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Verband saarländischer Jugendzentren in Selbstverwaltung e.V.

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Punk-Fete statt Disco

Hartmut Franz, langjähriger Aktiver im Open Haus in Homburg, hat uns einen Text zur Verfügung gestellt, der zuerst in dem Buch „Wie hintem Presslufthammer, nur unheimlich viel schöner“ veröffentlicht wurde. Das Buch befasst sich aus pädagogischer Perspektive mit der Discokultur in Jugendzentren. Nur, Discos gab es im Open Haus nicht, dafür aber jede Menge kreative und spektakuläre Aktionen. Der Artikel basiert auf der Diplomarbeit von Hartmut Franz und ist daher fachsprachlich verfasst. Die langen Interviewpassagen geben aber einen schönen Einblick in die Phase des Jugendzentrums Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre und beschreibt am Ende die Entwicklung des Juz seit seiner Gründung.

Im Gegensatz zu anderen Jugendzentren oder Jugendhäusern gibt es (und gab es) im selbstverwalteten Jugendzentrum Open-Haus keine Discothek im üblichen Sinne; weder eine fest institutionalisierte Form noch sporadisch stattfindende Discoveranstaltungen. Im Laufe der Zeit hat sich aber eine bestimmte Qualität an Aktionsformen entwickelt, Aktionsformen, die für die Jugendlichen im privaten Rahmen, in Discos, aber auch in anderen Jugendfreizeitstätten nicht möglich sind. Die Bezeichnungen (,,Punk-Fete“, „Brulljes“, etc.) der Aktionen wechseln zwar häufig, aber die Formen und Abläufe sind sich sehr ähnlich. Die im folgenden immer wieder auftauchenden Beschreibungen der Aktionen und ihrer Entstehung stammen aus einem Gespräch zwischen Ali, Hartmut, Sabine, Ralph, Sabine, Ulla und Ute vom 29.7.79.

Punk-Feten:

„Es war halt überhaupt nix los, und wir haben gedacht, wir müssen mal wieder was machen. Und da einige Leute zu der Zeit ziemlich auf Punk gestanden haben, haben wir gedacht, Mensch, machen wir mal ’ne Punk- Fete im Open-Haus! Die andern war’n auch gleich alle mit einverstanden. Ja, wir wussten aber noch nicht so richtig, was das werden sollte, halt irgendwie was Chaotisches. Auf der Vollversammlung haben wir dann ’nen Termin abgemacht.
Ich konnte mir eigentlich nix Richtiges darunter vorstellen. Ich wusste nur, daß was total Verrücktes laufen sollte. In der Zeitung war dann auch so ’ne Notiz, von wegen ,punkie’ anziehen und so. Wir haben uns überlegt, wie wir dahin gehen. Haben uns Plastikkleider geschneidert und die Haare voll Gelatine geschmiert und uns zugeschminkt. Mittags haben wir uns schon getroffen, so 1000 Leute, aus Plastiktüten T-Schirts gemacht und Draht und Alu-Folie in die Haare geflochten. Das war unheimlich gut! Und dann sind wir ins ,Haus‘, schon so um 6 Uhr, um 8 Uhr sollte es erst anfangen. Da war’n auch schon ein paar Leute, die war’n total entgeistert, als Sie uns gesehen haben. Dann sagten sie: „Hey, habt ihr noch Farbe dabei?“, und haben gleich angefangen, sich selbst anzumalen oben in der Teestube.

Am Anfang war’s total chaotisch, keine Anlage da, eigentlich überhaupt nix organisiert. Keine Musik, gar nichts. Es war ein unheimliches Hinundhergerenne: „Ist jetzt was oder nicht? — Was Soll’s! – Machen wir’s halt ohne Musik!“ Dann kamen fremde Leute, die ganz unsicher rumgelaufen sind. Aber dann, so nach und nach, war die Schminkerei und Anmalerei im Gange, oben und unten. Wenn jemand die Tür reinkam, der nicht
geschminkt war, wurde er gleich geschnappt und zugekleistert. Einer hatte so’n leuchtend blaues Gesicht, oder ganz rot. Sabine hat ganz grün dagestanden. Einer von den Motorrad-Freaks war total braun im Gesicht, da hast du nur noch das Weiße von den Augen gesehen. Mit der Anmalerei wurde es immer wilder. Alle Leute sind vor den Spiegel gerannt, irgendwie war dann totale Anmalstimmung. Dann haben die Leute angefangen, Nina Hagen-Lieder zu singen. Andauernd sind so Liedfetzen rumgeschwirrt: „Ich kann mich gar nicht entscheiden, es ist alles so schon bunt hier!“ – „Ob schwarz, ob blond, ob braun, ich liebe alle Frau’n!“ – „Ich fühl mich unbeschreiblich weiblich/männlich!“, und so Sachen.
Dann hat irgendwer die Anlage mitgebracht und dann fing’s natürlich an mit der Musik. Stranglers, Ultravox, Sex Pistols und Nina Hagen liefen oft. Die Lieder wurden alle mitgesungen. Das war ein Gebrülle. Wir haben unheimlich ausgelassen getanzt, saugut! Einer hatte Gummihandschuhe an den Füßen. Wir sind oben rumgehopst, daß sich die Balken bogen. Ich hab’ mich mal unten im großen Raum ausgeruht und dann hab’ ich gedacht, die Decke kommt runter, so haben die Lampen geschaukelt. Wir haben so getanzt, wie’s uns eingefallen ist. Biggi war ganz in Plastik und hat gemacht wie’n Roboter. Winnie ist immer hin und her geflitzt, von einer Ecke in die andere. Du hast doch immer auf der Stelle gestanden und die Knie rumgeschlenkert. Ich bin immer hochgehüpft und hab” wahnsinnig laut rumgebrüllt. Echt, ich hab’ unheimlich rumgefetzt, die Schminke lief in Strömen runter. Dann haben wir zusammen getanzt: „Ich möcht’ ein Fisch im Wasser sein!“ Ich weiß, daß ich ganz laut geschrien hab‘, bis ich keine Luft mehr bekommen hab‘, mit noch ein paar andern zusammen. Ich hab’s total auf die Spitze getrieben, wie laut kann ich Schreien? Ich hab‘ mich richtig ausgetobt! Ich will eben nicht so tanzen wie Travolta und hab‘ so getanzt, wie ich das so mache und mich bewege. Ich bin rumgehopst, zuerst allein, dann nachher zusammen mit den andern, so an den Händen genommen und im Kreis und so. Und denn mit Jugendlichen, die ich eigentlich nicht kenne und zu denen ich so keinen Kontakt bekommen hätte. Ich hab‘ ausprobiert, was mit meinen Beinen, meinen Armen ist, was ich mich sonst noch nicht getraut hab‘, weil ich Angst gehabt hab‘. Es erregt Aufsehen. Aber da war’s halt anders, weil das bei unheimlich vielen so war, nur so rumgehampelt. Was du als machst, wenn du zuhause alleine bist, vor’m Spiegel, um dein Körpergefühl zu testen, in deinem Zimmer, wo’s sonst keiner sieht. Halt einfach mal probieren. Das hat an dem Abend für mich ’ne unheimlich große Rolle gespielt, weil ich  auch gesehen hab‘, die andern machen’s auch alle so und gucken nicht so komisch.

