VSJS Logo

Verband saarländischer Jugendzentren in Selbstverwaltung e.V.

+++ Startversion - bitte alle mitschreiben - Startversion +++

Ein Gespräch über Sinuskurven, Zitronen, Getuute und den Torf im Juz St.Ingbert

Ich war ca. 15 Jahre, als ich zum ersten Mal im Juz in St.Ingbert aufgeschlagen bin. Vorher war ich ein klassischer Spielplatz-Mofarocker. Wir haben uns immer auf dem Abenteuer-Spielplatz in St.Ingbert mit unseren Mofas getroffen und haben dort ganz klassisch abgehangen. Irgendwann kam einer und hat gesagt, die haben da im Juz das Cafe renoviert, lass uns doch mal hingehen. Dann sind wir als Gang da aufgekreuzt und ich hab mich direkt wohl gefühlt dort. Das war 1984. So bin ich dann auch direkt hängengeblieben.

Das wichtigste war, wir konnten dort machen was wir wollten. Im Grunde genommen war ich dann jeden Tag dort, in jeder freien Minute. Du hast dann nicht mehr rumgehangen auf diesem kalten Scheiß – Spielplatz. Und du hast natürlich auch dein erstes Bier getrunken, mit 15. Unsere Clique war eigentlich ziemlich durchmischt und viele haben sich dort zum ersten Mal verliebt. Man hat dann irgendwann seine Pfauenfedern ausgefahren, aber die Damenwelt hat bei mir nicht so reagiert damals.

Aber das wichtigste, ich bin dort auf eine bestimmte Jugendkultur gestoßen. Ich bin musikalisch dort sozialisiert worden, von Leuten, die musikalisch weiter waren als ich. Die vielleicht auch etwas mehr Geld hatten um sich Schallplatten zu kaufen. Ich war ewig auf der Suche, was für mich so passen könnte, weil von dieser Mofarockerclique, das waren eher so Heavy-Metaller, da hab ich mich nicht so wohl gefühlt. Und im Juz bin ich mit Einflüssen zusammengekommen, die mir halt sehr viel gegeben haben.

Weil, da stand da diese wunderbare Musikbox. Eine Seeburg Musikbox. Q1: „Pretty Vacant“ – Sex Pistols, The Smith, „What Difference Does It Make“. Den magischen Schlüssel zur Musikbox hatte damals der Wolfgang Kraus. Und irgendwann hatte der die Lautstärke so reguliert, dass es nur auf ein gewisses Maximum gegangen ist. Da hatten wir soo einen Hals.

Selbstverwaltung und Sinuskurve

Aber die Organisation im Juz hast du ja in dem Alter nicht hinterfragt. Die Selbstverwaltung war schon weitestgehend. Es gab die Vollversammlung einmal pro Woche. Und am Anfang war der Wolfgang Kraus derjenige, der dem ganzen einen gewissen Rahmen gegeben hat, die Leute in die Fuhr gebracht hat. Klar, da hast du eine Horde von Jugendlichen und irgendwie musste da ja auch eine gewisse Grundstruktur rein. Dass es einen Termin gibt für die Versammlung, dass die Leute das auch ernst nehmen, dass das, was beschlossen wurde auch umgesetzt wird. Und dass man nachts um drei nicht alle Fenster aufreißt und seine politische Meinung zum Besten gibt, wo man weiß, dass nebendran der Nachbar nur darauf wartet, dass er die Polizei rufen kann und das Juz dichtgemacht wird.

Und der Wolfgang hat schon einiges abgekriegt von uns. Der konnte damit aber gut umgehen. Da war eine gewisse Professionalität auch vorhanden. Der hat auch nicht den ersten Durchgang gehabt mit solchen Kratzbürsten wie uns, die irgendwann doof geworden sind. Aber das war auch sein Ding, für das er gestanden hat, dafür hat er gebrannt. Wenn du für nix brennst, kann auch nix dabei rauskommen.

