Neualtheim brachte ein nochmaliges Zuschauer-Minus und unsre ganze Hoffnung galt Bliesmengen-Bolchen. Und dort ging es Schlag auf Schlag. Die Massen kamen. Zweihundert Zuschauer sahen die Blues-Brothers-Band-Project.“ Und der Bann war gebrochen. “ 

So der Bericht von Norbert aus dem Juz Limbach. 

Nun wurde vielleicht deutlich, dass mit dem Zirkuswagenprojekt wirklich auch eine Ära zu Ende ging. 

Die meisten engagierten Menschen, die damals u.a. das Zirkuswagenprojekt umsetzten, zogen sich aus dieser Arbeit zurück. Ein Grund war die ewige Unsicherheit über Fördermittel und Zuschüsse. Und hier findet sich auch der Knackpunkt für die nächsten Jahre und Jahrzehnte: Hauptamt und Ehrenamt im VSJS. Wie regelt sich das? Zwei Unerschütterliche machten weiter: Sie hatten das Motto von Bob, dem Baumeister anscheinend schon Jahre vor dessen Erscheinen adaptiert: Schaffen wir das, Jooooo, wir schaffen das! “ Theo und Bernie – ihre Frustrationstoleranz war noch nicht am Limit, sie stiegen auch erst später ein und dann volle Kanne. 

Die Ausstrahlung des Projektes in die Jugendszene des Saarlandes war positiv und die Verbindung zwischen Jugendzentren und VSJS festigte sich wieder.  Eine gute Arbeitsgrundlage, wenn man unerschrocken war. Im Laufe der weiteren VSJS-Arbeit sollte sich die unsichere Arbeitsgrundlage  zum Positiven verändern. Es wurde nach langem Fordern und Kämpfen eine Regelförderung eingeführt, die eine kontinuierlichere Arbeit ohne ständiges Bangen ermöglichte. Gut für die Juzlandschaft im Saarland. Wie nun würde sich das auf den VSJS auswirken?  Geht Professionalisierung ohne die Kernideen zu verlieren? Die weitere Geschichte wird es zeigen. Zunächst jedenfalls wurde der Zirkuswagen als mobiles Juz nach Losheim und dann von dort nach Wadern Bardenbach ausgeliehen, um die Jugendlichen bei ihrem Kampf für eigene Räume zu unterstützen.  Und 1994 schlug dort seine letzte Stunde. Polizei und Feuerwehr vermuteten Brandstiftung. SB

Was wurde wohl aus der Juzini Bardenbach? 

