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Verband saarländischer Jugendzentren in Selbstverwaltung e.V.

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Im Jugendzentrum St. Ingbert 1978–1983

Der Erinnerung an Bärbel Müller

„Are You Experienced?“

Immer war es zuerst das Kino, das mich ins Jugendzentrum (Juz) St. Ingbert führte.
Und ich habe das Juz an allen seinen drei Standorten gekannt: Kohlenstraße,
Josefstalerstraße, Pfarrgasse.
An den Standort Kohlenstraße, frühere Paul-Dohrmann-Schule, habe ich nur
undeutliche Erinnerungen. Ich sah dort, wohl 1978, also mit 15 oder 16, unter
anderem einen Konzertfilm mit Jimi Hendrix. Nicht nur der Film, auch das Publikum
schien mich zu fragen: „Are you experienced?“ Und das war ich selbstverständlich
nicht. Deshalb schüchterten mich die heimlich ausgetauschten Blicke und Gesten
ein. Sie sollten möglicherweise so etwas signalisieren wie: „Hast du Stoff?“, „Mann,
bin ich dicht!“, „Ich halte für später noch eine fette Line bereit.“ Vielleicht ging es auch
um etwas Gewöhnlicheres. Jedenfalls wirkten die Anwesenden sehr geheimnisvoll, in
sämtliche schwarzen Künste eingeweiht und einer Welt zugehörig, die mir
verschlossen blieb, mich aber auch nicht weiter reizte. Ich ging deshalb lieber in die
Kneipe im Nachbarhaus, wo ich mich an einem Apfelkorn für eine Mark möglichst
lange festhielt, um das Taschengeld zu schonen.

In dieser Kneipe lernte ich ein Urgestein des Juz kennen, Manfred Vormelker (1958–
2021), den alle „Manni“ nannten. Manni war Berliner und hegte seit Langem den
Plan, das komplette Saarland mit einem U-Bahn-Netz zu versehen. Er hatte ein
steifes Bein, war fast immer unglücklich verliebt und spielte deshalb auf der Gitarre
den Blues, was aber niemand lange ertrug. So wurde er in die komische Rolle eines
Troubadix gedrängt. Er wohnte mit seiner Mutter in einem Hochhaus, sein Zimmer
war geradezu spektakulär chaotisch. Just als ich ihn einmal besuchte, kam auch eine
andere legendäre Gestalt des Juz, ein Apothekersohn, der aussah wie der junge
Bakunin und auf seiner Schultasche für die RAF warb. Wir saßen zu dritt beisammen
und hörten Ton, Steine, Scherben. Dass der junge, coole Anarchist ausgerechnet die
Nähe des von vielen belächelten Manni suchte, erstaunte mich erst, schien mir dann
aber eine innere Logik zu besitzen. So resolut sich der eine, der Anarchist, von der
Gesellschaft absetzte und so leidenschaftlich, aber vergeblich der andere, der
Bluesgitarrist, in die Gesellschaft hineinstrebte – Außenseiter waren sie, wenigstens
für den Moment, beide.

Das Juz führte alle Außenseiter des Ortes zusammen und erwies sich dabei – ich
hoffe, ich idyllisiere nicht – als sehr aufnahmefähig. Wer anders war, anders sein
wollte, war willkommen, auch wenn, wie es mir im ersten Juz widerfahren ist, erst
Fremdheit vorherrschte und überwunden sein wollte. Die Klassen mischten sich,
Jugendliche mit proletarischem oder kleinbürgerlichem Hintergrund waren in der
Mehrheit, meine Mitschüler vom Gymnasium habe ich dagegen so gut wie nie im Juz
gesehen. Sie bereiteten sich wohl schon auf schlagende Verbindung und Karriere
vor.

