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Verband saarländischer Jugendzentren in Selbstverwaltung e.V.

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Körpererfahrung, sexuelles Selbst und Beziehungen „… on the road to find out“ (Yusuf Cat Stevens)

Was vor der Zeit im JuZ geschah: Familie, Kirche und Schule 

Wie sollte es in einem kirchlich-katholisch und von einem konsumistischen Wohlstandslebensstil geprägten Umfeld auch anders sein: Wir waren Beschädigte, die Beschädigte nicht retten konnten.

Um verständlich zu machen, was im Jugendzentrum in Sachen Körpererfahrung, sexuelles Selbst und Beziehungen geschah oder nicht geschah, muss ich etwas ausholen. Ich illustriere das Geschehen im JuZ mit der Geschichte des Jugendlichen Ali M. 

Als Kinder schon hatte man uns einer Art kulturellem brain washing unterzogen. Vor dem Hintergrund der Sexualmoral und Körperfeindlichkeit der katholischen Kirche waren wir buchstäblich verklemmt. 

Aber there ist a crack in everything, that’s how the light gets in (Leonard Cohen) . Trotz des sozio-kulturellen brain washing gab es manchmal dennoch kleine versteckte Widerstandspraktiken. Aber – wie sich zeigte – keinesfalls eine Befreiung.

Einige von uns hatten trotz der Verbote „Doktor-Spiele“-Erfahrungen gesammelt. 

Der Preis für solche Widerspenstigkeiten war, dass alle Beteiligten sich schuldig fühlten. Die Eltern oder andere Erwachsene hatten uns pflichtschuldig – sie gehorchten offensichtlich derselben kirchlich verqueren Sexualmoral – „zur Rede gestellt“. Den Kindern wurde eingebleut: „So etwas tut man nicht“.  Viele von uns erlebten – die Erinnerung an die interessante und aufregende Körpererfahrung war ja nicht vergessen – das Auseinandertreten zwischen dem, „was man tut und was erlaubt ist“ und dem, was einer selbst körperlich spürt und emotional empfindet. Als Kinder erlebten wir damit eine erste und prägende Entfremdungserfahrung in Bezug auf den eigenen Körper und die eigne Sexualität sowie die eigenen Gefühle, Empfindungen und Wahrnehmungen.

Kinder in einem saarländischen katholischen Umfeld wurden ungefähr mit zehn Jahren mit dem kirchlichen Ritual der „ersten heiligen Kommunion“ konfrontiert. Vor dem Kommuniongang musste jedes Kind durch die Prozedur der Beichte. Wir erinnern uns: Laut katholischem Glaubensbekenntnis ist jeder Mensch von Geburt an mit der Erbsünde behaftet. Ausnahmslos jede und jeder ist damit – vor jeder Tathandlung – schuldig gesprochen. Ausnahmslos alle haben damit, ob absichtlich oder ohne Absicht ist irrelevant, gegen die „Gebote“ der Katholischen Kirche verstoßen. 

Eine Auflistung solcher Verstöße und Schandtaten, in der kirchlichen Sprache als „Sünde“ bezeichnet, findet man im Beichtspiegel des Katholischen Gesangbuches. Ein katholischer Pfarrer kann einen – vorausgesetzt man bekennt sich schuldig d.h. man „beichtet“ – von der Sünde bzw. der Schuld freisprechen. 

Das 6.Gebot etwa regelt den Umgang mit Körperlichkeit, mit Sexualität. Die mit dem Gebot verbundene Sollensforderung geht soweit, dass man nicht nur wegen konkreter Handlungen und Taten schuldig werden kann. Man darf auch keine „unkeuschen Gedanken“ haben. 