Wie Phönix aus der Asche

Theo Koch

So lautete in der Verbandszeitschrift 6/1994 der Titel zur Ankündigung eines neuen Projekts, das aus der Asche des abgebrannten Zirkuswagens aufstieg. Aus dem Erbe des Zirkuswagenprojektes konnte man dank der Feuerversicherung dann die 6.000 Mark aufbringen, die der für uns neue, in seiner Substanz aber altersschwache Linienbus der Saartallinien kostete. Der Verband hatte nun einen eigenen Linienbus, aber dafür war er nun nicht mehr gedacht. Aus ihm sollte ein rollendes Jugendzentrum werden. Dazu  wurden die Innereien entfernt und Sofaecke, Stehtische und Theke installiert. Alles in Eigenbau. Auf den Außenseiten prangte in Graffitischrift „Freiraum“ und das war Programm. Im dazugehörigen Flyer wurde formuliert: „Jugendliche dürfen in unserer Gesellschaft konsumieren und funktionieren. Sie können Alkohol, Nikotin, Autos und andere Drogen kaufen, rechtsradikal oder politisch angepasst sein, ihre BürgermeisterInnen demnächst selbst wählen und der Hasenzüchterjugend beitreten. Sie sind akzeptiert – als KonsumentIn, als KlientIn und als Vereinsmitglied. Aber Jugendliche haben in dieser Gesellschaft kaum Lebensräume, in denen sie selbstverantwortlich aktiv werden können. … um der aktuellen Rechtsentwicklung etwas entgegenzuwirken ist es wichtig, Jugendlichen Möglichkeiten der aktiven Mitwirkung an gesellschaftlicher Zukunftsgestaltung zu eröffnen – Perspektive statt Zukunftsangst! Um dazu erforderliche Fähigkeiten wie kritisches Engagement, Eigenverantwortlichkeit und solidarische Umgangsformen lernen zu können, brauchen Jugendliche selbstorganisierte Freiräume. Eine demokratische Gesellschaft ist ohne eine engagierte, kritische, aufmüpfige und eingreifende Jugend nicht zu haben!“ Das klang damals schon wieder ein wenig nach den 70ern, ist aber leider auch 2024 immer noch hochaktuell.
Und dann rollte er los. Zuerst zur „Jungen Initiative Reimsbach-Oppen“ und dann nach Schmelz-Limbach wo Tage später in der Saarbrücker Zeitung zu lesen war: „Im Bus saßen Gruppen aus Schmelz, aus Dorf, aus Neipel und anderen Ortschaften, angeblich 70 Personen, die vermutlich auch dann nicht nach Hause gegangen wären, wenn ein Sprecher „Feierabend“ geboten hätte.“ Der Bus schlug in der Region ein und sorgte für Turbulenzen. Dann sollte er nacheinander zu den Open-Air-Konzerten der Jugendzentren in Losheim und nachher in Lebach eingesetzt werden. Aber er war eine Diva und streikte.
Handwerkliche soziale Arbeit machte ihn wieder lebenstüchtig. Und dann rollte er weiter über Waldmohr nach Blieskastel, dann nach Püttlingen. Immer die Forderung nach selbstbestimmten Räumen für Jugendliche und einem ansprechenden Rahmenprogramm im Angebot. In Püttlingen z.B. wurden erstmal die Nazi-Symbole im Parkhaus durch Graffiti übermalt und eine Diskussion über ein Jugendzentrum für Püttlingen organisiert, das dann später vom Stadtverband auch eingerichtet wurde. Weiter rollte er dann nach Eppelborn, wo ihn schlussendlich das gleiche Schicksal wie das Vorgängermodell ereilte, nur ohne Feuer. Nach einem Einbruch und einer Verwüstungsorgie im Sommer 1996 war der Bus so lädiert, dass eine Reparatur nicht mehr finanzierbar war. Eine Zeitlang stand er noch neben dem Juz Lebach als Zierde und dann war auch dieses Projekt beendet.

Der Freiraum-Bus in Püttlingen. Einige Zeit später eröffnete der Regionalverband ein Jugendzentrum in Püttlingen – diesmal ohne Räder.

Neue und alte Wege

Parallel zur Geschichte des Freiraum-Mobils hatten sich aber auch andere Entwicklungen angedeutet, mit für den Verband einschneidenden Veränderungen. Das Auslaufen des Zirkuswagen-Projektes führte auch zu Überlegungen, wie denn die Verbandsarbeit personell weitergeführt werden könnte. Die bisherige Praxis, über prekäre und zeitlich befristete Beschäftigungsverhältnisse (ABM, Maßnahmen nach dem BSHG) eine gewisse personelle Grundstruktur zu gewährleisten, geriet zunehmend unter Druck. Vielleicht war es ein Zufall, dass nach dem sukzessiven Ausstieg des alten Zirkuswagen-Teams neue Leute dazustießen, die zu diesem Zeitpunkt in der institutionellen Struktur des Verbandes auch eine Chance zur Entwicklung eigener Perspektiven sahen. Vielleicht war es aber auch der ansteckende Widerstandsgeist, der Anfang des Jahrzehntes bei den Aktiven in einigen Jugendzentren zu spüren war, die um ihre Räume kämpften. War da nicht auch ein Verband gefordert, der sich die Interessenvertretung der Juze auf die Fahnen geschrieben hatte?