Aber so im Rückblick: Es gab immer einen sinusmäßigen Verlauf im Juz von Aufbau – Zerstörung, Aufbau – Zerstörung, Aufbau – Zerstörung, Ehrlichkeit – Betrug, Ehrlichkeit – Betrug, schön – furchtbar, langweilig – super. Ich kam zu der Phase hin: ehrlich, alles bezahlen, Energie reinbringen und gucken, dass der Laden irgendwie läuft. Aber es gab später halt auch die Phase, wo das Ding den Bach runtergegangen ist. Jetzt holen sich die Leute aus der Kasse Geld heraus und es wird nichts mehr reingelegt. Jetzt saufen wir umsonst, jetzt geht`s aufs Juz. Aber es gab auch nie so den Zeigefinger, der gesagt hat, das ist Scheiße, wir drücken uns damit selbst den Hals ab. Bis die Mahnungen kamen vom Getränkevertrieb. Und irgendwann ging die Sinuskurve wieder hoch, weil neue Leute da waren, die drei Hirnzellen hatten und gesagt haben: so kann`s nicht funktionieren. Und sich eingebracht haben und auch mal gekuckt haben, dass die Kohle in die Kasse kommt.

Also das muss ich noch sagen, die Nachfolgegeneration von uns, mit denen konnten wir auch gut. Die haben natürlich auch immer genossen, da abzuhängen, auch bei uns im Proberaum unten. Wir dann 23, die 14/15. Da kam diese Irofraktion, und hat gefragt, ob sie jetzt die Roadies sein könnten. Roadies? Seid ihr bescheuert? Aber die wollten halt mitfahren auf die Konzerte, und da haben wir die mitgenommen. Und da hast du auch gemerkt, da wächst jetzt was nach, was sympathisch ist und nicht destruktiv. Wir war ja auch schon Nutznießer von Dingen, die vorhanden waren. Die andere für uns erkämpft hatten. Und das unter den Bedingungen der 70er Jahre. Gegen die Stadtverwaltung, die gedacht hat, jetzt holen wir hier die RAF in die Mittelstadt. Da waren wir froh, dass nach uns auch noch was nachkam.

Kinowerkstatt zwischen Kunst und Punk

Es gib natürlich tausend Storys übers Juz, die ich erzählen könnte. Super war das auch mit der Kinowerkstatt mit dem Wolfgang. Der hat damals eher was Richtung Kunst gezeigt. Nur mit 14/15 konnten wir mit Jim Jarmusch und Wim Wenders nix anfangen. Wir wollten eigentlich Ghost Busters sehen. Aber dieses Kino war natürlich auch was Besonderes. Wir sind irgendwann zum Wolfgang und haben gesagt, wir sind jetzt Sex Pistols Fans. Jetzt spiel mal „The Great Rock ’n’ Roll Swindle“. Dann lief der auch mal im Juz. Und da waren wir total begeistert, dass sowas möglich ist. Wir fanden das total geil.

Für die anderen lief Stop making sense. Die Talking Heads, war nie mein Ding. Ich hab aber festgestellt, dass das nicht mein Ding ist, weil es da lief. Und es wurde da vorne getanzt. Während der Film lief sind die Leute aufgestanden und haben getanzt. Die Situation war eigentlich schon cool. Mir schwätze von Ende der 80er.

Konzerte und Goldene Zitronen

Dann die Konzerte, wenn du vorher mit Life-Musik überhaupt noch nicht in Kontakt gekommen bist. Das war natürlich was tolles, wenn da eine Band gespielt hat. Da war mir erstmal egal was die gespielt haben. Ich fand es erstmal toll, dass man überhaupt auf ein Konzert gehen konnte. Organisiert wurde das von Leuten, die etwas älter waren als wir und die diesen Freiraum Juz genutzt haben um ihre Konzerte veranstalten zu können. Und es kamen immer Leute, die gefragt haben, ob sie im Juz ein Konzert veranstalten können. Und dann war das immer ein Riesenaufwand damals, die Konzerte im Kinosaal. Da wurden dann die ganzen Sofas und Sessel rausgeräumt, irgendwo hingestellt.

Das war am Anfang die ältere Generation und später waren es auch Leute wie ich und meine Generation. Wir durften dann auch oben im Kino Konzerte machen. Beim ersten waren 50 Leute da, beim zweiten 200. Überhaupt eine Möglichkeit zu haben, einen Raum zu haben, einen Spielplatz zu haben für eigene Konzerte. Das war extrem geil.

Ich hab speziell eines gemacht, ich hab damals gedacht, ich hätte die Beatles oder Rolling Stones nach St.Ingbert geholt. Das waren damals 1987 die Goldenen Zitronen. Das hab ich zusammen mit dem Frank Herges gemacht. Und da waren wir total begeistert, dass wir die Goldenen Zitronen nach St.Ingbert geholt haben. Das war zu einem Zeitpunkt, da waren die Zitronen gerade am Steigen. Das war diese Platte, die dann durchgeknallt ist, die dann kurzzeitig gleichgezogen hat mit den Toten Hosen. Aber die Nachfolgeplatte hieß ja schon „Fuck you“. Das war die Absage an die Plattenindustrie. Die wollten so die Toten Hosen zwei aufbauen und das mit den Zitronen und das hat halt nicht funktioniert. Und deswegen ist die Band heute noch was sie ist – sehr interessant.