Das Problem des 10jährigen Ali M. – alle, die einen saarländischen Dialekt beherrschen, kennen das Problem: „Kirche“ und „Kirsche“ bzw. Ch und Sch lautsprachlich zu differenzieren, ist für saarländische Muttersprachler nicht selbstverständlich – bestand darin, dass er keuch und keusch verwechselte. Er hatte von Keuchhusten gehört und folgerte daraus, dass alle, die sich mit Keuchhusten rumschlagen mussten, damit auch offensichtlich gegen das Verbot unkeuscher Gedanken und vielleicht sogar Handlungen verstießen. Sie waren offensichtlich und unüberhörbar Schuldige und Sünder. 

Erst im Laufe seiner Flucht über die Meta-Ebene bzw. seinem sicheren Versteck („safe space“) begegnete Ali M. dem Buch „Eroberung des Glücks“ des britischen Philosophen Bertrand Russell. Die Thesen von Russell und später dann die Musik und die Ansage von Patti Smith während des Loreley-Konzertes: „I am an american artist. I have no guilt. I have no truth, but the truth inside you“ (Patti Smith) etwa ab Min: 7:30) korrigierten den von dem kirchlich-katholischen Umfeld erzeugten Irrglauben von der moralischen Minderwertigkeit in Sachen Körperlichkeit, Sexualität und Lust. 

Sogenannten Aufklärungsunterricht bekam Ali M. dann durch den katholischen Religionslehrer und Pfarrer während der Gymnasialzeit. Vor dieser Schul-Lektion in Sachen Körperlichkeit und Sexualität holte sich die Schulleitung des Staatlichen Knabenrealgymnasiums die schriftliche Erlaubnis zur Durchführung dieses Extra-Unterrichtes von den Eltern ein. Die Eltern willigten nur allzu bereitwillig ein. Sie waren erleichtert, dass ihnen diese Aufgabe abgenommen wurde. An Inhalte des Extra-Unterrichts kann sich Ali M. heute, 50 Jahre später, nicht mehr erinnern. Im Rückblick schien sich der katholische Religionslehrer zumindest bemüht zu haben, die Aufklärung als so eine Art verlängerten Biologie- und Hygiene-Unterricht durchzuexerzieren. Frustrierend war es damals für Ali M. zu erfahren, dass es nur wenigen Jungen gelingt, nicht zu onanieren. Er gehörte nicht zu dieser Elite. 

Genauso wenig wie bei der „Leibes-Übung“ im Sport-Unterricht: Felg-Aufschwung am Reck gelang ihm nie. Sport- bzw. Turnunterricht und die jährlichen Bundesjugendspiele unterschieden sich nur in Details – die schulische Benotung – von den Körpererfahrungen im Fußball- und später dann im Handballverein. Beide Bereiche, Schule und Freizeit, können als körperbezogenes Training und Disziplinierung mit dem Ziel der Funktionstüchtigkeit für den erbarmungslosen Konkurrenzkampf in der industriellen Leistungsgesellschaft bzw. Arbeitsgesellschaft und Konsumgesellschaft betrachtet werden.  

Das Wort „geil“ hörte er zum ersten Mal auf dem Schulhof von Mitschülern, die als Sitzenbleiber oder als Rabauken schulbekannt waren. In die Rubrik „geil“ schienen ihm auch die Bilder der Kino-Schaufenster zu gehören, die einen „Schulmädchen-Report“ anpriesen. Andre Schulhof-Begriffe wie „Fotze“, „Möse“ oder „Schwanz“ wagte Ali M. nicht zu denken oder selbst in den Mund zu nehmen. Das änderte sich erst in der Jugendzentrumszeit als er vom „Dirty Speech“-Movement der Hippies und der Black Panther-Bewegung in den USA hörte und dann „Sexfront“ und „Das Sex Buch“ von Günter Amendt in die Hände bekam. Das mann(!) über Sexualität sehr wohl auch ohne entwertenden und abfälligen Unterton reden kann, lernte er durch die Lektüre der Schriften von Volkmar Sigusch und Martin Dannecker.

Orte der Begegnungen mit anderen: Tanzschule und Oberschüler-Kommerse

Die Begegnung der Geschlechter war streng geregelt. Eine gesellschaftlich erlaubte Begegnung stellte der Tanzkurs dar.