„Fata Morgana“

Teil des Inner Circle des Juz wurde ich ein, zwei Jahre später, wieder über das Kino,
nun in der Josefstalerstraße. Ohnehin zu Schwermut neigend, sah ich am selben
Abend zweimal hintereinander „Fata Morgana“ (1971) von Werner Herzog. Die
Kamera (Jörg Schmidt-Reitwein) fährt langsam durch eine zugemüllte Wüste, die so
aussieht, wie wir uns seither die Zukunft vorstellen. Dazu liest Lotte Eisner mit
quäkiger Stimme aus dem „Popol Vuh“. Wolfgang Kraus, schon damals Leiter der
Kinowerkstatt und der vermutlich größte Herzog-Fan außerhalb der USA, war es
aufgefallen, dass der traurige Schüler schon wieder im Publikum saß, und sprach
mich an. Wir wurden rasch Freunde und so lernte ich auch alle andern kennen.

Etwas war seltsam, fast unheimlich an dem Jugendzentrum in der Josefstalerstraße:
Es befand sich in einer früheren Synagoge, eine Geschichte, die uns aber nie
aufstieß. Im Nachhinein kommt es mir so vor, als wäre ein einst sakraler Ort jeden
Abend aufs Neue profaniert worden. Mehr noch, an der Fassade hat der Künstler
Fritz Berberich unter drei stilisierte Knaben den Bibelspruch gesetzt: „Siehe, unser
Gott, den wir ehren, kann uns wohl erretten aus dem glühenden Ofen.“ Das wollte
mir viel später als obszön, wenn nicht sogar höhnisch erscheinen. Aber dann wäre
auch Karlheinz Stockhausens „Gesang der Jünglinge im Feuerofen“ (1955/56)
obszön; die Platte hörte ich ungefähr zur selben Zeit in der örtlichen Leihbücherei.
Uns fiel damals nichts auf, wir sprachen nicht darüber, und das lässt sich naiv, aber
auch gedankenlos nennen.

In dieser Synagoge nun, die keine mehr sein konnte, schauten wir Filme, kochten
„Nährschlamm“, betranken uns und knutschten. Bei einem gemeinsamen Essen
lernte ich einen etwas älteren, schon gezeichneten Typen kennen, der nacheinander
Roadie, Totengräber und Bergmann war. Ich winkte ihm zu, wenn ich morgens zur
Schule ging und der Bus ihn gerade zur Grube brachte. Er starb nur wenige Jahre
später; ich vermute, sein Tod hatte mit Heroin zu tun. 1979 gastierte die Saarbrücker
Truppe Überzwerg mit „Was heißt hier Liebe?“; Jochen Senf, den ich nie wieder so
gut gesehen habe, spielte unter anderem den Orgasmus. Aber ich erinnere mich
auch an viele entsetzlich öde Abende.

An einem dieser Abende befand ich mich mutterseelenallein in der Empore, die wir
„Refugium“ nannten, und las einen Band Peter Handke, damals mein bevorzugter
Autor. Ein junger Mann schoss herein, kündigte, vielleicht unter dem Eindruck der
Filme mit Sylvester Stallone, an, er mache nun Schluss mit den Rauschgift-Dealern,
und schlug mir die Nase blutig. Er hatte, ich beteuere es, den Falschen erwischt,
denn weder handelte ich mit Drogen, noch nahm ich sie ein, trank dafür, wie es
ortsüblich war, große Mengen Bier. Die ansässige Brauerei kam kaum damit nach,
den Durst der St. Ingberter zu löschen.

„Der Teufel möglicherweise“

Unter allen Filmen, die vorgeführt wurden, hatte „El ángel exterminador“ (Der
Würgeengel; 1962) von Luis Buñuel die stärkste Wirkung auf mich, er verschlug mir
buchstäblich die Sprache. Ich floh vor der sich gewöhnlich anschließenden
Diskussion und ging stumm nach Hause. Dagegen konnte ich mit Robert Bressons
„Le diable probablement“ (Der Teufel möglicherweise; 1977) nichts anfangen. Beide
Filme habe ich in den letzten Monaten wiedergesehen. Nun erst, über vierzig Jahre
danach, gingen mir die Ironie Buñuels und der Ernst Bressons auf. Am Anschauen
von Wolfgang Petersens „Die Konsequenz“ (1977) über die unterdrückte Liebe
zweier Männer hinderte mich einer der Leiter des selbstverwalteten Juz.