Die Musik hab’ ich teilweise wenig gehört, irgendwie hat sich das alles langsam verselbstständigt. Nur so der Rythmus hat gezählt und die Lautstärke. Die Musik war auch überhaupt erst das, was alles gerechtfertigt hat. Der Grund halt! Und am Anfang war Sie unheimlich wichtig. Aber zum Schluß ist ja auch keine mehr gelaufen. Es waren oft Pausen, wo keine Musik war, aber das Tanzen, die Bewegungen sind trotzdem weitergegangen. Es war irgendwie so ’ne Ekstase. Das Ganze hat sich auch nicht nur auf die Tanzfläche konzentriert, sondern fand auch im Treppenhaus statt, bis hin zum Klo. Auf der Treppe sind auch noch Leute rumgehopst, weil’s drinnen echt zu eng und zu heiß war.
Zwischendurch hast du Leute umarmt, dich wieder ein bißchen angemalt, und dann ging’s weiter. Das mit der Punk-Fete war halt so’n echter Höhepunkt. Ich konnt’ mal richtig  aufatmen und hab’ so richtig den ganzen Frust aus mir rausgeschüttelt. Das war’n eben Aktionen, die kannst du zuhause nicht machen, halt so spontan Ideen verwirklichen. Du mustest nicht überlegen, will ich das, kann ich das, muß ich das, du hast es einfach probiert; auch Sachen, von denen ich vorher gedacht hätte, die mach’ ich nie. Wenn mal ’ne Bierflasche umfiel, das machte nix, da hast du noch mit dem Rest rumgespritzt und gedacht, Scheiß‘ drauf, wir putzen morgen, aber heute lassen wir die Sau raus! Oder, daß zum Schluß ein Lautsprecher von der Wand gefallen ist. Ich wußte, jetzt macht mir keiner ein schlechtes Gewissen. Du musstest eben keine Kompromisse eingehen, wie zuhause bei ’nem Festchen im Wohnzimmer, wo du auf den Teppich aufpassen mußt und so. Das ist hier anders. Da geht bestimmt mehr kaputt, aber du kannst dich halt doch mehr an den Dingen orientieren, die dich wirklich betreffen. Du triffst auch ’ne Menge anderer Leute, die du zuhause im Wohnzimmer nicht sehen würdest.
Überhaupt war’n da wahnsinnig viele Möglichkeiten bei der Punk-Fete, z.B. mit dem Verkleiden und so, mit dem Tanzen und Anmalen. Wir haben uns an der Hand genommen, so ’ne Art Kreis, und sind zusammen gerannt und dann wieder auseinander und verwurstelt und verknotet, zusammen in die Luft gesprungen und geschrien. Aber das hat’s auch schon früher hier gegeben — beim Brulljes zum Beispiel!“

Brulljes:

Zeitlich den Punk-Feten vorausgegangen ist der/die/das Brulljes. Das Wort ist selbst  erfunden. Brulljes entwickelte sich spontan, je nach Lust und Laune, je nach  Zusammensetzung und Stimmung der Jugendlichen. Zum Brulljes gehörten z.B. auch das Bixeln, der Kuschelberg, die Wasserschlachten oder das Nachts-Nacktbaden-Gehen im Freibad. Brulljes ist eine Umschreibung für gemeinsame Aktionen, wie Lieder singen oder rumtrommeln. Es entstanden immer ziemlich euphorische, ekstatische Gefühle. Das Ganze fand meist durch totale körperliche Erschöpfung ein Ende.
„Beim Brulljes haben wir uns halt nicht angemalt und verkleidet. Es ergab sich so im Laufe des Abends, es war nicht vorgeplant. Irgendwie hat sich das so rausentwickelt, daß Musik gelaufen ist, meistens ’ne ganz bestimmte, und diese Musik war dann das Signal. Damals hatten wir noch die Sitzkissen, die bei dem Brand alle verschmort sind. Da haben wir oft mit rumgeworfen oder sie übereinander gestapelt und Hochsprungwettbewerbe  gemacht, oder Kissenschlachten oder damit Fußball gespielt. Das ist irgendwie so entstanden, daß am Anfang so ’ne Art Hochsprungwettbewerb mit den Sitzkissen war, und dann ist so was entstanden. Wir haben uns die Sitzkissen zugeworfen und sind im Raum rumgerannt. Es gab so ’ne Art Balgerei mit den Sitzkissen.
Wir haben ’ne Menge selbst erfunden, z.B. das Bixeln: Es war so ’ne Decke da und da hat jemand gesagt: ,,Komm, wir bixeln mal!“ Am Anfang war natürlich großes Rätselraten, was das ist. Aber ein paar Leute saßen schon unter der Decke und sagten: „Komm mal mit drunter, dann bekommst du das schon mit!“ Unter der Decke war dann groß Gebixel!? Dann gab’s noch den Kuschelberg: Wir haben alle aufeinander gelegen und uns gestreichelt. Hinten stand ’ne riesige Couch, und plötzlich haben da alle draufgelegen. So’n totaler Berg, und alle haben sich gestreichelt. Damals war das so. Ich weiß auch nicht, wie’s dazu kam. Die sind im allgemeinen viel zärtlicher miteinander umgegangen als heute. Ich weiß noch, daß wir uns auch immer umarmt haben, wenn wir uns getroffen haben. Es war eben lockerer und zu dieser Zeit so ’ne Stimmung. Das war eben alles Brulljes, z.B. auch Schacki’s Geburtstag. Da gab’s ’ne tolle Wasserschlacht und das Spaghettiessen. Ein Topf für 1000 Leute. Zum Schluß haben wir alle rumgemanscht, mit den Spaghettis rumgeworfen. Jeder hatte sie in den Haaren hängen.
Mit der Wasserschlacht war’s so: Ich saß mit Günter oben in der Teestube und plötzlich war unten lautes Palaver. Wir sind schnell runter, und da hat Matze uns gesehen und gesagt: ,,Guckt mal, die sind noch ganz trocken!“, und hat uns den Eimer Wasser, den er in der Hand hatte, grad drüber gekippt. Wir haben uns dann sofort von oben Becher geholt und mitgemacht. Zum Schluß saßen wir alle da oben in den Unterhosen und einer hat gesagt: ,,Oh jeh, wenn jetzt jemand reinkommen würde, was würde der denken?“