Der Klassensprecher einer Schulklasse des Knabenrealgymnasiums hatte die Aufgabe, eine entsprechende Klassensprecherin des Mädchenrealgymnasiums zu bitten, dass die Schüler und Schülerinnen einen Tanzkurs in einer örtlichen Tanzschule belegen. 

War diese Frage geklärt und alle trafen sich zum ersten Tanzkurs-Termin, gab der Tanzlehrer die entsprechenden Regeln bekannt. Alles begann damit, dass jeder Junge sich ein Mädchen als Tanzpartnerin aussuchen und dieses Mädchen zum Tanz auffordern musste. Bevor die ersten Schritte und Bewegungen miteinander praktiziert worden waren, hatte die Konkurrenz des „Wer bekommt welche oder welchen ab?“ schon begonnen. In der nächsten Konkurrenz schälten sich die besten Tänzerinnen und Tänzer heraus. Irgendwann wurde dann der Termin des Abschlussballs, in Homburg im Städtischen Saalbau, bekannt gegeben. Die Eltern der Tanzkurs-AbsolventInnen sollten eingeladen werden. Auf angemessene Kleidung – Mädchen im Abendkleid, Jungen im Anzug oder wenigstens Jackett mit Schlips – war zu achten.  Dann der Abschlussball-Abend: Zuerst zeigten die Tanzschülerinnen und -schüler miteinander die einstudierten Standard-Tänze. Dann mussten die Jungen mit den Müttern ihrer Tanzpartnerin, die Mädchen mit dem Vater des Tanzpartners einen Wiener Walzer tanzen. Danach das Ganze nochmal mit dem eigenen Vater bzw. Mutter. Später wurde das ganze Geschehen etwas ausgelassener. 

Soweit die Begegnung der Geschlechter im kleinstädtischen Tanzkurs.

Die Fortsetzung solcher Geschlechter-Begegnungen war der Oberschüler-Kommers. Die Kontakte waren im Zusammenhang mit dem Tanzkurs geknüpft. Mädchen und Jungen verabredeten sich zum Kommerz bzw. zur Disco-Veranstaltung im kirchlichen Gemeindezentrum. 

Ali M. hoffte, dass er mit einer ausklügelten Strategie ein Mädchen auf sich aufmerksam machen konnte, das ihm auf dem täglichen Schulweg schon aufgefallen war wegen ihrer Afro-Look-Frisur. Afro-Look kannte Ali M. von Marsha Hunt aus dem Hair-Film und von Bildern, die Angela Davis zeigten. Er postierte sich in einer knallgelben Regenjacke (Friesennerz) und mit einem ebenso gelben Reclam-Heftchen, der Titel „Gedichte von Friedrich Hölderlin“ sollte deutlich sichtbar sein, an der Seitenlinie der Tanzfläche. Aber es war vergeblich. Irgendwann sah er, dass dieses attraktive Mädchen ausgerecht mit dem in Ali M.‘s Augen „blödesten“ Jungen auf dessen Moped wegfuhr.

Die Erfahrung des eigenen Körpers und die Begegnung mit Mädchen war stets verbunden sowohl mit Leistungsstress und Konkurrenzkampf wie auch mit Verboten und Schuldgefühlen. Sinnliche Körperwahrnehmungen anderer Körper waren verbunden mit entwertenden Begleitgedanken. Eigene lustvolle Empfindungen, Gefühle und Gedanken waren einem kontinuierlichen Pornographie- und Sünde-Verdacht ausgesetzt. Auf gar keinen Fall durfte der eigene Leib als Quelle von angenehmen Empfindungen und Lust erlebt werden. In Folge der im Laufe der Erziehung dann internalisierten gesellschaftlichen Normen war eine genussvolle Hingabe an positiven Körper-Empfindungen zumindest blockiert, wenn nicht gänzlich verhindert. Der eigene Körper war bestenfalls, vorausgesetzt die entsprechende kontinuierliche Disziplinierung zeigte Früchte, ein Instrument zur Erreichung sozio-kulturell vorgegebener Leistungsziele.