Für diesen Film werde ich mich ja wohl kaum interessieren, unterstellte er, ich möge
mit ihm nach draußen kommen, er habe etwas Organisatorisches zu besprechen.
Aus heutiger Sicht hätte ich ihm erwidern sollen: „Mich als eine queere Persönlichkeit
kurz vor dem Coming-out interessiert dieser Film sogar brennend“, aber kleinlaut
nickte ich und folgte ihm. Ich habe den Film dann im Fernsehen gesehen, er dürfte
der einzige diskutable von Petersen sein.

Unter den Außenseitern, die sich im Juz versammelten, sollten, möchte man
annehmen, auch Schwule und Lesben gewesen sein. Allein, in dieser Zeit lernte ich
keine kennen. Und als ich Hanne, der ersten Frau, die ich jemals küsste, gestand,
mich ziehe es auch zu Männern, rief sie wohlgemut, homosexuell seien wir doch alle
ein wenig. Auf diese repressiv tolerante Weise erledigte sie meine drängenden
Fragen. Sie war es aber auch, die mich mit der großen, wenn auch unerfüllten Liebe
dieser Jahre bekannt machte.

Bernhard Lesch (1959–1999), ein Junge aus dem Juz, so sagte sie, habe, obwohl
schon bei der Marine in Eckernförde, nachträglich den Kriegsdienst verweigert, er
befinde sich in einer verzweifelten Lage, wir möchten ihm doch aufmunternde Briefe
schicken. Obwohl ich ihn gar nicht kannte, schrieb ich ihm recht pathetisch: „Ich sehe
Dich, Bernhard, ich sehe, wie Du auf der Bettkante sitzt, den erbrochenen Umschlag
dieses Briefes in der Linken, gebeugt über diese Zeilen sitzt, in einem kalkweißen
Zimmer.“ (15.7.1980) Bei seinem nächsten Urlaub schloss mich Bernhard dankbar in
seine Arme, er trage meinen Brief stets am Leib. Da war es um mich geschehen.
Bernhard wurde zu meinem engsten Freund, ich folgte ihm später nach Berlin, wo er
heiratete; er starb früh an einem Hirntumor.

„48 Köpfe aus dem Szondi-Test“

Das Juz war nicht nur für mich immer auch ein soziales und erotisches Versuchsfeld,
ein kleiner Monte Verità. Ich hatte weder eine feste Geliebte, geschweige denn einen
Geliebten, aber meine ersten sexuellen Erfahrungen, vorzugsweise in der Gruppe,
machte ich im Juz, dann aber schon in der Pfarrgasse. Das Juz war den Stadtoberen
ein Dorn im Auge, sie hätten das Juz wohl gern für immer geschlossen gesehen.
Aber es kam zu einer eindrucksvollen Demonstration – der ersten in meinem Leben.
Schließlich wurden uns die durchaus großzügigen Räumlichkeiten in einer
ehemaligen Volksschule zur Verfügung gestellt (später mussten auch allerhand
Vereine mit hinein).

Als wir aus der Synagoge umzogen, empfahl Bärbel Müller (1963–2020), überall im
Haus sollte interessante Lektüre ausgelegt werden, damit ich beschäftigt und den
Umzugshelferinnen und -helfern nicht im Wege sei. Mit Bärbel unternahm ich eine
Tour zu Hanne, die inzwischen in Frankfurt/Main in einer Wohngemeinschaft lebte.
„Wie kommen wir dahin? Ich habe kein Geld für eine Bahnkarte“, sagte ich. „Gar kein
Problem, wir trampen“, erwiderte sie, „in zwei, drei Stunden sind wir dort“. Tatsächlich
standen wir den ganzen Nachmittag an der Autobahn, niemand wollte uns
verlottertes Pärchen mitnehmen, bis uns am Abend ein Mann, der sich sein Geld als
Tennis-Trainer in Südfrankreich verdiente, in seinen VW-Bus einsteigen ließ. Er hatte
sich bereits derart mit Pastis betrunken, dass er sich seine Gitanes am Filter
ansteckte. Es stank scheußlich, aber er hielt wacker Kurs. Spät in der Nacht kamen
wir in Frankfurt an. Hannes Wohngemeinschaft erinnerte mich wiederum an meine
Erlebnisse am ersten Juz-Standort: Eine verschworene, hochmütige Gemeinschaft
lebte dort ihr prätendiertes Gegenleben und schaute auf alle herab, die mit dessen
Werten und Praktiken nicht vertraut waren.