Ersatzkanzler Elvis und die Himbeerbubenkapelle

Irgendwann ist das Studio im Keller abgebrannt. Da wurden dann wieder Proberäume reingemacht und dann kam das zusammen. Ich sag mal so: die heilende Kraft, oder die Power der Langeweile. Wir haben da gehockt – öh langweilig, öh was machen wir jetzt? Das war dann idealtypisch – aber, wie auch anders – hat jemand gesagt, komm wir gehen mal runter in den Proberaum und machen Musigg. Der Vorteil war, dass es schon eine Band gab, das waren die Rottens. Worüber damals der Hacker, der Jörg Jakob, der manchmal für den Wochenspiegel geschrieben und der schrieb dann „Messdiener machen Punkrock“. Ah, das war saugeil.

1986 hab ich irgendwann eine Kassette mitgebracht, da war so Schlagerscheiß drauf. 1986 war der 70er Jahre Schlager maximal sechs Jahre alt, weil, es war ja erst sechs Jahre 80er Jahre. Aber das war damals schon so bescheuert, dass mir so als 16/17 jährige gesagt haben, was ist denn das für ein Dreck. Und haben zuhause diesen Müll zusammengestellt. Und sind dann ins Juz rein und plötzlich liefen dann keine Sex Pistols, Dead Kennedys und Exploited mehr, sondern Chris Roberts oder so ein Rotz und wir haben uns kaputtgelacht.

Jedenfalls hat das dazu geführt, dass wir eine 70er Jahre Fete gemacht haben im Getränkeraum und haben dann dort die ganzen Sweet-Starschnitte und andere Schlagerstars aufgehangen von den älteren Schwestern. Wir sind auf Flohmärkte und sind dann wirklich mit Plateausohlen herumgerannt. Sechs, siebenundachzig sind wir dann mit Schlaghosen rumgelaufen und waren ganz hässlich, aber es war saulustig. Und das war so eine abstruse Kultur und als wir dann in diesen Proberaum reingegangen sind, haben wir gesagt: Komm wir nehmen uns die schlimmsten Schlager und spielen die mal nach. Dann haben wir das gemacht und dann war der Ersatzkanzler geboren, die Band. Die Rottens und die Ersatzkanzler, das waren größtenteils deckungsgleiche Musikanten, auch wenn die dann die Instrumente untereinander getauscht haben. Aber gut war das auch nicht, das war ja alles learning by doing und do it yourself. Und ich hab mich dann mal da hingestellt ans Mikro und hab gemerkt, das kann ich ja. Und jeder der Bock hatte, konnte mitmachen. Scheißegal ob er singen konnte. Wir waren ja sehr schräg, hatten aber auch keinen großen Anspruch an uns. Wir dachten damals, wir sind die einzigen die sich in diese Ekelhaftigkeiten da hinablassen.

Damit konnten wir damals überall auch in linken Läden auftreten. Die haben sich kaputtgelacht über uns. Bei uns war das eine rein ironische Sache, ein ganz herrlicher Quatsch. Bis irgendwelche Guildo Horns oder Dieter Thomas Kunze aufgetaucht sind.

Das war ja der große Vorteil in St.Ingbert. Die eher punkorientierten Juze im Saarland, die hab ich als elitär empfunden. Du bist von außen da schlecht reingekommen. Wenn du Hardcore warst, dann konntest du nicht mit einem Schlager-Gag kommen, dann wurde darüber nicht gelacht. Als wir unsere ersten Konzerte gemacht haben, die ganze Hardcorefront, die war zwar da. Aber mit den Fingern in der Hose, die haben uns angeguckt, du hast gedacht, du kriegst gleich eine in die Fresse. Aber nach dem Liedchen haben sie dann trotzdem geklatscht. Vielleicht auch ohne Lachen, weil das war nicht Straight Edge. Aber so sind wir auch irgendwie rumgereicht worden. Und das war ziemlich lustig. Aber der Zufall in St.Ingbert war, dass genug Schwachmaten am Start waren mit denen man so einen Scheiß machen konnte.