Theo Koch, der während seines Sozialarbeit-Studiums 1990 über Praktika zum Verband kam und Bernd Willms, der als ABM-Kraft bei der Naturfreundejugend mit dem Zirkuswagenprojekt kooperierte, hatten beide einen engen biografischen Bezug zu den Ideen der Selbstverwaltung, und der in dieser Phase aktivistischen politischen Arbeit des Verbandes. Was lag näher, als die Köpfe zusammen zu stecken und über ein neues Projekt nachzudenken. Dazu wurden ab Mitte 1993 konzeptionelle Überlegungen angestellt und gleichzeitig Finanzierungsquellen erschlossen. Dass es letztlich Briefmarken waren, die eine Wende zum Positiven bewirken sollten, hätte sich vorher auch niemand träumen lassen. Aber es war die „Stiftung deutsche Jugendmarke“, die sich die Unterstützung der Jugendarbeit im ländlichen Raum in die Förderkriterien geschrieben hatte. Im Beratungsgremium der Stiftung tauchte ein Name auf, der elektrisierte. Diethelm Damm war eine Koryphäe der Selbstverwaltung und einige seiner Bücher standen ganz vorne im Verbandsregal. Ein Besuch bei ihm in Wiesbaden machte Mut, sich durch die Antragsprozedur zur quälen.

Willkommen im Sozialministerium

Wie bei solchen Finanzierungsmodellen üblich, wurde zur Vollfinanzierung noch ein zweiter Geldgeber gebraucht. Der Weg führte zum Sozialministerium des Saarlandes. Wir wurden freundlich empfangen. Im Land regierte damals Oskar Lafontaine und im Ministerium saßen Leute, die die selbstverwalteten Jugendzentren von innen kannten. Die Sozialministerin Marianne Granz begann ihre Karriere als Sozialarbeiterin im damals noch selbstverwalteten Juz Eschberg. In der Fachabteilung begrüßte uns Hans Joachim Trapp. Wir kannten den Namen von den VorgängerInnen und begegneten ihm ehrfurchtsvoll. Hans Joachim Trapp war lange Jahre als Bildungsreferent des Paritätischen Bildungswerks dem VSJS eng verbunden und in den Anfangsjahren eine Art Mentor der Juz-Bewegung. Aber durchaus auch kritisch gegenüber manchen  Verbandsaktivitäten.

In der SPD-Fraktion begegneten uns junge Menschen wie Heiko Maas und Peter Gillo. Unsere Argumentation, dass es ja schließlich die Jusos waren, die Anfang der 70er Jahre das mit den selbstverwalteten Juzen angefangen hatten, überzeugte. Aufgrund des spezifischen Förderkriteriums der ländlichen Räume führte unser Weg auch ins Nordsaarland. Für die Antragstellung mussten wir Stellungnahmen von Organisationen einsammeln, die für eine Jugendarbeit im ländlichen Raum stehen. In Nonnweiler war dazu der Verein „Was geht?! e.V.“ entstanden, dem Magnus Jung vorstand. Das Empfehlungsschreiben des heutigen Ministers liest sich äußerst wohlwollend. Kurz und gut, die Signale waren aus allen Richtungen positiv und das Projekt konnte losgehen..

Losgehen 95

Losgegangen war es aber schon früher, denn als das Projekt im April 1995 nach der etwas längeren Beantragungsphase startete, gab es schon einen spürbaren Aufwind in der Juz-Szene des Landes.

Neben den altgedienten Juzen wie Homburg, St.Ingbert, Oberthal, Limbach, Losheim und weiteren, die dem VSJS verbunden waren und bestehenden Initiativen wie in Blieskastel tauchten plötzlich neue Initiativen auf. In St.Wendel, Lebach, Merzig und Dillingen gab es bereits Anfang der 90er Jugendliche, die lautstark für sich das einforderten, was Jugendliche halt so brauchen: selbstbestimmte Räume. Bis 1995 kamen dann noch Inis in Bous, Völklingen-Wehrden, Reimsbach, Bardenbach, Schmelz-Limbach dazu, und es wurden Kontakte geknüpft zu altgedienten Jugendclubs wie dem in Wadrill, die bisher in der VSJS-Statistik fehlten, aber seit 20 Jahren in der Region selbstverwaltete Jugendarbeit machen.