In der Zeit war jeden Tag was los, wir war’n in ’ner totalen Hochstimmung, gut gelaunt und immer Action. Die ganzen Sachen, wenn man’s so betrachtet, sind aber verteilt auf ’nen Zeitraum von 2-3 Jahren. Beim Brulljes hing’s auch echt mit der Musik zusammen, die alten Sachen von Fleetwood Mac (Oh well, Albatros, Man of the world, Green Manalishi) und Moody Blues (Days of future passed) sind tausendmal und ununterbrochen gelaufen.

Beim Tanzen war schon ein Unterschied zu der Punk-Fete. Damals ist unheimlich drauf geachtet worden, daß jeder integriert wird, daß alle Leute mitgemacht haben, das ist irgendwie auf mehr Gemeinsamkeit rausgelaufen, so im Kreis und an den Händen geholt, dann haben wir uns alle flach hingelegt und so Bewegungen gemacht. Bei der Punk-Fete war’s viel hektischer und chaotischer, die Leute kannten sich auch untereinander nicht so gut wie beim Brulljes. Brullies war wahnsinnig schön. Ich hatte das Gefühl, das ist eine große Gruppe, die Leute halten alle zusammen, vor allem bei den gemeinsamen Unternehmungen. An denen waren auch alle, die hier ins „Haus‘ kamen, beteiligt. Stimmt doch! Es gab keine Spaltung. Sogar die totalen Freaks haben mitgemacht und die ganz Normalen. Jeder wurde aufgenommen. Damals gab’s doch auch das Fest der Studenten auf dem Prisunic-Platz. Das hat aber schon so früh aufgehört und da haben wir uns überlegt: „Eh, was machen wir denn jetzt noch? Wir könnten mal durch die Stadt laufen und zu Manfred gehen, seine Alten sind nicht da!“ Und dann sind wir am Marktbrunnen vorbeigekommen. Zunächst hat dann so ’ne Spritzerei angefangen und dann saß plötzlich Clemens mitten im Brunnen drin. Dann haben wir Günter noch reingeschmissen und zum Schluß haben wir alle im Brunnen dringestanden und waren klitschnaß. Dann hat’s geheißen: ,,Wir gehen zu Manfred und trocknen die Kleider!“ Irgendwie kam dann die Idee auf: ,,Oh, leck, wir gehen noch schwimmen!“ Aber wohin? Dann sagte jemand: „In Limbach im Schwimmbad kann man gut über den Zaun klettern!“ Dann sind wir alle hin. Am Anfang totale Panik, wir sind ganz hinten über den Zaun. Dann über die Liegewiese angeschlichen. Dann ganz vorsichtig ins Wasser. Dann mit der Zeit die Härte. Totales Palaver, keiner hat mehr dran gedacht, daß wir da quasi illegal drin sind. Dann sind wir sogar vom Sprungbrett gesprungen. Seit der Zeit sind wir dann regelmäßig nachts hingegangen. Wir haben uns ’nen Ball mitgenommen und Wasserball gespielt. Dann kamen auch noch andere Gruppen dazu. Das mit dem Nachts-Nackt-Baden in Limbach hat sich dann so eingebürgert. Das ging solange, bis die Leute, ich glaub’, es war in der ersten Rock-Palast-Nacht, von der Polizei erwischt worden sind. Dann war die Sache  gestorben.“

Gemeinsam ist allen diesen Aktionen im Open-Haus, dass sie spontan entstanden, daß die überwiegende Mehrzahl der Jugendlichen (z.B. auch ganz Fremde) schnell integriert wurde, dass eine ausgesprochen kreative Atmosphäre herrschte und vor allem, daß Bedürfnisse in die Tat umgesetzt und konkret befriedigt worden sind.

Andere gemeinsame Aktionen:

