VSJS Logo

Verband saarländischer Jugendzentren in Selbstverwaltung e.V.

+++ Startversion - bitte alle mitschreiben - Startversion +++

Mit Mona Seer, Vorsitzende des Verbandes von 2014 bis 2017 haben wir ein längeres Gespräch geführt, das wir hier in Auszügen wiedergeben.

Angefangen hat es damit, dass ich mich mit 15 hab aufstellen lassen für den Jugendbeirat der Stadt Neunkirchen. Ich vermute ja rückblickend, dass ich gewählt wurde, weil ich die einzige Migrantin war und zu dem Zeitpunkt noch Kopftuch getragen hab. Und dann habe ich mich wiedergefunden in einem Jugendbeirat, wo ca. 75 Prozent der Leute in dieser Juz-Jetzt Gruppe waren. Und dann hatten die natürlich das Thema Jugendzentrum stark gemacht im Jugendbeirat. Eigentlich hatte die Stadt den Jugendbeirat gegründet, weil die Juzler so viel Druck gemacht haben, die Stadt aber kein selbstverwaltetes Juz wollte. Die haben gedacht, dann gründen wir einen Jugendbeirat und dann haben wir genug für die Jugend getan. Und ich bin zu dem Treffen und so habe ich die Juz-Leute kennengelernt. Und das war tatsächlich auch so ein voll wichtiger Moment meiner Politisierung, dass ich da die ersten subkulturellen, linken Leute kennengelernt habe. Weil, ich bin so erstmal völlig unschuldig und naiv in diesen Jugendbeirat rein.

Da war ich dann bei den ersten Plena von Juz-Jetzt und wir haben dann Demos organisiert und hatten dann auch Aktionen geplant, wie wir die Kommunalpolitiker auf unseren Bedarf und die Idee eines selbstverwalteten Jugendzentrums in Neunkirchen aufmerksam machen können. Da hatten wir natürlich auch juz-united als Unterstützung mit dabei. Und da waren allein schon diese ersten Plena. Ich fand das cool. Ich kannte das nicht. Was ich vorher kannte, war nur so Schülervertretung, wo bei uns vor allem JU und Jusos irgendwie rumgeklüngelt haben und man da auch gar keine Chance hatte, irgendwie reinzukommen. Also ich hatte auf jeden Fall Bock irgendwas zu machen und hatte aber überhaupt keine Ahnung wie. Ich bin mal auf Demos und Kundgebungen, hatte aber noch keinen richtigen Zugang gefunden mich zu organisieren. Und dann zu sehen, okay, hier gibt es eine Initiative und die treten jetzt wirklich für etwas Konkretes ein.

Das war so der Beginn und dann letztlich auch die Erfahrung, Erfolg zu haben mit der Initiative. Das hat es abgehoben von dem, wir sitzen da im Jugendbeirat und diskutieren und machen dann mal eine Aktion gegen Rassismus. Ich fand einfach so toll, diese Erfahrung von ich stehe auf, ich trete für meine Interessen ein und kriege eine Antwort darauf. Also zu sehen, ich bin wirksam. Das war glaube ich einfach super prägsam. Zu sehen, es macht Sinn auf diese Art und Weise sich zu organisieren. Also so eine Sinnhaftigkeit und einfach so eine Selbstwirksamkeit zu erleben.

Dann hatten wir die Zusage der Stadt und hatten ja auch die Räumlichkeit. Ich war eine der Jüngeren und gar nicht so krass in den Verhandlungen mit involviert. Aber es kam halt so, wie wir uns das erhofft hatten und auch eingefordert hatten. Auch wenn es das Zugeständnis gab, dass ein Sozialarbeiter oder eine Sozialpädagogin eingesetzt wird. Aber wir waren ja bei der Einstellung mit dabei sind. Und das hat ja gut funktioniert in Zusammenarbeit mit juz-united.

Juz gestalten und ausprobieren

Und dann ging es los mit Bauarbeiten und wie gestalten wir das Jugendzentrum. Und das war auch eine ganz wichtige Erfahrung, weil jeder teilnehmen konnte. Wir haben alle irgendwie was beigetragen. Also es war jetzt nicht so, dass Leute gesagt haben, okay du bist eigentlich keine Handwerkerin, du darfst nicht, sondern alle konnten halt mitmachen, also auch ich. Und so konnte ich mich das erste Mal austoben, so ausprobieren. Das war auch ganz cool, dass wir sozusagen alle irgendwie gemeinsam an der Gestaltung des Jugendzentrums beteiligt waren. Ich gehörte zu den Jüngeren, aber da gab es keine Hierarchie von, du bist jünger, du bist später dazu gekommen, du hast nichts zu melden. Es hat halt eine Vollversammlung stattgefunden wo die Sachen abgesprochen wurden. Alle gleichberechtigt, so dass wir uns tatsächlich auch alle beteiligt haben, so wie wir konnten. Ich habe zwar noch nie gestrichen, aber die Leute meinten: Nimm dir einfach den Pinsel
und leg los.

Mal so ein Feld zu haben wo ich mich ausprobieren konnte, das war total wichtig, weil ich mir danach auch viel mehr Sachen zugetraut und ausprobiert habe. Rückblickend total wichtig auch in meiner Entwicklung, weil als junge Frau oder auch als Mädchen ist das einfach eine besondere Erfahrung. Leider existiert es ja immer noch, diese Form von Sexismus, dass man Sachen nicht zugetraut bekommt und man dadurch auch eine Abwertung erlebt. Im Juz war es eher so, dass Leute einen sogar gepusht haben, auch Sachen zu machen, so von, hey, das ist nicht nur Männer-Sache.