Das Projekt, das sich dann „Neue Wege der Jugendarbeit in den 90er Jahren“ nannte, startete also mit einer – wie in diesem Gewerbe üblich – prekären Basis, aber auch mit einem gewissen Rückenwind und mehr als genug Arbeit. Die konzeptionelle Ausrichtung des Projektes sah vor, neue Wege bei der Beratung, Unterstützung und Vernetzung von selbstorganisierten Initiativen zu entwickeln und dies durch eine Begleitforschung wissenschaftlich zu unterfüttern. Mit den eineinhalb Personalstellen wurde dann einiges initiiert, was allerdings im Rückblick gar nicht so neu war, sondern eher an die Anfänge der Juz-Bewegung anknüpfte.

Das Juz Merzig wehrt sich gegen die drohende Schließung 1998

Gemeinsam stark

Die Idee, die Aktiven aus den unterschiedlichen Jugendzentren zum Erfahrungsaustausch zusammenzubringen und dadurch auch eine Identität als Gemeinschaft zu stiften, wurde Ende 1993 wieder aufgegriffen. Im provisorischen Juz Lebach trafen sich dann auch schonmal 30 Leute,  die beschlossen, diese Form der Vernetzung jetzt monatlich durchzuführen. Die Juz-Treffen waren dann über den ganzen Projektzeitraum ein wichtiger Baustein des Austausches, auch wenn sich die Taktung irgendwann verringerte. Auf diesen Treffen wurden nicht nur die immer gleichen und immer wieder neuen Probleme und Konflikte thematisiert, sondern auch gemeinschaftliche Aktionen beschlossen. Fußball- und Tischkickerturniere wurden organisiert und es entstand auch ein reger Austausch zwischen den beteiligten Juzen. Der „Juz-Cup“ wurde ab 1994 eine Institution und in den Folgejahren wurde um den Wanderpokal heftig gekämpft. Turniere mit über 20 Mann/Frauschaften waren eine außerordentliche Herausforderung für die Turnierleitung und man sah junge Menschen auf dem Platz, die vorher noch nie einen Ball am Fuß hatten. Das Motto war dabei immer olympisch, der Spaß stand im Vordergrund.

Der Vernetzung wurde auch über die verbandseigene Zeitung organisiert, die jetzt „Infos“ hieß und aus den selbstverwalteten Jugendzentren, dem VSJS und dem Rest der Welt berichtete, wie es in der Unterzeile lautete. In der Kopfzeile saß ein kleiner wütender Teufel und schritt angriffslustig voran. Was das wohl zu bedeuten hatte? Dieser Rundbrief erschien zunächst zweimonatlich und auch hier mussten die Erscheinungstermine später etwas weiter auseinandergezogen werden, um eine Überforderung zu vermeiden. Es kamen ja immer neue Jugendinitiativen hinzu. Außerdem kam ein neues Phänomen auf, das Internet. Der Verband stieß schnell dazu. Mit einer eigenen Homepage wurden ab 1996 die Verbandsaktivitäten beworben und die gedruckten Zeitungen starben langsam aus.

Am intensivsten ging es aber wohl bei den Wochenendseminaren zu. Das kleine Hüttendorf in Steinberg-Deckenhardt bot einen optimalen Rahmen für gemeinsames Diskutieren und Feiern. Und wohin die Reise gehen sollte, war im Seminarbericht Anfang 94 zu lesen. „Dieses wieder seit langer Zeit erste Seminar des VSJS kann man fast als Anfangspunkt einer neuen saarländischen Jugendzentrumsbewegung sehen …“. Es machte sich also eine gewisse Aufbruchstimmung bemerkbar und bei den Seminarwochenenden wurde dies auch gefeiert. Die Probleme aus den Juzen kamen auf den Tisch bzw. die Pinnwand, und wurden ausgiebig zwischen den Leuten aus den verschiedenen Juzen diskutiert. Die abendliche Seminarauswertung geriet häufig etwas überschwänglich, es entstanden dadurch aber auch Freundschaften und eine Intensivierung des interjuzlerischen Austauschs.