So war alles, was mit Sinnlichkeit und Körpererfahrung, mit Sexualität und Beziehungen zusammenhing, beschädigt bis verklemmt oder mittelmäßig bis verboten. Ganz selten konnte es mit Lust und Genuss und wenn, dann immer mit einem Anflug von schlechtem Gewissen, verbunden werden.

Wir wollten etwas Anderes

Neben den Gedanken, Ideen und Argumenten, denen er bei seiner Flucht über die Meta-Ebene in Büchern, Musik und Filmen begegnete, gab es auch einige wenige konkrete positive Erfahrungen. Diese schlichen sich gewissermaßen zufällig in die Alltagswelt von Ali M.. 

In Erinnerung geblieben ist die Begegnung mit einem Mädchen, verbunden mit der Musik, die diese Erfahrung untermalte. Es war ein scheues zaghaftes Küssen mit Juliane – der Name hatte neben der Person selbst vielleicht auch wegen Juliane Werdings Am Tag als Conny Kramer starb“  die Aufmerksamkeit von Ali M. gefunden. 

Die Begegnung fand hinter dem Bühnenvorhang beim Jugendtanz im katholischen Pfarrheim Thomas Morus statt. Die Live-Band mit Namen „Eumayos“ spielte dazu „The Weight“ von The Band  (Easy Rider-Version)  und Weißer Schnee, schwarze Nachtvon Ihre Kinder  und später dann auf der Tanzfläche Samba Pa Ti  von Santana  . Solche scheuen Küsse wurden in der Folge dann auch in lauen Sommernächten auf dem Homburger Schlossberg mit Lust und Genuss praktiziert.

Musik, Körperlichkeit und Sinnlichkeit als positive Erfahrungen sind dann später mit einer „festen Freundin“ praktiziert worden als „Zusammen auf dem Bett liegen und Musikhören“ – Keith Jarrett mit seinem „Köln-Konzert“  lieferte den Soundtrack. Räucherstäbchen und Patchouli-Duft vervollständigten diese sinnliche Erfahrung. 

Dann endlich: Das JuZ als Rettungsinsel

Miteinander waren Ali M. und andere Jugendliche darauf angewiesen, im selbstverwalteten Jugendzentrum „aus der Not eine Tugend zu machen“. Es gab nichts und niemanden, der für einen die Alltagsfrage: „Was machen wir heute?“ konstruktiv und interessant beantwortet hätte. Auch die Frage nach einem Ort und einer Gelegenheit, wie man anderen außerhalb der vorgegebenen Bahnen begegnen konnte, blieb ohne zufriedenstellende Antwort. Also verwandelten die Jugendlichen diese Leerstelle im selbstverwalteten JuZ in einen Freiraum. 

Die Zeit, die zur Verfügung stand, wurde frei von Konsumzwang und den Vorgaben der Erwachsenenwelt selbst gestaltet. Die einzige Orientierung bestand darin, dass ein Vorschlag bezüglich Freizeitgestaltung nicht der Abenteuerlust und der Neugier, eigenen Grenzen zu erfahren, von Vorneherein im Wege stand. Die Jugendlichen gestalteten ihre (Frei-)Zeit selbst. Das Jugendzentrum war der Raum und der Ausgangspunkt für solche Gestaltungsexperimente. Wichtig waren das gemeinsame Tun und Erleben.

Unter dem Gesichtspunkt Körpererfahrung sind einige relativ unbeschwerte nächtliche Nacktbadeaktionen in Freibädern und Seen in Homburg und Umgebung, die im Jugendzentrum ihren Ausgang nahmen, in Erinnerung geblieben. Dazu gehören auch gemeinsame Badeausflüge an das Saar-Wehr bei Saargemünd, ebenso wie eine Schlammschlacht mit einigen JuZ-Freundinnen und -Freunden im Schlick an der Nordsee. Dazu zählt auch die Erinnerung an das Baden in warmen Schwefel-Quellen im Rahmen eines VSJS-Sommercamps in der Toskana.