Ich hab später auch immer solche Gauditruppen gemacht und Beatkappellen gehabt zum Beispiel auch die Trio Cover Nummer. Aber sicher, die Initialzündung hat dort im Juz stattgefunden. Weil ich mich dort zum ersten Mal vor ein Mikro gestellt hab. Und das war eine tolle Erfahrung.

Politik und GETUUTE

Ein anner Ding: Dort bin ich natürlich auch auf die Idee gekommen, den Kriegsdienst zu verweigern. Das Juz war das Sozialisationsfeld für solche Fragen. Und natürlich war das so, dass ich den Kriegsdienst verweigert hab. Von älteren hat man da die Blaupause gekriegt, wie man so was macht. Und dann hab ich`s selbst gemacht. Und später hab ich mich anderen zusammen deren Verweigerung geschrieben. Auf der Schreibmaschine oben im Juz. Wobei pro Verweigerung mindestens zwei Korrekturbänder verbraucht wurden. Das Juz hat für mich durch seine tendenziell linke Ausrichtung da viel angestoßen. Entweder es waren noch Hippies oder Punks, aber es waren tendenziell linke Leute die sich versammelt haben. Auch wenn sie noch nicht gewusst haben, dass sie links sind.

Die war halt im Juz einfach da, das waren die Leitplanken, in denen ich angefangen hab politisch zu fahren. Am Anfang hab ich nur geTUUTET, das ist durch das jugendliche Alter auch klar. Wenn du Punkrock hörst, dann bist du schonmal links und weist gar nicht was das soll. Aber wenn das Deutschpunk ist, dann hörst du dir das an und dann kommst du auch auf die Schiene. Dann bist du erst mal am TUUTE. Du verzählst irgendein Scheiß, der erstmal nur nachgeäfft ist, der natürlich keinen Unterbau hat, der erlesen wurde, oder durchdacht, oder reflektiert ist. Erstmal wird GETUUT. Und danach wird es irgendwann peinlich, dann denkst du, jetzt kannst du nicht nur TUUTE, jetzt musst du auch mal anfangen zu LESEN. Und dann, dann hast du irgendwann die Basis gehabt. Jugendbedingt gab`s aber zuerst mal viel Meinung und wenig Ahnung.

Das St.Ingberter Juz war zwar ein linkes Juz, aber das war kein muss. Man brauchte keine imaginäre Eintrittskarte. Wenn ich im AJZ Homburg die Tür aufgemacht hab, hab ich mich nicht wohl gefühlt. Weil ich mich nicht willkommen gefühlt hab, nicht dazugehörig. Das gehört natürlich auch zur Jugendkultur dazu, diese Abgrenzung. Wenn einer nicht dem entspricht was man selbst lebt, dann ist der erstmal nicht real.

Skinheads in der Märklineisenbahnwelt

Und wir hatten Ende der 80er ein ziemliches Problem in St.Ingbert mit Rechtsradikalen im Spinnrädchen. Da war ja ein südwestdeutscher Treffpunkt der Skinheadszene. Das war wirklich bedrohlich. Und häufig war es so, dass irgendwelche Übergriffe aufs Juz geplant wurden mit Steineschmeißen und so. Und wir Hänflinge da drin, die hätten uns platt gemacht. Und das war das komische in St.Ingbert. Wenn sich solche Gefahren angebahnt hatten, hatten wir auch ein ziemliches Netzwerk, auf das wir zurückgreifen konnten. Da ist dann auch mal die Kuhle Wampe vorgefahren zum Schutz. Und die Polizei war auch auf unserer Seite, die Leute aus den anderen Juzen konnten das gar nicht verstehen.

Aber diese Skinheadszene war schon krass. Viele von uns hat das zu bekennenden Antifaschisten gemacht. Andere von uns haben gedacht, dass das nur Arschlöcher sind, die hat das nicht so politisiert.

Wir waren in St.Ingbert Ende der 80er Jahre ein gewisser Bestandteil der Stadtkultur, für Menschen die links waren. Es gab das Cafe K für die Intellektuellen, für den einfacher gestrickten jungen Menschen gab es das Juz und für die Doofen gab es das Bermuda Dreieck für die Popper, für die Gel- und Föhnwellendinger, da wollte man net hin. St.Ingbert war wie eine Märklineisenbahnwelt. Es war alles da, aber kleiner. Da war für jeden etwas dabei.