Gruppenfoto vom Wochenendseminar

Regionalforschung

Die Vernetzung ließ sich also schon mal richtig gut an und immer neue Initiativen kamen dazu. Die Projektmitarbeiter entwickelten dadurch beflügelt einen ausgeprägten Forschungs- und Entdeckerdrang. Bei den Touren über das Land tauchten plötzlich überall neue Treffs und Clubs auf, die bisher verschollen waren. Auch, weil die eingeborenen Jugendlichen, die es sich in ihren Clubräumen im Dorf gemütlich gemacht hatten, ansonsten wenig mit der Welt da draußen zu tun haben wollten. Die hatten ja jetzt ihr Eigenes. Wenn man dann vorbeikam und den Verband vorstellte, wurde man schnell darauf hingewiesen, dass da hinten, hinter dem Berg, auch noch ein Dorf lag, in dem sich Jugendliche einen eigenen Treff organisiert hatten. Die Juz-Landkarte wurde voller.

Überhaupt, die größte Erfindung zu dieser Zeit war eine Saarlandkarte, die von nun an (und bis heute) in angemessener Größe die Wand der Geschäftsstelle ziert. Hier konnte man dann die Leerstellen in Heimatkunde beheben, die Entdeckungsrouten planen und neue Regionen erkunden, die zuvor noch nie ein Mensch gesehen hat (aus „Raumschiff Orion“ glaub ich).

Immer neue Fähnchen wurden in die Karte gesteckt. Die Touren führten uns nun auch zu Jugendclubs und Jugendtreffs, die es schon seit den 70er Jahren gab, die aber bisher ignoriert wurden. Diese wurden ab jener Zeit regelmäßig angefahren, mit Material beliefert und so in die Juz-Statistik aufgenommen. Dazu gehörten z.B. die Clubs in Wadrill (der schon erwähnt wurde), Wahlen, Ormesheim, Auersmacher, der Jugendclub „69“ Steinbach und andere. Der Club 69 z.B. hatte uns beim Besuch eine freigelegte Wand mit dem Konterfei von Che Guevara zu bieten. Hinter den Nut- und Federbrettern schimmerte da der Geist von Flower Power und Revolution aus den Sechzigern durch. Es gab insgesamt viel zu entdecken. 

Neben den ausufernden Neugründungen in dieser Phase, trug auch diese Integrationsarbeit der „alten“ Juze mit zur stark steigenden Einrichtungskurve bei. Starke Ausstrahlung hatte auch die Eröffnung der Jugendzentren in Illingen 1996, Blieskastel und Lebach 1997, Nalbach und Überherrn 1998/99, die alle mit einem riesigen Konzertangebot die Gegend rockten.

Im P-Werk Blieskastel Ende der 90er

Ziviprojekt

Bei den Touren über das Land erwies sich ein Besuch in der Gemeinde Rehlingen-Siersburg, die es eigentlich gar nicht gibt, sondern die aus 10 einzelnen Dörfern besteht, als sehr ergiebig. Ohne dass es groß aufgefallen wäre, hatten sich da Jugendliche in vielen Ortsteilen ihre Treffs selbst eingerichtet. Unterstützt und teilweise inspiriert von einem der ersten kommunalen Jugendpfleger, Friedhelm Neuendorf. Dass es mit ihm zusammen zu dem ersten Zivi-Kooperationsprojekt kam, war aufgrund der sich entwickelnden engen Bande nicht verwunderlich. Der erste Zivi hieß Markus Emanuel (siehe Artikel), war Aktiver im Jugendtreff Hemmersdorf und sollte bei Schwächephasen die Treffs basisnah unterstützen. Wenn sich die Aktivengeneration irgendwann aus dem Staub machte, wurde durch den Zivi die Öffnung gewährleistet und die nächste Generation konnte reinschnuppern. Die Zivis rekrutierten sich in der Folge aus den Vorstandsteams der verschiedenen Treffs und waren dadurch neben der unterstützenden Funktion auch für eine intensivere Vernetzung der Einrichtungen zuständig. Darüber wurden z.B. auch die Öffnungstage abgestimmt, damit man sich gegenseitig besuchen konnte und sich nicht bei Veranstaltungen Konkurrenz machte.

Das Zivi-Konzept funktionierte, wurde weitergeführt und später auch in andere  Gemeinden exportiert, bis irgendwann der Zivildienst abgeschafft wurde.