Die warme Luft des Sommers, das fast schwerelose Gefühl des Eintauchens und Auftauchens und Schwimmens im kühlen Wasser auf der Haut, der Anblick der anderen Nackten, das unbeschwert kindliche Herumplanschen und -albern in der Gruppe erzeugte ein körperliches und emotionales Wohlbefinden wie es Bertolt Brecht in seinem Gedicht „Vom Schwimmen in Seen und Flüssen“ in Worte gefasst hat.

Das Homburger JuZ Open Haus stellte auch den (Frei)raum für ausgelassene Reggae- und Punk-Partys. Hier war der Ort und das Umfeld, um andere Bewegungsmuster, frei von Konsum und Konkurrenz, aber trotzdem in Gemeinschaft, auszuprobieren. Jede und Jeder konnte seinen Körper und Leib bewusst erfahren. Dabei wurde erlebbar, dass Erfahrung der eigenen Leiblichkeit mehr beinhaltet als die Reduktion auf eine entfremdete, konsumistische, leistungs- und konkurrenzfixierte Körperlichkeit und Sexualität, damals propagiert von Oswalt Kolle, den Schulmädchen-Reports und anderen Sexfilmen und Produkten der Pornoindustrie.

Im Rahmen der JuZ-Aktionen bedeutete Sinnlichkeit und Körpererfahrung, dass die Beteiligten sich selbst und andere – zumindest ansatzweise – ohne vorgegebene sozio-kulturelle Muster erleben und erfahren konnten. Ebenso war dies – mit engerem und intensiverem körperlichen Kontakt – beim „Bixeln“ und „Bruljes“ wie es Hartmut Franz und andere in ihrer sozialpädagogischen Abschlussarbeit „Wie hinterm Preßlufthammer nur unheimlich schöner!“ beschreiben, möglich. 

Für das Bixeln wurde der Teestuben-Raum mit Matratzen und Sitzkissen ausstaffiert. Die Sessel, Stühle und Tische wurden beiseite gerückt. Jeder und Jede konnte mit Jedem und Jeder „schmusen“.

Allerdings wurde die zu Beginn naive Unbekümmertheit und Spontaneität des Bixelns recht bald beschädigt und letztendlich zerstört. Ziemlich rasch kam, insbesondere bei den beteiligten Mädchen, das Gefühl auf, dass einige der Jungen sehr zielgerichtet Mädchen „anmachten“ und den spielerischen Umgang für ihre eigenen egoistischen Absichten zu instrumentalisieren und auszunutzen suchten. Von befreiter Sinnlichkeit etwa im Sinne Herbert Marcuses oder Erich Fromms konnte nicht mehr die Rede sein. 

Aus heutiger Perspektive haben die Beteiligten die Folgen der sozio-kulturellen Zurichtung als Kinder und Jugendliche, d.h. außerhalb dieses besonderen Freiraumes Jugendzentrum, wohl gleichermaßen kühn wie naiv unterschätzt; vielleicht hatten sie sogar geglaubt, diese ignorieren zu dürfen. Alle hatten ihre Beschädigungen leider auch ins Jugendzentrum mitgebracht. Wir waren Beschädigte unter Beschädigten.

Beziehungen vor dem Hintergrund feministischer Diskussionen im JuZ

Irgendwann fanden im Jugendzentrum dann auch Gespräche, Begegnungen und Auseinandersetzungen vor dem Hintergrund damaliger feministischer Positionen statt. 

