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Verband saarländischer Jugendzentren in Selbstverwaltung e.V.

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Das erste selbstverwaltete Juz in der Stadt Saarbrücken

Auf dem Eschberg entstand Mitte der 1960er Jahre eine Trabantenstadt mit heute ca. 7.000 Einwohnern und einem sehr speziellen Charme. Diese aus dem Boden gestampfte Wohnsiedlung bot für Jugendliche – nichts. Kein Wunder also, dass bereits 1971 die Jusos auf die Idee kamen, mit einer ersten Veranstaltung auf den Freizeitnotstand der Jugendlichen hinzuweisen. Es folgten mehrere Jugendveranstaltungen und auch die Mutterpartei wurde heftig bearbeitet. Als Träger der selbstverwalteten Einrichtung sollte ein Verein fungieren, der dann auch Anfang 1972 gegründet wurde. Hektische Aktivitäten wurden gestartet, die Öffentlichkeit wurde einbezogen, Konzeptdiskussionen geführt, die Politik und Verwaltung von der Sinnhaftigkeit der Selbstverwaltung überzeugt, Bauämter und Jugendwohlfahrtsausschuß mit Informationen beliefert.
Am Ende konnten alle mitgenommen werden und es entstand innerhalb kürzester Zeit ein Neubau nach den Wünschen der Jugendlichen, der Mitte 1974 in Trägerschaft des Vereins eröffnet wurde. Das erste selbstverwaltete Jugendzentrum in der Landeshauptstadt war geboren und konnte in der Anfangsphase mit diversen Arbeitsgruppen, Disco- und Konzertveranstaltungen punkten. Zu den samstäglichen Discoabenden kamen bis zu 200 junge Menschen und hatten ihren Spaß. Endlich war mal was los auf dem Eschberg.

So gesittet ging es bei Konzerten im Juz zu. "Franz K" im Juz 1976

Betreute Konflikte

Damals eher unstrittig war eine pädagogische Betreuung, die sich später auch als außerordentlich notwendig herausstellte. Denn die Sozialstruktur der Trabantensiedlung spülte unterschiedliche Jugendgruppen ins Haus. Hinzu kamen Jugendcliquen aus anderen Stadtteilen, die zum Teil auch die Probleme mitbrachten, die bei ihnen verursacht wurden. Dass manches Juz-Mobiliar die Materialprüfung nicht bestand war das eine. Dass mit Flower Power und Folgendem auch die Cannabispflanze in einigen Jugendszenen Kulturgut wurde, war das andere, was als Dauerkonfliktthema verhandelt werden musste. Zuständig dafür waren die ehrenamtlichen und in unterschiedlichen Anstellungsverhältnissen zuständigen „Betreuer“. Darunter findet man Namen wie Marianne Granz, die später Sozialministerin im Saarland wurde und Erika Trenz, die erste Bundestagsabgeordnete der GRÜNEN aus dem Saarland. Die Konfliktkultur im Juz war wohl kein schlechtes Lernfeld für größere Aufgaben.
Zu diesem Zeitpunkt wurde das soziale Experiment des ersten selbstverwalteten Jugendzentrums von der konservativen Politik und einer gewissen Saarbrücker Zeitung äußerst argwöhnisch beobachtet. Eher erwartbare Begleiterscheinungen größerer Jugendgemengelagen wurden gerne mal als großer Skandal inszeniert. Ein schönes Beispiel liefert der Bericht des Saarländischen Rundfunks im November 1975 zu sogenannten Haschpartys im Jugendzentrum, der auf einen Artikel der Saarbrücker Zeitung folgte. Insgesamt häuften sich aber in den nächsten Jahren die Probleme. Die erste Juz-Generation zog sich langsam zurück und die Selbstverwaltung wurde auf eine harte Probe gestellt, da kaum noch Ehrenamtliche nachkamen. Das erste selbstverwaltete Juz in Saarbrücken war auch das erste, das in die Kommunalverwaltung überführt wurde.

Wiedersehen macht Freude

Dass trotz all der Probleme und Konflikte viele Jugendliche ihren Spaß an und in ihrem Jugendzentrum hatten, kam einige Jahrzehnte später wieder zum Vorschein. Thomas Meyer, der im Juz aktiv und an dem Haschparty-Bericht des Saarländischen Rundfunks als Lehrling beim SR beteiligt war, schickte den Beitrag 45 Jahre später über Facebook an alte Juz-Freunde. Der machte die Runde und animierte zu der Idee, doch mal ein Treffen Ehemaliger zu organisieren. Gesagt getan, am 4. Mai 2019 stieg die Ehemaligen-Party im Jugendzentrum. Dass dann 120 Gäste zusammenkamen und die alten Juz-Zeiten wieder hoch leben ließen, damit hatte niemand gerechnet.
Thomas, Meyer, 1974 schon in der Disco-Gruppe aktiv, steuerte die Hits von damals bei.
Im Gespräch erzählt er, wie er sich mit 15 Jahren mit seiner Clique an der Einrichtung und
Gestaltung des Juz engagiert hat. Er erinnert sich an die Angriffe seitens der Anwohnerschaft und der Stadt und Rivalitäten zwischen den unterschiedlichen Gruppen im Juz. Auch an die Auseinandersetzungen um die zwei Plattenspieler im Discoraum. Die waren das Herzstück der Einrichtung. Er erzählt von einer Revolution, als auf der regelmäßigen sonntäglichen Vollversammlung die „Freak-Gruppe“, die bis dahin die Musikanlage unter Kontrolle hatte, von seiner „Moped-Gang“ gestürzt wurde und fortan ihre Musik lief. Die musste aber auch noch gegen die „Teenies“, die Mädelsclique, verteidigt werden, die gelegentlich die Besucherschaft mit „Fly Robin fly“ folterte.

Die Disco-Gruppe war auch verantwortlich für die Disco-Veranstaltungen jeden Samstag mit Unmengen von Jugendlichen und man spürt die zentrale Rolle von Musik in der damaligen Zeit.

„Für viele Leute war das die schönste Zeit damals im Jugendzentrum. Die erste große Liebe und Alles, deshalb war das ja auch ne prägende Zeit. Das waren die ersten Schritte, die du ins Leben gemacht hast.“ erzählt Thomas und ein Facebookeintrag zur Reunion-Party geht in die gleiche Richtung: „Bei der Innengestaltung und des künftigen Organisationsablaufes des JUZ Anfang der 70er durfte ich auch mitwirken. Wir waren stolz, das erste JUZ im Saarland unter Selbstverwaltung zu haben. Die uns übertragene Verantwortung und die damit verbundene Erfahrung hat uns geprägt. Ich erinnere mich nur zu gerne an diese Zeit.“

45 Jahre nach der Gründung feierten die Ehemaligen aus der Juz-Gründungsphase wieder im Juz.

SR Bericht zu vermeintlichen Haschpartys im Juz Eschberg, Nov. 1975

mit einem schönen Schwenk ins Publikum