Das Projekt war ein erstes Kooperationsprojekt mit der kommunalen Jugendpflege, von denen später noch einige folgen sollten. Es war auch ein Projekt, das zeigte, dass eine Kooperation mit den Kommunen für beide Seiten gewinnbringend sein kann. Der Verband konnte seine spezifische Fachexpertise oder wie in diesem Fall seine anerkannten Zivistellen einbringen und die Gemeinde ihre Lokalexpertise. Eine Win-Win-Situation.

von links: Gemeindejugendpfleger Friedhelm Neuendorf, der damalige Vorsitzende des Verbandes, Tobias Schlegelmilch, der Zivi Markus Emanuel und ein Juzler

Projektergebnisse

Die zwei Jahre Projektlaufzeit gingen schnell vorbei und die Ergebnisse wollten öffentlich präsentiert werden. Dies geschah im Juz St.Ingbert und neben den Projektmitarbeitern Bernd Willms und Theo Koch saßen auf dem Podium noch Hans Joachim Trapp vom Sozialministerium, Michael Burkert vom Regionalverband, Bernhard Müller vom Jugendamt St.Wendel, Georg Vogel für den Landesjugendring und Markus Emanuel für die Jugendtreffs.

Folgende Thesen wurden von den Projektmitarbeitern vorgestellt und diskutiert: 

„1. Die Anzahl der selbstverwalteten Jugendzentren und Jugendtreffs im Saarland hat sich seit Anfang der 90er Jahre auf etwa 70 Einrichtungen verdoppelt. Mit der Etablierung eines flächendeckenden Netzes selbstorganisierter Jugendtreffs erstreiten sich Jugendliche den Sozialraum, der ihnen zum Ausleben ihrer jugendspezifischen Interessen zustehen sollte. Diese Entwicklung ist bundesweit einmalig und stellt eine Gegentendenz zu dem allgemein festzustellenden Rückzug Jugendlicher aus sozialer und politischer Verantwortung dar.

2. Selbstverwaltete Jugendtreffs bieten Jugendlichen einen Gestaltungsraum für Eigeninitiative und soziales Engagement. So entstehen, als Antwort auf die zunehmende Individualisierung, soziale Gemeinschaften, die Jugendlichen Rückhalt und soziale Orientierung geben. Von ihnen gehen präventive Effekte aus, die sozialer Desintegration entgegensteuern.

3. Selbstverwaltete Jugendtreffs sind Orte sozialen Lernens. In den notwendigen demokratischen Aushandlungsprozessen um die Ausgestaltung der Räume, das Aushandeln und Durchsetzen verbindlicher Regeln und den Auseinandersetzungen mit Politik und Verwaltung werden soziale Lernprozesse angeregt.

4. In Abhängigkeit von den kulturellen Orientierungen, der sozialen Herkunft und den regionalen Besonderheiten hat sich eine Vielzahl unterschiedlicher Jugendtrefftypen herausgebildet. Im ländlichen Raum suchen Jugendliche zunehmend nach offenen Angeboten als Alternative zur traditionellen Vereinskultur. 

Sie sind eine wichtiger werdende Alternative zu kommerziellen Freizeitangeboten, insbesondere für sozial benachteiligte Jugendliche.

 5. Jugendliche in den Treffs sind mit typischen Problemen und Konflikten konfrontiert. Im Außenverhältnis sind dies Konflikte mit der Nachbarschaft und der Kommunalverwaltung aufgrund der spezifischen Bedürfnisse und Ausdrucksweisen Jugendlicher einerseits und den Erwartungen der Erwachsenengesellschaft andererseits. Im Binnenverhältnis sind dies:
– Nutzungskonflikte infolge unterschiedlicher Interessen
– Aushandlung und Durchsetzung organisatorischer Regeln
– Generationenwechsel, Konkurrenz- und Hierarchiekonflikte.