Das Open-Haus war (und ist) eigentlich ein Anlaufpunkt für gemeinsame Aktivitäten und Aktionen. Die Jugendlichen kommen dort hin, und: „… es wird was geplant! Es sind schon immer viele Pläne gemacht worden und dann auch verwirklicht worden. Außer dem Filmprogramm und der Vollversammlung gibt’s im – ,Haus‘ auch nichts Festes. Die ganzen Aktionen sind eben möglich, ohne, daß du dann vorher groß fragen mußt. Es gibt hier keinen, der das Recht hat zu sagen, nein, das geht nicht!
Und durch das ,Haus’ kommst du ja auch mit Sachen in Berührung, mit denen du dich früher gar nicht beschäftigt hast; z.B. Atomkraft. Früher war mir das eigentlich egal, aber dadurch, daß hier Leute waren, die da immer und ewig drüber diskutiert haben, hab’ ich mich dann auch damit auseinandergesetzt. Dadurch hab’ ich auch Kontakt bekommen zu den Leuten, die zur Demo nach Cattenom fahren wollten. Der VSJS hat ja ’nen Bus organisiert, wo jeder mitfahren konnte. Henry hat das immer groß verkündet, und dadurch ist die Sache eben gelaufen: „Fahrn wir mit? – Klar!“, oder auch: „Ich weiß eigentlich nicht“ – „Ich fahr lieber mit dem Auto.“ Irgendwie ist das dann alles über’s „Haus‘ gelaufen. Wir haben uns hier getroffen und darüber geredet und das Ganze organisiert. Da hast du den oder den getroffen und gefragt: „Hey, fährst du denn auch mit nach Cattenom?“ Ja, so ist das gelaufen. Oder der Gipfel war ja auch die Aktion mit den Steinen. Wir haben uns überlegt, daß wir ja eigentlich am Flohmarkt mal teilnehmen konnten mit selbstgemachten Sachen, weil das ja am besten zieht. Dann haben wir uns überlegt, was am einfachsten ist, und sind auf die Idee gekommen, Steine anzumalen. Aber woher die kriegen? Dann ist jemand eingefallen, daß oben an der Uni ’ne Menge Kieselsteine rumliegen. Dann sind wir nachts losgefahren und haben Raubzüge gestartet mit zwei, drei Autos und die voll mit Steinen geladen. Aber da ist nachher nie was draus geworden, die meisten Steine liegen heute noch im „Haus“ rum! Die bemalten Steine und Teller sahen auch so wüst aus, daß wir Sie auf dem Flohmarkt nicht losbekamen, echt, so unmöglich sahen die aus. Da haben wir unseren Verkaufsstand einfach in eine Losbude umfunktioniert. Aber manche Leute wollten dann noch nicht einmal ihre gewonnenen Steine, weil die echt schrecklich aussahen! Obwohl das alles unheimlich lustig war, z.B. wie Moses versucht hat, unser  kaputtes Klavier an den Mann zu bringen. Dann hat’s auch so’n Typ gekauft für 50 DM. Aber ‘ne halbe Stunde später kam seine Mutter und sagte: ,Nee, nee, uns kommt kein Klavier ins Haus!“
Mit Sylvester ist es auch so ’ne gemeinsame Sache. Wir feiern immer alle zusammen hier. Wenn nämlich jemand das Fest zuhause macht, stellt sich immer die Frage, wen laden wir alles ein und so. Und dann kommt immer so ein kleiner Kreis zusammen. Und das hat sich halt jetzt, seit wir das im ,Haus‘ machen, ausgeweitet. Auch mit den Feten, die machen jetzt auch viele hier im Jugendzentrum, das ist zwar irgendwie privat, aber doch offen, da kann jeder hinkommen. Und so hat sich das auch mit Sylvester entwickelt. Am Anfang, so vor drei Jahren, war’s eher ein privater Kreis, aber jetzt hat sich das halt so rumgesprochen, daß da was läuft. An Sylvester ist das ,Haus‘ dann ein Anlaufpunkt. Jeder weiß, da läuft was, die rennen um 12 Uhr auf den Schloßberg. Vor zwei Jahren haben wir auf dem Marktplatz mit den Türken getanzt und Musik gemacht und mit Sekt rumgespritzt, so mit 30 Leuten. Dann willst du das dann das nächste Jahr wieder, und jetzt machen wir das schon das vierte Mal!
Wir haben auch mal ’ne große Demo organisiert gegen dieses bescheuerte katholische Jugendzentrum in der Stadtmitte (2) Und wir haben uns noch überlegt, daß wir was Eigenes machen konnten. Wir haben uns dann abends getroffen, erst große Diskussionen geführt. Aber dann hieß es: „Wir müssen endlich mal was Praktisches machen!“ Ja, und dann hat jemand gesagt: ,,Mensch, wir machen einfach ein Lied für die Demo!“ Aber an dem Abend wurde das dann nichts mehr, und wir haben ausgemacht, wir treffen uns morgen, jemand bringt ’ne Gitarre mit.
Ali hat sich vorbereitet. Auf so ’ne Melodie von Moßmann hat er was zusammengestellt. Wir haben uns dann überlegt, was alles in das Lied rein müßte. Die Sache mit dem Bürgermeister, und daß Sie uns verschaukeln wollen. Daß wir uns aber nicht unterkriegen lassen. Auf der Basis haben wir es zusammen erweitert. Bestimmte Stellen mußten noch schärfer ausgedrückt werden. Dann haben wir noch andere Leute, die Gitarre spielen können, gefragt, ob sie nicht Lust haben mitzumachen, damit wir alle zusammen bei der Demo das Lied singen können. Dann ist das Lied noch mal geändert worden, weil es einigen noch nicht gefiel. Wir haben’s dann nochmal geändert. Es war gar nicht einfach und hat ziemlich lange gedauert. Dann haben wir das Ganze geübt, die Melodie und an dem Refrain rumprobiert, ob wir den einmal oder zweimal singen. Und wenn die Demo stattgefunden hätte, wär das auch saugut geworden. Aber dann ist ja dieser Röder gestorben, und die Demo ist verboten worden. Aber unser Lied haben wir jetzt trotzdem:

JuZ Open-Haus Lied:
(nach der Melodie: „Which side are you on“ und „Die andre Wacht am Rhein“ von Walter Moßmann)
1. In Homburg – Birkensiedlung
Da steht das Open-Haus
Das ist unser Jugendzentrum
Wir gehen da nicht raus

2. Wir woll’n uns selbst verwalten
Hier in unser’m Juz
Dem Stadtrat ist das gar nicht recht
Drum hau’n wir auf den Putz

Refrain
Auf welcher Seite stehst du
Es geht um unser Haus
Denn Ulmke, Ermer, Kapitain (3)
Die hätten uns gerne raus

3. In unser’m Städtchen Homburg
Da gibt es ein paar Leut
Die haben großen Einfluß hier
Und bestimmen, was hier läuft

4. Und diese mächt’gen Leute
Ihr wißt ja, wer das ist
Die labern dauernd „Homburg blüht“
Und bau’n den größten Mist

Refrain

5. Ein JuZ in Selbstverwaltung
Passt nicht in ihr Konzept
Drum würden die gern beschließen
Das Open-Haus muß weg

6. Doch so einfach läuft das nicht
Denn noch sind WIR ja da
Wir müssen uns jetzt wehren
Und gegen was (und wen) — das ist doch klar!

Die Gruppe Spottdrossel:

„Zu der Zeit, als das Open-Haus die Gesangsanlage bekommen hat, fing das auch mit dem Selbst-Musik-Machen an. Ein paar Leute haben immer ihre Gitarren mitgebracht und Said hatte sogar ’ne E-Gitarre dabei. Wir haben auch Feten organisiert, wo’s von vorneherein hieß, es wird keine Musik vom Tonband gespielt; Leute, ihr müßt eure Instrumente mitbringen und die Musik selbst machen. Das hat dann auch immer ziemlich gut geklappt. Es sind oft gute Sessions gelaufen.“ Aus diesem Zusammenhang heraus ist auch die Folk-Gruppe „Spottdrossel“ entstanden: Ali (g, voc), Ralph (perc), Sabine (g, fl, voc), Sabine (voc, fl), Ute (g, f1, voc).

