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Verband saarländischer Jugendzentren in Selbstverwaltung e.V.

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Demokratiebildung in selbstverwalteten Jugendtreffs

Das Projekt „OFFENsive!“ widmete sich von 2015 bis 2019 ganz der Demokratiebildung in selbstverwalteten Jugendzentren. In der Projektzeitung 2016 wurde dazu dieses Statement veröffentlicht:

Demokratie - nein danke?

„Politik. Nein, danke!“ – 71% der jungen Deutschen haben kein Vertrauen in Politik“ so das Ergebnis einer großangelegten Jugendstudie, die Anfang November veröffentlicht wurde. Die Macher der vom Sinus-Institut ausgewerteten Studie „Generation What“ schlagen deshalb Alarm. Nur ein(!) Prozent der jungen Deutschen vertraut völlig in die Politik, 71 Prozent haben hingegen überhaupt kein oder eher kein Vertrauen. Ein ziemlich niederschmetterndes und beängstigendes Ergebnis für eine Demokratie. Denn diese ist ja auf das Vertrauen in die politischen Instanzen und Organisationen angewiesen, die die Interessen auch der jüngeren Bürgerinnen und Bürger repräsentieren sollen. Die Frage nach den Ursachen dieses Misstrauens liegt eben so nahe wie die Suche nach neuen Wegen, Politik im Alltag von Jugendlichen positiv erfahrbar zu machen und damit demokratische Prinzipien zu stärken.

Damit stellt sich die Frage: Wo lernt man eigentlich Demokratie? In der Schule? „Demokratiekunde vier Minus, setzen!“ Wohl eher nicht. Im Rahmen unseres Projektes „OFFENsive!“ haben wir mit den selbstverwalteten Jugendtreffs ein erfolgversprechenderes Feld ausgemacht, in dem demokratische Kompetenzen ganz praktisch vermittelt werden. Dazu ein paar Argumente:

Erstens

Erstens fungieren vielerorts die Treffs als Einstiegstor zum sozialen Engagement im Jugendalter. Wer in einen selbstverwalteten Treff kommt, ist ganz schnell aufgefordert mitzumachen und Verantwortung zu übernehmen. Sonst läuft nichts.
Da hat man dann ganz schnell mal mit fünfzehn freiwillig (!) den Besen oder die Kasse in der Hand. Und: Wo sonst führen Achtzehnjährige schon den Vorsitz von Vereinen und managen eine soziale Einrichtung?

Zweitens

Zweitens bildet das Innenleben der Treffs einen einzigartigen Raum zum Erlernen der Grundlagen von Demokratie. Die unterschiedlichen Interessen und Wünsche werden üblicherweise mit guten Argumenten in einem fairen Austausch abgewogen und in Einklang gebracht. Man lernt im Jugendtreff schnell, dass eine tolle Party nur gemeinsam als Team zu stemmen ist. Dabei kann jede und jeder seine Stärken einbringen und man achtet gemeinsam darauf, dass keine/r außen vor bleibt. Dass das nicht einfach ist, die Sitzungen manchmal etwas lauter werden, gehört dazu.

Mit seiner Meinung vor einer Gruppe geradezustehen und die konträren Meinungen anderer zu ertragen ist eine große Kunst. Auf der anderen Seite kann man sich im Juz wunderbar einbringen und austesten. In welcher Rolle in der Gruppe man sich am wohlsten fühlt, wie man mit Konflikten konstruktiv umgeht und auch mal Niederlagen in der Diskussion wegsteckt. Weil man weiss: Am Ende zählt die Gemeinschaft. Denn mit einem gut funktionierenden Team wird die nächste Party bestimmt noch lustiger.

Drittens

Drittens: Eine neue Lernerfahrung will gemacht sein: außer uns gibt es auch noch andere! Je lustiger die Party, desto eher stehen Nachbarn und Ortsvorsteher am nächsten Tag auf der Matte. Und wieder ist die Demokratie gefragt und die Toleranz und Aushandlungskompetenz der Betroffenen. Dann muss neu verhandelt werden, wie die unterschiedlichen Vorstellungen über die Partygestaltung samt Musiklautstärke und Öffnungszeit zwischen Jugendlichen, Nachbarschaft und Kommunalpolitik zu einem vernünftigen Kompromiss geführt werden. In solchen Verhandlungen bekommen Jugendliche auch einen Einblick in die Kommunalpolitik. Sie erfahren, wer etwas zu sagen hat und warum. Sie erleben wer eher auf der Seite der Jugendlichen steht und wer
nicht.

Im Regelfall ist aber der Jugendtreff in der Dorfgemeinschaft akzeptiert. Vielleicht auch, weil ein Treff, der die eigenen Partys gut organisieren kann, beim nächsten Dorffest sein Organisationsgeschick auch für die Dorfgemeinschaft unter Beweis stellt.

Viertens

Viertens stellen wir immer wieder fest, dass die jungen Menschen, die sich in den Treffs engagieren, am Ende Kompetenzen entwickeln, die es ihnen erleichtern, sich aktiv an demokratischen Strukturen zu beteiligen. Einfluss nehmen zu können, Zusammengehörigkeitsgefühl zu erfahren, Erfolgserlebnisse zu haben, persönliche Stärken zu entdecken und für seinen Einsatz Anerkennung zu bekommen sind zentrale Erfahrungen beim Engagement. Und man erfährt, dass es möglich ist, im Kleinen die Gesellschaft zu verändern. Ein gutes Fundament, sich auch in weitergehende politische Belange einzumischen.