 6. Die Selbstorganisationspotentiale Jugendlicher im Rahmen der Jugendarbeit sind nicht ausgeschöpft. Hilfe zur Selbsthilfe und Stärkung der Selbstorganisation sind zwar in der Jugendhilfe stark postulierte Ziele, werden aber in der Praxis nicht angemessen gefördert. Das innovative unseres Projektansatzes besteht darin, die Selbstorganisationskompetenzen Jugendlicher konsequent zum Ausgangspunkt zu nehmen. Dies ist mit einer hohen Aktivierungs- und Mobilisierungsintensität sozialen Engagements verbunden.“

Ja, so sah es aus und sollte sich in den darauffolgenden Jahren noch deutlicher zeigen. Es hatte sich in den 90er Jahren eine zweite Jugendzentrumsbewegung ereignet, nur ohne große Bewegungsgefühle, und ohne dass es jemand so genannt hätte. Aber die Anzahl der Treffs sprach für sich und sollte sich auch noch weiter steigern. Man schritt schon auf die Zahl 100 zu. Warum sich diese Explosion ereignete, was die treibenden Motive bei den Jugendlichen und den Kommunen waren, darüber streiten sich die Geister (ich kenne drei) und die Wissenschaft bis heute. Die These, dass paradoxerweise das allgegenwärtige Thema der rechtsextremistischen „Jugendgewalt“ in diesem Jahrzehnt zu einem Ausbau der Angebote der Jugendarbeit führte, hat eine gewisse Plausibilität. Wer sich die Debatten um die jetzt wieder neue Gewaltbereitschaft der Jugend und dem Ruf nach mehr Sozialarbeit für diese Randgruppe vergegenwärtigt, kann das gut nachvollziehen. Die Folge war auch ein langsamer Aufbau der kommunalen Jugendpflege mit der dann verstärkten Bereitschaft seitens der Kommunen, ihren Jugendlichen eigene Räume zur Verfügung zu stellen.

Jugend wurde aber auch von Seiten der Kommunalpolitik in einigen Fällen wieder positiv konnotiert und als Zukunftspotential für vergreisende Dörfer entdeckt. 

Andererseits sollte man die Vorarbeit, die die Jugendzentrumsbewegung hier zuvor geleistet hatte, auch nicht vergessen. Auf die Idee der selbstverwalteten Jugendfreizeitstätte hatte diese immerhin das Copyright. Und einige Jugendzentren und Jugendclubs aus den Siebzigern standen ja einfach weiterhin als Leuchttürme in der Region und strahlten die Idee der selbstorganisierten Jugend aus. 

Auf gesamtgesellschaftlicher Ebene wurde analysiert und in die Projektauswertung geschrieben, dass die sich stetig verändernden Bedingungen des Aufwachsens auch immer mal wieder Phasen des verstärkten Drangs nach gemeinschaftlich organisierten Freiräumen hervorbringen. Die Vergesellschaftung durch Schule, Markt und Arbeitswelt durchdringt zwar alles, aber nicht vollumfänglich. Der Kampf zwischen System und Lebenswelt, wie das bei dem damals sehr beliebten Habermas hieß, ist ein fortwährender. Mit Siegen mal auf der einen, mal auf der anderen Seite. So lässt sich auch erklären, dass in manchen Phasen die Selbstverwaltung der Jugendzentren als anachronistisch und altbacken abgetan wurde und die Jugendzentrumsbewegung als ein Fossil aus Vorzeiten belächelt wurde, dann aber wieder Phasen folgten, in denen die Selbstverwaltung als das Nonplusultra galt. Und das nicht nur aus Kostengründen. Diese ganz grundsätzliche Überlegung lässt auch hoffen, dass auch in den gegenwärtig düsteren Zeiten noch nicht alles verloren ist. Die Corona-Phase lässt grüßen.

Das Podium bei der Präsentation der Projektergebnisse 1997 im Juz St.Ingbert

Verbandsausbau

Doch zurück zum Verband. Der wollte nach dem Ende des Projektes „Neue Wege“ und mit dem Aufschwung der Basis mithalten und kämpfte jetzt mit guten Argumenten um die angemessene Finanzausstattung. Neben der Weiterfinanzierung einer halben  Personalstelle durch das Sozialministerium kam Anfang 1998 eine halbe Stelle im Landkreis Saarlouis hinzu. Da gab es dann mit der Übernahme der Trägerschaft über das Jugendzentrum Lebach erst mal genug zu tun, das zu diesem Zeitpunkt als Jugendkulturzentrum heftig durchstartete. (siehe Artikel)