„Über’s Haus‘ haben wir uns kennengelernt und uns dann ab und zu zum Gitarre-Spielen getroffen. Im Open-Haus ist immer viel über Musik und Musik-Machen geredet worden und da auch viele Leute dort waren, die selbst Musik gemacht haben, sind auch viele Ideen entstanden und wir haben viele Ideen bekommen. Im ,Haus‘ sind ja auch öfters Sessions gelaufen. Dann auch das mit dem Beatles-Lieder-Singen. Leute haben ihre Gitarren mitgebracht. Im Open-Haus selbst hat’s mal ’ne Gitarre gegeben, die immer da war und auf der jeder spielen konnte. Peter war auch oft im ,Haus‘, und wir haben dort auch zusammen gespielt; auch mit anderen Leuten zusammen rumgefitschelt, und dann ist mir auch die Idee gekommen, mit anderen zusammen was zu machen.
Früher haben wir so miteinander und untereinander gespielt, aber jetzt sind wir mehr ’ne Gruppe und treten von vorne auf. Obwohl, als wir im Open-Haus gespielt haben, war das eher ’ne Session. Bis kurz vorher wußten wir noch gar nicht, ob wir spielen konnen, weil alle erkältet waren. Und wir haben halt erst mal in der Teestube oben rumgespielt. Dann kamen immer mehr Leute dazu, die auch mittrommelten und mitsangen, aber dann wurd’s echt zu eng und wir sind runter in den großen Raum gegangen. Und dann wurde es doch mehr so’n Auftritt, auch weil sich die Leute so mehr im Halbkreis ganz erwartungsvoll um uns gesetzt haben. Halt so nach dem Schema Gruppe – Publikum. Es war eben auch so angekündigt. Obwohl, mir macht das immer viel aus. Ich spiel’ lieber mit Leuten als vor Leuten. Ich halt’s auch für viel produktiver, mit Leuten was zu machen, als so ’ne Distanz zum Publikum zu schaffen, so ’ne Trennung halt. Am liebsten mochten wir die Leute mit einbeziehen, aber auf die Dauer ist das schwer. Das ist auch so’n Problem mit dem Üben. Früher haben wir hier im Haus‘ geübt, und es waren öfters Leute dabei. Prinzipiell ist das auch besser, im ,Haus‘ zu proben als privat. Aber die Meinung innerhalb der Gruppe ist  zerstritten. Wenn du so ganz abgeschlossen von der Öffentlichkeit spielst, kannst du dich halt besser konzentrieren. Es ist doch ’ne große nervliche Beanspruchung und anstrengend, weil wir bestimmte Einsätze proben und den Takt zählen müssen und so. Wenn dann andere Leute dabei sind, ist der Störfaktor dann eben größer. Und manchmal kannst du das ertragen und dann wieder nicht. Am besten wär’s abwechselnd, einmal privat, einmal öffentlich, bzw. wenn bestimmte Lieder schon einigermaßen klappen, dann öffentlich proben und sich die Kritik der Leute dann anhören. Wie’s in Zukunft aussieht, wissen wir eigentlich nicht. Wir wollen auf jeden Fall mehr eigene Lieder machen und Gedichte vertonen. Den Schwerpunkt mehr auf die Aussage legen als auf perfekte Instrumentierung. Wie das im Hinblick auf so ’ne Professionalisierung und damit ’ne Entfernung vom Publikum oder vom Jugendzentrum aussieht, können wir im Moment echt noch nicht einschätzen. Jedenfalls sind wir auch weiterhin immer im ,Haus‘ und machen dort mit.“

Im selbstverwalteten Jugendzentrum Open-Haus kommt also Disco im herkömmlichen Sinne nicht vor. Discothek als feste Einrichtung, regelmäßige Veranstaltung, als feste Institution gibt es nicht, hat es auch noch nie gegeben. Oben beschriebene Aktionen und Veranstaltungen hatten nie den Charakter von regelmäßigen, sich fest etablierenden Abläufen im Jugendzentrum. Sie entstanden mehr oder weniger spontan, der aktuellen Bedürfnislage der Jugendlichen entspringend, aus dem normalen offenen Betrieb. Die
Jugendlichen halten sich entweder im Veranstaltungsraum im Erdgeschoß oder in der Teestube im Obergeschoß auf, was von Zeit zu Zeit, je nach Gemütlichkeit und jeweiliger Ausstattung wechselt. Die Räume sind jederzeit offen. Die Musikanlage ist nicht fest installiert und wird des öfteren von einem Raum zum andern geschleppt. Musik läuft fast immer, es sei denn, sie wird selbst gemacht und ist nicht an einen bestimmten Raum gebunden. In der Regel wird „progressive Rockmusik“ (Zappa, Genesis, Doors, Pink Floyd,
Gallagher etc.), „Jazzrock“, in letzter Zeit aber auch oft ,Punk‘ und „New Wave“ (Sex Pistols, Stranglers, Ian Dury, Ultravox, Nina Hagen etc.) gespielt. Die Musik wird von den Jugendlichen in Form von Cassetten selbst mitgebracht und wird von ihnen vor allem als Alternative zur aktuellen Hitparadenmusik verstanden.
Discosound und überhaupt alles, was mit Discothek zu tun hat, ist verpönt und wird  gemieden wie die Pest: „Also Discosound ist ja wohl der letzte Scheiß. So eine stumpfsinnige Computer-Musik turnt mich absolut nicht an. Und überhaupt dieser ganze Discomist, der wird solange ausgeschlachtet bis nix mehr rauskommt und dann wird was Neues erfunden. Außerdem sind mir die Discos viel zu hektisch, unpersönlich und überfüllt. Da ist ’ne derart oberflächliche Atmosphäre, da lernst du keine neuen Leute kennen. Das sind echt so fehlgeschlagene Kommunikationsstätten. Disco ist hier überflüssig, weil du dich auf andere Art und Weise austoben kannst. Ich glaubt, daß es daran hingt, daß die Leute hier im ,Haus‘ mit Disco auch was ganz Bestimmtes verbinden, nämlich Glitzersachen, sterile Musik und so. Im Open-Haus ist das halt alles verpönt. Selber Action bringen ist besser. Wir sind eigentlich noch nie darauf gekommen, sowas wie ’ne Disco zu machen. Auf der anderen Seite gibt es hier halt auch nix Festes. Wenn du ins ,Haus‘ gehst, ist es deswegen auch immer ungewiß, ob was los ist oder nicht. Es ist nie die Sicherheit, daß, wenn du dann und dann kommst, läuft auf jeden Fall sowas wie ’ne Disco. Es ist eher so: du gehst halt hin und wenn du und die Leute Bock haben, dann läuft was, sonst eben nichts, dann hängen wir halt so rum. Wenn die Leute Bock haben, ist auch schnell so ’ne Atmosphäre da, und von den Räumlichkeiten ist ja echt die Möglichkeit da, sich auszutoben. Halt in ’ner Disco ist alles so vorprogrammiert. Mit der Punk-Fete war’s halt was anderes, weil du wußtest ja gar nicht, was ’ne Punk-Fete war. Das hing total von dir ab, was das wurde. Jeder hat sich halt seine eigenen Sachen darunter vorgestellt und das dann auch gemacht. Weißt du, die Punk-Fete, das ist bei uns halt so ’ne gemeinsame Aktion und nicht wie ’ne Disco so eine feste Sache. Hier im Open-Haus sind die Leute halt nicht an Disco interessiert, hier organisiert keiner ’ne Disco. Hier will niemand die Leute durch ’ne Disco anlocken. Hier ist mehr Interesse an gemeinsamen Aktionen. Die meisten Leute kommen auch speziell hierher, weil Sie wissen, daß hier keine Disco läuft. Wir wollen auch nicht irgendwie so was vorgesetzt bekommen. Es ist halt auch so ’ne Tradition. Das „Haus‘ soll freigehalten werden von kommerziellen Sachen.“