Ali M. nahm ganz bewusst zunächst eine traditionell männliche Perspektive ein. Wie ein Mädchen oder eine junge Frau diese Zeit erlebt hat, ist ihm – trotz vieler Gespräche – fremd geblieben. Er ging sehr bald davon aus – Luce Irigaray hatte er gelesen – dass Menschen, die sich selbst entweder als Jungen oder als Mädchen verstanden, wohl jeweils auf einem anderen Planeten, in einer anderen Wirklichkeit leben. Er hat es irgendwann aufgegeben, diejenigen, die sich als Frauen definiert haben, zu verstehen. Er hat sich allerdings auch nie von Frauen verstanden gefühlt. Jungen und Mädchen im JuZ sind sich in dieser Hinsicht wechselseitig fremdgeblieben. Die Anderen waren einfach anders. 

Vielleicht lag und liegt der Ursprung der Miss-Verständnisse und des Nicht-Verstehens weniger bei den handelnden Personen als in der Denkweise der sozio-kulturell vorherrschenden alt-aristotelischen Entweder-Oder-Logik. Nur mal als Vorschlag für ein Gedanken-Experiment: Was wäre, wenn wir statt Entweder-Oder einfach ein Sowohl-als-Auch setzen? Denkbar ist so etwas. Aber was muss passieren, dass so etwas nicht nur denkbar, sondern auch lebbar wird?

Die Diskussionen im Rahmen der damaligen Frauenbewegung halfen nicht weiter. Das Argumentationsmuster erinnerte Ali M. an seine Herkunft, an die kirchlich-katholische Lehre von der Erbsünde. Dort kann man als Sünder zur Welt, in den Augen einiger der Feminismusvertreterinnen, waren alle Männer potenzielle Vergewaltiger. Es gab für einen männlichen Jugendlichen in diesen Zusammenhängen keinen Ausweg, außer mann(!) kroch als reuiger Sünder und potenzieller Vergewaltiger zu Kreuze, bekannte seine Schuld und gelobte fortan Buße zu tun. Ali M. verstand damals nicht, warum sich einige trotzdem mit ihren potenziellen Vergewaltigern auf Beziehungen einließen. Er fragte er sich, ob dieses Phänomen als eine Art Stockholm-Syndrom eine Erklärung finden könne.

Die Gender-Diskussion spielte damals noch keine Rolle. Die Diskussion muss an dieser Stelle deshalb nicht geführt werden. Wichtig ist es allerdings darauf hinzuweisen, dass Luise F. Pusch schon damals auf den haarsträubenden grammatikalischen Unsinn, der als Indiz für konkrete Ungerechtigkeiten einer patriarchalischen Gesellschaft gelten kann, aufmerksam gemacht hat.

Ja, es ist Fakt: Ali M. als Mann würde nie genau wissen, wie sich eine Monatsblutung anfühlt. Niemand außer ihm, wird auch jemals wissen, wie sich seine Zahnschmerzen am Vorabend angefühlt haben. Gewiss, so etwas ist vielleicht philosophisch interessant. Solche Spitzfindigkeiten helfen aber nur bedingt weiter, wenn es darum geht, Beziehungen zwischen Menschen zu gestalten. Die Entwicklung einer körperbewussten und lustvoll-befriedigenden geschlechtlichen Identität stellt nach wie vor eine Herausforderung für alle dar. Die Utopie, dass Männer und Frauen, dass Menschen jedweder geschlechtlichen Identität, sich verstehen und miteinander ein gutes Leben führen können, ist utopischer Wunschtraum geblieben; als solche ist diese Vision aber nach wie vor hochvirulent. 

War’s das … und jetzt?

Nein, die Eltern lieferten kein gutes und nachahmenswertes Beispiel für den Umgang mit dem Körper, für Sexualität und gute Beziehungen. Sie lieferten nicht mal ein Beispiel. Die Eltern existierten gewissermaßen nicht als Körper und sexuelle Wesen. In Hinsicht auf Beziehung spürten man als Kind recht schnell die Spannungen und ungelösten Probleme, die die Eltern miteinander erlebten und nicht zufriedenstellend bewältigen konnten.