Genau, das war ganz cool, also sogar so banale Sachen, eben wie handwerklich sich da auszuprobieren. Bis hin dann zu, wie sieht unsere Struktur aus, was wollen wir als Programm machen und da so viel Mitspracherecht zu haben, das kannte ich einfach vorher nicht.

Vorstandsarbeit

Ich war ja auch im ersten offiziellen Vorstand. Wir hatten auf jeden Fall klar, okay, das ist ja einfach etwas, was formal von uns gefordert wird. Und wir haben sehr klar formuliert, was die Aufgabe des Vorstandes ist, nämlich eher eine repräsentative. Eigentlich wird aber alles in der wöchentlichen Vollversammlung besprochen. Was auch herausfordernd war, weil es natürlich auch so die Ambivalenz hatte, also diese Paradoxie hatte von, okay, wir sind diejenigen, die mit Namen irgendwie Verantwortung übernehmen, aber gleichzeitig halten wir eigentlich den Kopf für alle hin.

Aber es war okay, tatsächlich war das zu dem Zeitpunkt überhaupt kein Problem, es hat gut funktioniert und wir haben alles in der Vollversammlung besprochen. Und auch viel debattiert, es war völlig normal, dass man drei Stunden über eigentlich banale Sachen diskutiert hat. Aber wie ich finde, halt total wichtig, weil man da einfach auch diese Erfahrung macht von Aushandlungsprozessen, auch wenn es so alltägliche Punkte waren. So habe ich da auf jeden Fall gelernt, meine Position zu vertreten oder überhaupt so zu diskutieren. Das waren Sachen, die mich auch politisch total geprägt haben. Zu sagen, okay, ich nehme die Sachen selbst in die Hand und sei es halt auch mal der Besen oder die Klobürste, was ja auch Teil der Arbeit war. Aber eben auch so ein Programm auf die Beine zu stellen, zu gucken, wie funktioniert unsere Struktur insgesamt. Also diese Debatte von Vollversammlungen und Vorstand, das war auch ein Aushandlungsprozess, wo wir viel diskutiert haben. Angestoßen wurde das Ganze, dass wir irgendwann realisiert  haben, okay, Leute bringen einfach alles Mögliche an Alkohol und auch Hartalk mit und sitzen dann im Billardraum. Wir hatten ja zwei große Räume, dann ist es super schwierig, das zu überblicken, wenn man Tresen macht. Wir hatten dann im Vorstand die Idee, in der Vollversammlung vorzuschlagen, dass wir an Wochentagen nur einen Raum öffnen. Also es war ja nicht mal ein Beschluss, es war einfach nur so ein Vorschlag, weil wir das so überlegt hatten. Das haben wir dann in die Vollversammlung reingebracht und dann gab es Zoff, was wir uns einbilden, so etwas zu entscheiden. Aber es war ja nicht entschieden. Und dann haben wir eben diskutiert und dann auch nochmal so wirklich festgelegt, okay, was sind eigentlich die Aufgaben von Vorstand, zu was seid ihr befugt, zu was nicht. Und das war auch voll wichtig, einfach mal so zu sehen von, wir können halt selber daran rumwerkeln, wie so Prozesse aussehen. Die sind nicht so, wie sie im Buch geschrieben sind und so müssen wir das machen, sondern einfach, dass da auch eine Flexibilität herrscht und man da halt auch Sachen ausprobieren muss. Und ich finde, das ist tatsächlich etwas, was eine der wichtigsten Erfahrungen ist, auch die Prozesshaftigkeit und Flexibilität zu sehen. Zu sehen, es macht manchmal mehr Sinn, Sachen auszuprobieren, als fünf Stunden darüber zu diskutieren. Manche diskutieren ja ein Jahr lang, welche Strategie sie jetzt diskutieren, bevor was gemacht wird. Das habe ich so voll politisch mitgenommen einfach eher mal was probieren und dann daraus zu lernen, also den Prozess zu betrachten und damit weiter zu kommen. Das war auf jeden Fall eine Erfahrung aus dem Jugendzentrum.

Und dann war ich 2 Jahre im Vorstand und habe mich dann so langsam rausgezogen. Das war tatsächlich auch so bewusst mit der Idee verbunden, dass wir Raum freimachen für andere und sozusagen so ein bisschen Platz frei machen für die nächste Generation. Und so hab ich mich langsam zurückgezogen, natürlich auch noch Sachen unterstützt oder auch irgendwie noch Workshop oder Konzerte veranstaltet habe, aber sukzessive mich rausgezogen habe. So war ich dann insgesamt schon auf jeden Fall so 6, 7 Jahre am Start. Der Entnabelungsprozess hat ein bisschen gedauert.

Politik

Und politisch hat mich das total geprägt. Ich bin absolut überzeugt davon, dass wir basisdemokratisch funktionieren können einfach aus dieser Erfahrung heraus im Juz.  Trotz alledem, was auch schief gelaufen ist, weiß ich, dass es möglich ist, in einem Kollektiv Strukturen aufzubauen die eine Form von direkter Demokratie darstellen. Also auch für Demokratie-Erfahrungen war das Juz total zentral. Ich habe danach total viel politisch gemacht. Egal wo ich war, habe ich mich organisiert. Sei es in der Hochschule, sei es auf
dem Job. Immer wenn ich irgendwo was gesehen habe, das scheiße gelaufen ist, dann bin ich nicht in so eine Letargie verfallen oder habe eine passive Rolle eingenommen sondern bin immer aufgestanden und habe mich organisiert.