 

Hervorgegangen ist das Selbstverwaltete Jugendzentrum Open-Haus aus dem 1972 gegründeten „Verein zur Betreuung drogengefährdeter Jugendlicher Open-Haus e.V.“, der seine Hauptzielsetzung in der vorsorgenden Betreuung der drogengefährdeten Jugend sah. Diese Aufgabe konnte jedoch von den ausschließlich ehrenamtlichen Mitarbeitern nicht geleistet werden. Viele sprangen frustriert ab, so daß bis 1975 die Jugendlichen nach und nach die Organisation des Hauses übernahmen und es zu ,ihrem‘ Jugendzentrum machten. Der alte Verein wurde umbenannt in ,Verein freie Jugendarbeit Open-Haus e.V.“ und fungiert seither als Trägerverein des Jugendzentrums.
Seit 1977 setzt sich der Vereinsvorstand ausschließlich aus aktiven Jugendlichen  zusammen. Das Gebäude liegt ziemlich dezentral, etwa 5 km von der Stadtmitte entfernt und ist relativ schlecht zu erreichen. Es steht mitten in einem Einfamilienhausgürtel, einem ruhigen Wohngebiet. Durch den gerade bei Veranstaltungen aufkommenden hohen Mofa- und Autoverkehr entstehen regelmäßig Konflikte mit den Anwohnern, die auch ansonsten nicht gut auf das Jugendzentrum zu sprechen sind (,,Haschbude“, “Langhaarige“ etc.). Immer wieder kommt es zu gegenseitigen Provokationen, obwohl in letzter Zeit (nach nunmehr 6 Jahren offenem Betrieb!) eine Beruhigung eingetreten ist.
Die Räumlichkeiten sind ziemlich beengend und umfassen insgesamt ca. 200 qm. Im  Keller befinden sich ein Fotolabor, der Druckraum und der Tischtennisraum. Das Erdgeschoß besteht aus einem großen Veranstaltungsraum mit Küche und Theke. Das Obergeschoß ist zu einer Teestube umgebaut worden. Alle Räume sind mit Sperrmüllmobeln ausgestattet und ausschließlich von den Jugendlichen selbst gestaltet bzw. renoviert worden. Zur technischen Ausstattung gehören ein Fotolabor, eine Offsetdruckmaschine, ein 16mm-Filmvorführgerät und eine mobile 60-Watt Stereoanlage.
Die Organisation des Hauses verläuft mehr oder weniger kontinuierlich, d.h. es ist ein ewiges Auf und Ab, je nach personeller Fluktuation bzw. internen oder externen Schwierigkeiten. Durchgehend nehmen jedoch immer Jugendliche das Open-Haus als einen nicht fremdbestimmten Bereich wahr und versuchen, ihre Interessen selbstbestimmt zu verwirklichen, was je nach Personen- und Altersstruktur bzw. „Lage der Dinge“ erfolgreich verläuft. Der Einzugsbereich des Open-Haus ist sehr groß (bis zu 30 km), da es in dieser Gegend das einzige „echte“ offene Angebot ist. In Homburg (eine Stadt mit 40000 Einwohnern) gibt es außer punktuellen Angeboten der kirchlichen Träger keine weiteren Freizeiteinrichtungen für Jugendliche.
Finanziert wird das Jugendzentrum einerseits durch die Stadt, die das Haus mietfrei zur Verfügung stellt, bzw. Strom und Wasser trägt. Andererseits durch den Kreis, der in den letzten Jahren durchschnittlich 5000 DM zur Verfügung stellte. Das Land gibt keine Zuschüsse. Ca. 3000 DM werden vom Open-Haus aus den laufenden Veranstaltungen (Konzerte und Filme) und dem Thekenbetrieb eigenständig erwirtschaftet. Mit einem durchschnittlichen Jahresetat von 8000 DM befindet sich das Open-Haus in einer permanenten finanziellen Misere, was sich natürlich vor allem auf die materielle und technische Ausstattung auswirkt. Hinsichtlich dieser finanziellen Engpässe wird sich auch in Zukunft nichts ändern, da Land, Kreis und Stadt sich beharrlich weigern, größere finanzielle Mittel zur Verfügung zu stellen. Es ist sogar zu befürchten, daß die Zuschüsse für das Jugendzentrum ganz gestrichen werden, da die katholische Kirche ab Herbst 1980 ein Jugendhaus in der Stadtmitte betreiben wird. Stadt und Kreis werden diesen ,seriösen* Träger mit jährlich 50000 DM bezuschussen (laut Stadtratsbeschluß vom 29.5.79). Weiterhin wurde von städtischer Seite ausdrücklich darauf hingewiesen, daß die Stadt Homburg sich außerstande sieht, zwei Jugendzentren finanziell zu unterstützen.
Im Jugendzentrum gibt es keinen hauptamtlichen Sozialarbeiter bzw. sonst eine fest angestellte Fachkraft. Die gesamte Organisation liegt in den Händen der Jugendlichen selbst. Höchstes Organ im Haus ist die wöchentlich tagende Vollversammlung. Auf ihr werden alle anstehenden Probleme geregelt (,,Letzte Woche kritisch reflektieren – Kommende Woche realistisch planen“ – aus einem VV-Protokoll vom März 77). Stimmrecht hat grundsätzlich jeder Jugendliche, der daran teilnimmt.
Konflikte mit dem Trägerverein gibt es nicht, da – wie schon oben erwähnt – mittlerweile  der Verein aus den Jugendlichen selbst besteht. Er dient hauptsächlich dazu, die Interessen des Jugendzentrums nach außen hin zu vertreten. Vereinsmitglieder sind grundsätzlich alle Jugendlichen (14-25 Jahre), bzw. diejenigen, die sich glaubwürdig für deren Interessen einsetzen. Arbeitsgruppen im herkömmlichen Sinn existieren nicht. Höchstens Gruppen, die sich punktuell und spontan zusammenschließen, um bestimmte Arbeiten (Bedürfnisse) zu erledigen (befriedigen). Je größer der Gebrauchswert (das Bedürfnis), desto länger ist die Gruppe zusammen.
Feste Einrichtungen sind lediglich die wöchentliche Vollversammlung und der „Open-Haus-Film“; alles andere (Vorstandssitzungen, Mitgliederversammlungen, Reparaturen, Saubermachen, Thekendienst etc.) wird unbürokratisch und je nach Bedarf geregelt. Z.Zt gibt es einen Aktivistenkreis von ca. 25 Leuten, von denen die hauptsächlichen Impulse ausgehen. Nach einer größeren Fluktuation, bedingt durch Studium, Bundeswehr/Zivildienst, Arbeitsplatzwechsel und „Flucht aus der Provinz“, wächst der Stamm der Aktivisten wieder. Diese Jugendlichen kennen sich gut untereinander und bilden gewissermaßen die Stammclique. Den meisten Besuchern sind sie in ihrer Person und Funktion bekannt. Konfliktstoff ergibt sich vor allem aus der Auseinandersetzung mit der Öffentlichkeit (Nachbarschaft, Stadt, Jugendamt, „öffentliche Meinung“), der das „Treiben“ der Jugendlichen in einem Haus „ohne Aufsicht“ suspekt ist, was natürlich nicht den besten Ruf des Jugendzentrums zur Folge hat und die Jugendlichen seit Bestehen des Hauses mit dem Zwang einer permanenten Öffentlichkeitsarbeit belastet. Durch die ständige Androhung einer Schließung von offizieller Seite (,,Lärmbelastigung“, „Drogenmißbrauch“, „politische Indoktrination“ etc.) hat sich eine regelrechte „Paranoia“ breitgemacht. Aus diesem Grunde wird auch strikt darauf geachtet, daß interne Konflikte nicht an die Öffentlichkeit getragen werden.