Die gesellschaftlichen Einflüsse, denen man als Kind und Jugendlicher damals in Homburg ausgesetzt war, boten keinen guten Resonanzboden für die Entwicklung eines befriedigenden Verhältnisses zum eigenen Körper, zur Sexualität und zur Gestaltung von Beziehungen. Wir fanden uns ausgesetzt zwischen den Galaxien einer Aufklärung durch die Katholische Kirche, der Aufklärung von Dr. Sommer in der „Bravo“ und anderer „Jugendzeitschriften“, der pornografischen Pseudo-Aufklärung von Oswald Kolle und den Schulmädchenreports im Kino auf der einen Seite und auf der anderen Seite unseren eigenen Körperwahrnehmungen und -erfahrungen. Immerhin konnten wir uns hinsichtlich einer ungewollten Schwangerschaft orientieren an der Songzeile von Nina Hagen: „Vor dem ersten Kinderschrei’n, muss ich mich erstmal selbst befrei’n“. Für eine positive Antwort auf die Frage, wie eine erfüllte Eltern-Rolle beschaffen sein könnte, fand Ali M. – wie viele andere dieser Jahrgänge – allerdings keine orientierenden Leitsterne.

Der hygienisch-biologische Aufklärungsunterricht durch die Schule half jedenfalls nicht, die Körper-, Sexualitäts- und Beziehungserfahrungen, die jeder erlebte, einzuordnen und sie angst- und schuldfrei zu gestalten. Zwischen der Scylla von Verleugnung und Unterdrückung und der Charybdis von Leistung, Überforderung und Konkurrenz fand sich kein Platz für Jugendliche zur Entwicklung eines zufriedenstellenden Selbst.

Das JuZ lieferte zumindest eine kleine rettende Insel in der Not. Sie bot sich zumindest an als ein soziales Experimentierfeld. Und Ja, wir waren abenteuerlustig und neugierig. Wir haben es gewagt zu experimentieren. 

Die Verhaltens- und Erlebnis-Muster, die uns die Elterngeneration und die herrschenden kulturellen Instanzen wie Schule, Katholische Kirche und Medien anboten, haben wir als widersprüchlich, heuchlerisch und verlogen erlebt. Wir waren uns deshalb einig, dass wir Erwartungen aus diesen Richtungen ablehnen und uns solchen Forderungen verweigern. Wir haben uns – im Nachhinein muss man sagen – reichlich naiv, aber abenteuerlustig – auf unbekanntes Terrain gewagt. Wir haben uns vielerlei blutige Nasen und blutenden Herzen geholt, obwohl wir „Das blutende Herz“ (Marylin French) und „Tod des Märchenprinzen“ (Svende Merian) gelesen und „Love is a battlefield“ (Pat Bennetar) gehört haben.

… und heute? 

Die Utopie und Frage, dass und auf welche Weise es ein befriedigendes und lusterfülltes Körpererleben und Beziehungen ohne Macht und Gewalt geben kann, ist nicht eingelöst und beantwortet. Diese Utopie bleibt der Ideal-Maßstab an dem sich alle realen Beziehungen messen und bewerten lassen müssen. 

Wir waren damals reichlich motiviert von der Utopie einer Zukunft, in der es gerade nicht um die Einfügung in traditionelle sexuelle Identitätsrollen, sondern um die selbstbestimmte Beziehungsgestaltung zwischen Menschen – jenseits von Konsum und Macht-, Leistungs- und Konkurrenzkämpfen – geht. Wir suchten nach Beispielen und Modellen jenseits von erlebter Herkunftsfamilie, dogmatischen Vorgaben durch Religion, Schule und Gesellschaft. Wir glaubten in den Büchern, der Musik und den Filmen fündig zu werden. Faktisch boten die hier gefundenen Informationen aber eher Anlass, sich in diesem medialen Dickicht hoffnungslos zu verlaufen und zu verlieren. Wir sahen zudem nicht oder wollten es vielleicht auch nicht wahrhaben, dass viele der damals zur Verfügung stehenden Medienbeispiele inhaltlich in katastrophalen Dystopien endeten.