Die Langeweile und der TORF

Und es sind viele von meiner Generation damals im Juz auf ihr Ding gekommen. Der Gregor Weber, der Tatortkommisar, der hat damals auch in den Juz-Theaterstücken mitgespielt. Das waren Theaterinteressierte, die da was einstudiert haben und irgendwann in der Kinowerkstatt aufgeführt haben. Da hat er dann gemerkt, er kann das. Da ist irgendwas in ihm und das hat er dann professionalisiert. So ging das bei vielen.

Denn, was hast du gebraucht um kreativ zu werden? Du hast Rahmenbedingungen gebraucht. Das kann ein Raum sein, der dir die Freiheit gibt, darin machen zu können was du willst. Und dann der heilsame Aspekt der Langeweile, die Kreativität der Langeweile. Du hast da gehockt, du hast wirklich nix zu tun gewusst. Und dann hast du gedacht in diesem Do it yourself Ding, jetzt komm lass uns mal dies und das machen. Und dann wurde eine kreative Idee geboren. Und in die hast du dich dann verrennen können, weil die Idee geil war. Und das ist vielleicht auch der Unterschied zu der Generation heute. Wenn du heute irgendwo sitzt und nach 10 Minuten kommt die Langeweile, dann nimmst du das Smartphone in die Hand. Das ist halt erlerntes Verhalten, aber die Langeweile fehlt. Und ohne die Langeweile wirst du net kreativ. Da bin ich der festen Überzeugung. Ohne Langeweile hätt`s keine Queen gegeben und keine Sex Pistols.

Also, ich fand das so unfassbar befreiend, dass wir da einen Raum hatten, in dem wir machen konnten was wir wollten. Die Langeweile hat dann zur Kreativität geführt. Sicherlich bringt jeder für sich was Persönliches mit, aber es braucht diesen Raum, damit dieses KORN auf diesem BODEN so gut wachsen kann. Ich bin froh um diesen TORF, den man mir gegeben hat, dass ich als KORN da hineinfallen konnte. Und dann da aufkeimen konnte. Für mich war das Juz ein wichtiges Klima, eine ganz spezielle Kultur. Anderen ging es anders. Manch ein Korn ist ja auch nicht aufgegangen. Unsere Mofarocker zum Beispiel, viele wurden assimiliert ins Juz, anderen ist das nicht abgegangen und dann sind wir auseinandergefallen als Mofarockergang.

Sozialarbeiter

Und ich bin natürlich auch Sozialarbeiter geworden. Ich bin 91 nach Darmstadt zum Studieren. Ohne das Juz wäre ich garantiert nie auf die Idee gekommen den Kriegsdienst zu verweigern. Es wäre ein Verrat an unseren Idealen gewesen. Wäre ich nicht zum Zivildienst gegangen, hätte ich nie festgestellt, für was ich mal gut sein könnte. Und dass ich heute da sitze und allgemeine Sozialberatung mache, hat sicherlich damit zu tun, dass das Juz für mich eine linke Sozialisationsstätte war. Aber, ich wollte nie Jugendarbeit machen, mit solchen Leuten wie mir damals, das wär mir zu anstrengend gewesen.

Beim Studium kam ich dann vierzehntägig immer noch zu den Proben ins Juz. Und irgendwann hab ich mich dann verliebt hier und dann bin ich auch hierher zurückgekommen. Und dann war das im Juz vorbei. Dann hab ich in Saarbrücken gewohnt. Da war das Viertel mein Juz. Sonst wär ich bestimmt in Berlin oder Hamburg gelandet.

Epilog

Diese Geschichte mit den Juzen ist viel zu wenig erzählt. Weil das viel mit den Leuten gemacht hat. Viele tragen das in sich weil sie dort sozialisiert worden sind. Das gehört zum Lebensweg einfach dazu aber wird zu selten explizit mal erfragt. Man wird auch nicht mehr dazu angestoßen, nochmal über die Zeit nachzudenken. Für mich ist das ein Riesenthema.

Und für die ganze Punkrockszene im Saarland ist das ein Überthema, weil diese spezielle Musikgeschichte, diese Musikkultur hier bei uns im Saarland wäre gar nicht möglich gewesen ohne diese Rahmenbedingen die die Juze geboten haben.

Also, für mich war das Juz St.Ingbert zum richtigen Zeitpunkt die richtige Institution. Und ich bin sehr dankbar, dass es so etwas gegeben hat, weil ich dem unendlich viel zu verdanken hab. Der TORF halt, auf dem das Samenkorn aufgeht.