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Sex and Drugs and Rock'n Roll - alles easy in Jugendzentren?

von Angelika Kraus, Leiterin des Projektes „Sexualpädagogische Fortbildung in der außerschulischen Jugendarbeit“

Nein, gar nichts easy. Höchstens die Musik, wenn die Nachbarn weit weg wohnten oder schwerhörig waren. Drug und Sex waren so ’ne Sachen.
Sexualität war in den 1970er Jahren trotz erster „freizügiger Kinofilme“ (Zutritt erst ab 18!) in Elternhaus und Schule ein Tabuthema und war in der Zeit vor Internet für Jugendliche „von Sachkenntnis weitgehend ungetrübt“. Im Freiraum Jugendzentrum wurden Kontakte und Beziehungen geknüpft so dass sich irgendwann die ersten sexuellen Erfahrungen ergaben. Um mit dem Partner/der Partnerin über die eigenen Bedürfnisse, Erwartungen und das eigene Erleben zu reden fehlten Sprache, Lockerheit und Übung („soziosexuelle Kommunikationsfähigkeit“).
An meiner Schule (Gymnasium Ilingen) war eine 15 Jährige schwanger geworden und sollte von der Schule „fliegen“ (was ein beherzter älterer Lehrer verhindern konnte). Aus unserer Arbeit im JUZ Illingen und im VSJS -Vorstand wussten wir, mein damaliger Freund Berthold und ich, dass Unwissen und Sprachlosigkeit zwischen Jungen und Mädchen verbreitet war, und selbst linkes politisches Denken war nicht imstande das zu überwinden
(Zum Beispiel war der Irrglaube verbreitet, man könne beim ersten Mal nicht schwanger werden). Das war für uns Anlass, 1976 den Verein Pro Familia Saarbrücken mit anderen zusammen zu gründen und dort ehrenamtlich in der Telefonberatung mitzuarbeiten (vor der Reformierung des § 218 häuften sich Fragen zu „Hollandfahrten“). 

In ersten VSJS Freizeiten boten wir mit dem Verhütungsmittelkoffer der Pro Familia AGs zur Sexualität an, die guten Zuspruch fanden. Berthold, nach erstem Lehrer-Staatsexamen ohne Stelle, trat 1977 eine ABM-Stelle bei Pro Familia an, Schwerpunkt Sexualpädagogik. 1977-1978 organisierten wir eine erste Fortbildung Sexualpädagogik für Pro Familia-Mitarbeiter, Studenten und soziale Berufe (10 Termine à 2 Stunden).
Das Fortbildungskonzept umfasste Vermittlung von Wissen, Befähigung zur Handlungskompetenz in Schule und Jugendarbeit sowie zur Reflexion der eigenen Einstellungen und Erfahrungen. Mit Abschluss der Fortbildung waren wir selbstbewusst und mutig genug um den Versuch zu starten, die Blackbox Sexualität aufzuknacken.,