Das Juz war gewöhlich demokratischer. Neben dem Film führte die Musik die Leute,
nennen wir sie: die Anderen, zusammen. Es war, ähnlich dem Film, eine Musik, die
es sonst nirgendwo in der Stadt gab. Ein Höhepunkt unter den Veranstaltungen des
Juz, allerdings nicht in den eigenen Räumen, sondern im Karlsberg-Saal, war ein
Auftritt der Weltmusiker Embryo, die ich mit Bernhard später auch in München
besuchte. Die Tage, an denen ich mich den Hippies verbunden fühlte, gingen zwar
allmählich zu Ende, den Anschluss an die New-Wave-Szene fand ich jedoch erst
beim Zivildienst 1982 in Saarbrücken.

Inzwischen beteiligte ich mich stärker am Ausrichten des Filmprogramms. Um 1981
hielten wir ein Festival des Undergroundfilms ab, zeigten krasse Dokumentationen
der Wiener Aktionisten, auch einige frühe Werke von Andy Warhol oder Valie Export
und den mich tief beeindruckenden strukturellen Film „48 Köpfe aus dem Szondi-
Test“ (1960) von Kurt Kren. Das Festival war überaus gut besucht, auch Georg
Bense war gekommen, es schockierte etliche Besucherinnen und Besucher, aber
noch verlangte niemand Trigger-Warnungen.

Die Wiener inspirierten Bernhard und mich zu einer eigenen Aktion, bei der wir ein
stinkendes Hähnchen zeremoniell durch die Fußgängerzone trugen. Auch
deklamierten wir morgens um vier bei Fackelschein vor dem Rathaus St. Ingbert
Texte von Konrad Bayer und Comte de Lautréamont, wurden dann von der Polizei
abgeführt, die aber von einer Anzeige absah, denn davon, dass wir die öffentliche
Ordnung gestört hätten, konnte keine Rede sein. Wolfgang Kraus war unser einziger
Zuhörer geblieben und außer der Stadtreinigung, die uns gemeldet hatte, war noch
niemand wach.

Es ließen sich noch mehr solcher Geschichten zusammentragen, wir drehten auch
eigene Filme auf Super-8 und zeigten sie im „Bingert“, vieles kam aus dem Geist des
Anarchismus, der Schwarzen Romantik und des Surrealismus oder auch des
Dadaismus – ein von Peter Foos inszenierter Dada-Abend fällt mir ein –, Traditionen,
die wir selbst noch kaum kannten und in aller Unschuld nachahmten und
fortspannen. Jörg Jacob (1965–2006), den alle „Hacker“ nannten, eine der
ungewöhnlichsten und tragischsten Personen, die mir begegnet sind, organisierte ein
Jazzfestival und brachte, es ist kaum fassbar, Archie Shepp nach St. Ingbert. Aber
das war lange nach meiner St. Ingberter Zeit. An genuin politische Aktionen oder
auch nur an politische Diskussionen kann ich mich dagegen nicht entsinnen.
Immerhin gab es die erwähnte Demonstration, von der ich nicht weiß, wer sie
organisiert hat. Bevor ich mich endgültig zum Anarchismus bekannte, war ich mit
Manni bei den Jusos, die im Juz Josefstalerstraße tagten. Wir überklebten vor der
Bundestagswahl 1980 Plakate von Franz Josef Strauß und bekamen dafür mächtig
Ärger. Doch wurde das politische Engagement nur von wenigen Älteren geteilt. Das
soziale Experiment stand im Vordergrund. Dabei kam es immer auch zu Reibereien
und Leerläufen. Ordentlich lief wenig, schief ging vieles, man hätte an dem
Durcheinander manchesmal auch verzweifeln können, aber an Ekstasen aller Art war
ebenfalls kein Mangel. Ein kritisches Nachdenken setzt solche und ähnliche sozialen
Erfahrungen zwar voraus, doch stellt es sich nicht zeitgleich mit ihnen ein, es folgt
schattenhaft erst später nach.

Juz in der Pfarrgasse