typische Szene im Juz Lebach 1998

Durch die immer neuen Jugendzentren und die ausufernden Probleme der alten Jugendzentren gab es aber einen weiterhin zunehmenden Arbeitsdruck in der Verbandsgeschäftsstelle. Die Unterstützungsleistungen mussten den Problemsituationen entsprechend ausgebaut werden, und dies war nur mit mehr Personal möglich. So wurden die Bemühungen zur Erschließung weiterer Finanzmittel verstärkt und in die konzeptionelle Arbeit investiert. Der erste Weg führte wieder zum Sozialministerium mit der mittlerweile jahrzehntealten Forderung, dem Verband unter den jetzt doch recht positiven Bedingungen eine Jugendbildungsreferentenstelle zu gewähren. Die sollte dann im Jahr 2000 tatsächlich kommen. 

Eine weitere Forderung ging an den Saarpfalz-Kreis. Analog des Regionalbüros im Kreis Saarlouis wurde ein Konzept für ein Juz-Büro Saarpfalz eingereicht. Das kam dann aber erst im Jahr 2020. Manchmal sind in der Jugendverbandsarbeit dicke Bretter zu bohren. Und was sind schon 20 Jahre angesichts der Unendlichkeit?

Mit anderen Projektideen war man dann vorerst erfolgreicher. Die 90er bescherten der Welt das Internet und der Verband erfand die Internetcafés in Jugendzentren, angeregt durch ein wegweisendes Projekt des Landesjugendrings. Richtig durchgestartet wurde damit aber erst im nächsten Jahrzehnt. Weitere Konzeptarbeiten betrafen die Einrichtung eines Jugendpflegeleasingmodells für die Gemeinde Spiesen-Elversberg und die betreute Öffnung des Juz Wallerfangen. Die Konzeptbausteine wurden zu dieser Zeit heftig durcheinandergewirbelt und immer neue Projektideen für aktuelle Bedarfssituationen kreiert. Das Leistungsportfolio des Verbandes blähte sich auf und der  Weg wurde bereitet für ein neues Phänomen: Eine heftige Projektitis hatte den Verband befallen und sollte das nächste Jahrzehnt prägen.

Es gab zu dieser Zeit auch Diskussionen, die die beschriebene Entwicklung kritisch begleiteten und Einwände aus den Anfangsjahren wieder aufgriffen. Hatte sich da infolge der Professionalisierung ein Verband von der Basisdemokratie verabschiedet und sich in eine Dienstleistungsanstalt verwandelt? Eine Frage für die Ewigkeit, der sich alle Verbände kontinuierlich stellen müssen.

Was im Rückblick bleibt, ist ein Jahrzehnt des auch bundesweit außergewöhnlichen Aufbaus einer Infrastruktur Offener Jugendarbeit, die von Jugendlichen selbst organisiert und verantwortet wird. Diese bildet bis heute das Rückgrat der Verbandsarbeit und ist in seiner Einzigartigkeit ein Schatz, auf den das Land stolz sein kann. Die Leistung des Verbandes besteht neben der konkreten Unterstützung der Aktiven darin, dem  Engagement der Jugendlichen in den Dörfern und Städten landesweit öffentliche Sichtbarkeit, Wahrnehmbarkeit und eine Stimme zu geben. Ob die immer auf Gehör stößt, ist eine andere Sache.

Hier im Hinterhof der Mainzer 75 waren damals auch der Copy-Shop und die Leute  von der damaligen Medienwerkstatt zuhause. 

Der SR greift 1994 in Losheim den Konflikt um das Juz in einer Podiumsdiskussion auf. Vorgestellt werden auch die Initiatie in Lebach und das Juz Oberthal.

Das zweijährige Projekt erforscht die Juz-Szene Mitte der 90er und liefert Anregungen für eine parteiische Unterstützung.

Infos Nr. 3 – MärzlApril 1994
„Es gibt eigentlich nichts Schöneres als ein
gut funktionierendes selbstverwaltetes
Jugendzentrum“
Sozialministerin Christiane Krajewski so gesagt beim Kreistreffen im Kreis Saarlouis