Das Open-Haus ist in der Woche jeden Tag ab ca. 19 Uhr geöffnet, was mehr oder weniger demjenigen überlassen bleibt, der sich bereit erklärt hat, das Haus zu öffnen. Es gibt also keine streng nach unten oder oben (außer Polizeistunde) festgesetzten Öffnungs- und Schließzeiten. Es besteht kein Konsumzwang, d.h. mann/frau kann sich den ganzen Abend dort aufhalten, ohne einen Pfennig auszugeben. Samstags finden in unregelmäßiger Folge Konzerte, Feten und sonstige Veranstaltungen statt. Über die Woche wird das Haus sporadisch von verschiedenen Interessengruppen (Film, Gedichte, Drucken, Renovieren, Theater, Zeitung etc.) genutzt. Außerdem existiert noch eine Fußballmannschaft („Zwietracht Open-Haus“).
Die Besucherzahlen sind unterschiedlich. Je nach Wochentag und Veranstaltung von 5 bis 160 Leute. Im Durchschnitt an Wochenenden 40 bis 70 Jugendliche. Das Besucheralter reicht von 14 an aufwärts: 50% Schüler, 25% Azubi’s, 20% Arbeitslose, 5% Studenten. Männliche und weibliche Besucher halten sich in etwa die Waage. Das Stammpublikum, das ins Jugendzentrum kommt, versteht sich durchweg als kritisch: „Ich seh’ mich nicht als ein Stück der Masse der Jugendlichen. Weißt du, hier verkehren Leute, die sich in ihrer Art dem normalen Leben entgegengesetzt verhalten, die nicht gleich nach der Schule oder der Arbeit ihre Kleidung gegen Discoklamotten tauschen. Sie sind irgendwie ehrlicher.“ Allgemein sieht sich das Stammpublikum anders und verhällt sich auch anders als die Mehrzahl der Jugendlichen, was sich sowohl in Kleidung, Gesprächsthemen und Verhaltensweisen manifestiert. Für die jugendlichen Stammbesucher des Open-Haus, für die im Jugendzentrum etablierten Leute, stellt das Haus einen Freizeitraum dar, resistent gegenüber Schule, Eltern, überhaupt Aufpassern und Autoritäten. Es existieren keine der sonst üblichen Aufsichtspersonen; die Jugendlichen können sich uneingeschränkt bewegen. Eventuelle Konflikte werden intern und untereinander geregelt. Handlungsabläufe jeglicher Art (und gerade auch ästhetische und sinnliche Prozesse) können sich ungehindert entfalten. Der vorgegebene strukturelle Rahmen läßt eine dermaßen große Handlungsfreiheit, daß den Jugendlichen eine konkrete Bedürfnisbefriedigung möglich ist bzw. realisierbar erscheint, was bei den Stammbesuchern einerseits zu einer totalen Identifikation („Das ist unser Jugendzentrum“), andererseits zu einem starken Insiderverhalten führt. Und dies macht auch die Problematik des „normalen“ (Zufalls-) Besuchers aus, der nicht zu der Gruppe bzw. zum Stammpublikum gehört. Für diese Jugendlichen stellt sich das Jugendzentrum aus der Perspektive des Außenstehenden dar. Sie, die vielleicht auch vom Äußeren nicht den Erwartungen des „elitären“ Stammpublikums entsprechen, haben es in der Regel schwer, Kontakte zu knüpfen und die Strukturen des Jugendzentrums zu durchschauen. Sie bleiben sich selbst überlassen, ziehen sich frustriert zurück und kommen nicht mehr wieder. Die Aktivisten sind sich der Tatsache bewußt, daß es Jugendliche gibt, die  Kommunikationsschwierigkeiten haben, denen es schwerfällt einzusteigen, einfach mitzumachen, halten sich aber selbst für überfordert, solche Leute zu integrieren. Teils aus eigener Unsicherheit, teils aus Angst einer „Verpflichtung“ diesen Leuten gegenüber, bzw. weil sie keinerlei pädagogische Ambitionen haben. Von den Jugendlichen wird eigentlich überhaupt keine Arbeit gemacht, die den Anspruch hat, pädagogisch zu sein. Jedenfalls steckt nicht von vorneherein ein beruflicher bzw. professioneller Anspruch und eine bestimmte Taktik bzw. methodisches Verhalten dahinter, sondern auschließlich die eigenen Bedürfnisse bzw. der Anspruch, sich selbst zu verwirklichen.
Da das Open-Haus seine Mitarbeiter und Besucher aus vor allem schon motivierten bzw. kritischen Jugendlichen rekrutiert, kommt es über seinen subkulturellen Status nicht hinaus. Und diese Jugendlichen müssen eine hohe Frustrationstoleranz und großes  Durchhaltevermögen haben, was zwangsläufig zu einer Selektion führt. Es bleiben nur diejenigen Jugendlichen übrig, die die Lage gecheckt‘ haben: daß nämlich nur dann was läuft, wenn sie selbst was organisieren. Diejenigen, die voll auf dem in Discotheken üblichen Konsumbetrieb „abfahren“, fallen heraus; ebenso die Zufallsbesucher, deren Orientierungslosigkeit durch die auf den ersten Blick chaotischen Strukturen des Hauses verstärkt wird und die dadurch oft abgeschreckt werden. Als Ansprechpartner, als Anlaufpunkt fehlt auf jeden Fall ein Jugendarbeiter, der hier seine pädagogische Aufgabe hätte.
Andererseits schränkt kein „übersensibler“ Pädagoge das Verhalten und die Aktivitäten der Open-Haus- Jugendlichen ein, so daß sich Selbstenfaltungsmöglichkeiten bieten, die in einem „pädagogischüberwachten“ Jugendhaus undenkbar wären. Gerade auch in Bezug auf Musik und Tanz können die Jugendlichen ihre Bedürfnisse weitgehend realisieren, selbstbestimmt und mit konkreten Erfolgsaussichten – im Gegensatz zum  institutionalisierten Discothekenbetrieb, in dem zwar immer wieder auf die Bedürfnisse angespielt wird, in dem Sie aber letzten Endes kaum eingelöst werden. Im Open-Haus ist dies anders. Es gibt eine bestimmte Qualität an Aktionsformen, die dem normalen Discothekenbetrieb iiberlegen ist. Da der strukturelle bzw. atmosphärische Rahmen ganz offen und frei ist, im Gegensatz zu den stark reglementierten Jugendhäusern mit ihren institutionalisierten Discotheken, brauchen sich die Open-Haus-Jugendlichen nicht in die Disco zu flüchten, die ansonsten der Ort mit dem größtmöglichen Freiraum ist.
Insgesamt auf die Lebensrealität der Jugendlichen im Open-Haus bezogen, bleibt die Bedürfnisbefriedigung auch nur relativ, da die Aktionen im Jugendzentrum weitgehend Einmaligkeits- bzw. Zufälligkeitscharakter haben und zwischendurch der „triste Alltag Einzug hält“ und mit ihm die „öde, leere Phantasielosigkeit“, die eben im Gegensatz steht zu den ,guten Zeiten“ im selbstverwalteten Jugendzentrum Open-Haus. Ein übergreifender Lebenszusammenhang kann also auch hieraus nur sehr schwer entstehen; zwar werden die Aktionen kollektiv erfahren und erlebt, haben aber letzten Endes nur geringe (subjektive) Auswirkungen auf das Leben „draußen“. Eine bewusste Reflexion fehlt; auch steht das sich aus dem gemeinsamen Handeln entwickelnde kollektive Bewusstsein im Gegensatz zu den Zufälligkeiten der Aktionen.