Weder die Herkunftskultur noch die Gegenkultur a la Woodstock Nation konnten dem heranwachsenden jungen Mann eine sinnvolle Orientierung bieten, weder hinsichtlich der Gestaltung des Verhältnisses zur eigenen Körperlichkeit noch hinsichtlich der Gestaltung eines zufriedenstellenden Verhältnisses zu anderen Menschen. 

Insgesamt herrschte damals – neben der erwähnten Abenteuer- und Experimentierlust – eine ziemliche Rat- und Orientierungslosigkeit. Sie herrschte und herrscht noch immer hinsichtlich einer lebensbejahenden Gestaltung der Verhältnisse zwischen erwachsenen Menschen jeglicher sexueller Identität. 

Aufmerksam beobachteten und registrierten wir zwar uns selbst und die Akteure unserer Peergroup. Leider aber waren wir aber alle – wie erwähnt – Beschädigte unter Beschädigten. Wir konnten wechselseitig nur wenig oder nichts voneinander lernen. Oftmals haben wir vorhandene Beschädigungen und Wunden wechselseitig nur noch vergrößert und tiefer geschlagen.

Nach vielen Beziehungskämpfen zog sich die Mehrzahl der Beteiligten in das mehr oder weniger große Elend traditioneller Beziehungsrollenmuster zurück. Die Beteiligten konnten und können dann von Glück sagen, wenn die JuZ-Erfahrungen sie zumindest etwas aufmerksamer, sensibler und vorsichtiger haben werden lassen, was die Gestaltung des Erwachsenen-Beziehungsalltags betrifft. 

Nein, wir waren und sind „nicht resigniert, nur reichlich desillusioniert“ (Wolfgang Niedecken).

Wir hatten und haben zumindest verstanden, dass das, was ist, nicht das war, was wir angestrebt hatten und auch heute noch anstreben. Wir wissen um unsere Beschädigungen und haben zumindest gelernt, etwas nachsichtiger mit uns selbst und den anderen Beschädigten umzugehen. Wir haben gelernt, dass wir eher Symptomträger als Täter – die „Kleinen Helden in Not“ (Dieter Schnack/ Rainer Neutzling) – sind. Diese Einsicht bedeutet keine Entlastung, sondern benennt vielmehr die Dringlichkeit, die Verhältnisse und Strukturen, die zu so etwas führten und führen, zu verändern. (Ja, das klingt ganz im Sinne eines älteren Herrn aus Trier. Der hatte es so ähnlich in seinen Jugendschriften formuliert.) 

Es scheint so, dass wir uns zu dem ernüchternden Fazit durchringen müssen, dass weder für Ali M. vor 50 Jahren, noch für uns heute eine Heimat im Sinne eines sicheren Selbstverständnisses existierte und existiert. Wir waren nie daheim – auch nicht im selbstverwalteten Jugendzentrum. Wir waren stets entfremdet vom eigenen Leib und der eigenen Sexualität. In Beziehungen sind wir uns ebenfalls viel zu oft fremd geblieben.

Vielleicht spenden zum Abschluß der Fragen zu Körpererfahrung, sexuellem Selbst und Beziehungen, nochmals zwei Strohhalme oder Leitsterne etwas Trost. 

Einmal die Feststellung der Einstürzenden Neubauten: “… was nicht ist, ist möglich”  . 

Zum anderen die Schlussbemerkkung Ernst Blochs im “Das Prinzip Hoffnung”: “Heimat ist dort, wo noch niemand war”. 

Andere Verhältnisse sind auch heute und in Zukunft möglich. 

Die Bloch’sche Bemerkung bewahrt uns zudem vor der – angesichts eines 50jährigen Jubiläumsrückblicks – verführerisch naheliegenden Idee, dass Heimat in der Vergangenheit zu suchen sei.

Prof. Dr. Alfons Matheis

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