Als passendes Werkzeug dazu erdachten wir „Sexualpädagogische Fortbildung für Mitarbeiter der außerschulischen Jugendarbeit“. Diese Idee konnte als Modellprojekt mit Finanzierung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, Köln, 1979 bis 1981 im Kontext der Medien „Betrifft: Sexualität“ realisiert werden. Die Finanzierung gelang dank
Berthold, der bei einem Seminar der BZgA die zuständige Referentin erfolgreich „bezirzen“ und von dem Potential der Saarbrücker überzeugen konnte.
Das Projekt lief auf zwei Ebenen: Fortbildung für haupt- und ehrenamtliche Jugendbetreuer, Lehrer (viele als ABM in der Jugendarbeit angestellt), Studenten und parallel dazu Angebote in Jugendgruppen und Jugendzentren. Die Projektmitarbeiter/innen mussten sich in der Jugendarbeit, meist in selbstverwalteten Jugendzentren, erden. Bis auf die ABM-Stelleninhaber (Berthold 1977/78 und ab 1979 Angelika) waren die Mitarbeiter nebenamtlich als Honorarkräfte tätig, was in der Zeit arbeitsrechtlich unstrittig war.
Der VSJS leistete als Kooperationspartner großzügige Unterstützung mit Öffentlichkeitsarbeit, bot in Mitgliederversammlungen ein Forum und stellte Kontakte her. Die Fortbildungskurse für VSJS-Aktive waren gut besucht.
Die Praxis in Jugendzentren – u.a. Dirmingen, Schmelz, SB-Wackenberg – umfasste die Kernthemen Freundschaft und Liebe, Empfängnisverhütung, das erste Mal, Schwangerschaft und Schwangerschaftsabbruch, Homosexualität, Männlich-Weiblich, Geschlechtskrankheiten. Die 6-8 Termine à 2 Stunden gestalteten Zweierteams Frau und Mann. Das hatte den Grund, weil die Jugendlichen bei vielen Themen nach Geschlechtern getrennt werden mussten um Sprachlosigkeit und Ängste zu überwinden und sich der eigenen Geschlechtsidentität bewusst zu werden. Gruppen- und spielpädagogische Methoden, die wir uns in der Akademie Remscheid bzw. mit deren
Materialien angeeignet hatten, erleichterten den Einstieg wie auch die Filme und Materialien des Medienpaketes „Betrifft: Sexualität“ der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (die 1982/1983 nach Beginn der Bundeskanzler-Kohl-Ära eingezogen und fast vollständig vernichtet wurden wegen „Anstiftung zu freier Sexualität“).
In den Projektsitzungen in Jugendzentren ging es nicht nur um Wissensvermittlung, sondern auch um Reflexion eigener Vorstellungen und Einstellungen und insbesondere um den Erwerb des Sprachvermögens.
Insofern hatte das Projekt eine emanzipatorische Zielsetzung, ohne dass dies explizit so benannt wurde. Sexualität als integrierter Bestandteil der Persönlichkeit und Identität, der in einer der vielen möglichen Varianten auszuleben legitim sei, das zu vermitteln war unser Anspruch. Für die in den Jugendzentren teilnehmenden Jugendlichen war das Projekt vermutlich ein (kleiner) Beitrag, um sich aus Unwissen, Angst und Sprachlosigkeit zu befreien. „Vermutlich“, weil das im Projekt diesbezüglich nicht näher untersucht wurde – lediglich in den regelmäßigen professionellen Supervisionssitzungen der Projektmitarbeiter kamen solche Aspekte zur Sprache.
Trotz der o.g. Aktitäten konnte es leider nicht 100%ig gelingen, ungewollte Schwangerschaften von JUZ-Besucherinnen zu verhindern. Kurz nach der Zeltlager-Freizeit in Epinal wurde eine 16 Jährige aus einem ländlichen JUZ schwanger. Weder sie noch ihr Freund hatten Gebrauch gemacht von der Kondomauswahl, die in einem Zelt frei zugänglich war, noch die AG-Infos zur Verhütung in der Praxis zutreffend implementiert. Ich hoffe, dass diese Jungschwangerschaft einen guten Ausgang fand.
Für mich persönlich war das sexualpädagogische Projekt die erste Stelle nach dem Studium und wegweisend für meine berufliche Entwicklung. Es folgten Anstellungen bei der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung Köln (Referentin für Jugendmedien und -projekte), in der Drogenberatung Saarbrücken (Drogenprävention) und in der Stadtverwaltung Saarbrücken (Gesundheitsförderung, Drogenprävention und Drogenhilfe).
Sex and Drugs entpuppten sich im Nachhinein als roter Faden meiner Erwerbsbiografie. War auch nicht easy, aber sehr interessant und nie langweilig.

Angelika Kraus, Diplom Soziologin, 1979-1981 Leiterin des Projektes „Sexualpädagogische Fortbildung in der außerschulischen Jugendarbeit“


Anmerkung zu meiner geschlechterundifferenzierten Schreibweise: ich war und bin weder frauenbewegt noch eine Freundin des Genderns. Ungleichheit zwischen Männern und Frauen ist in der Struktur von Gesellschaft, in der Art des Wirtschaftens, in Kultur und Religion angelegt. Sprache kann zwar als Instrument von Herrschaft benutzt werden, muss es aber nicht sui generi sein. Wenn ich die männliche Form benutze tue ich es herrschaftsfrei, und es gilt immer gleichermaßen für Frauen und Männer. Moderne gendertaugliche Wortschöpfungen wie „Studierende“, „Lehrkräfte“ oder den Einsatz von *
oder _ finde ich albern. Sie verändern keine realen Lebensumstände. Ich halte es mit dem vielzitierten Spruch von Berthold Brecht „erst kommt das Fressen, dann die Moral“.

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