1 VSIS = Verband saarlindischer Jugendzentren in Selbstverwaltung e.V. – Die
Demonstration am 4.7.79 richtete sich gegen den Bau des grofiten Atomkomplexes
in Westeuropa. Das franzésische Cattenom liegt im Dreilindereck Bundesrepublik,
Frankreich. Luxemburg.
2 In einer dubiosen Stadtratsentscheidung (am 29.5.79) bescherte die CDU/FWG – Mehrheit der Homburger Jugend ein Jugendzentrum in katholischer Trägerschaft. Ein Produkt des Interessenfilzes führender Homburger Kommunalpolitiker. Völlig iibergangen wurde vor allem die Tatsache, daß die Jugendlichen des selbstverwalteten Jugendzentrums Open-Haus schon seit 6 Jahren geeignetere Räumlichkeiten in der
Stadtmitte fordern.
Ausführlich über diesen Sachverhalt informieren kann mann/frau sich in:
— PROVINZ-BLATT, Freie Zeitung für Homburg und Saar-Pfalzkreis; Nr. 8;
Aug./Sept. 79; S. 5-10: „Für wen baut die Kirche ein Jugendzentrum? Interessenfilz
und Beschlüsse iiber die Köpfe der Jugendlichen hinweg“.
– NACHRICHTEN, Zeitung des Verbandes saarländischer Jugendzentren in Selbstverwaltung (VSJS) e.V.; Nr. 6+7/79;S. 1+3: „6 Jahre Jugendarbeit umsonst?“.
3 Ulmke = Oberbürgermeister von Homburg; CDU-Mitglied
Ermer = Herausgeber des Kreisanzeigers (Amtliches Veröffentlichungsorgan der Kreisstadt Homburg); Vorsitzender der Bauherrengemeinschaft, die das Gebäude baut, in das das Jugendzentrum soll; FWGStadtratsmitglied
Kapitain = Aufsichtsratvorsitzender der Volksbank Homburg (die den Kredit gibt); 2. Vorsitzender des St. Elisabethenvereins (der katholische Träger des Jugendzentrums); CDU-Fraktionsvorsitzender im Homburger Stadtrat