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Verband saarländischer Jugendzentren in Selbstverwaltung e.V.

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Unbotmäßige Frauen, Schwule und Lesben in den Juzen

Birgit Latz

Der Umgang mit Frauenbewegung und Schwulen bzw. Lesben in den JUZen scheint ein nicht diskutierter “blinder Fleck” zu sein, bzw. wird gerne in der Rückschau ignoriert zugunsten eines “wir alle zusammen haben uns in Selbstbestimmtheit/Selbstverwaltung bemüht, die Welt zu verbessern” – um es mal vereinfacht und ein bisschen überspitzt zu formulieren. Dabei waren die JUZen zwar auch von vielen jungen Frauen bevölkert, die meisten „Wichtigwichtig“-Gremien, -Diskussionen und -Aktionen in den JUZen waren allerdings eher Jungs-Veranstaltungen. Vielleicht ist das auch einer der Gründe, dass die meisten Beiträge dieser JUZ-Jubiläumswebsite von Männern verfasst sind?

Wir vergessen beim Blick zurück häufig, wie repressiv die Gesellschaft in den 70er Jahren nicht nur gegenüber der “heutigen Jugend” insgesamt (linksradikale faule Langhòrische) war, sondern dass sie unbotmäßigen Frauen und unbotmäßig l(i)ebenden Männern und Frauen im Besonderen auch rechtlich und gesellschaftlich noch ein paar zusätzliche “Bonbons” zu bieten hatte: 

  • Die „neue Frauenbewegung“ hatte erst Anfang der 70er Jahre richtig Fahrt aufgenommen und die „Role-Models“ für Frauen, die sich der üblichen Frauenrolle verweigerten oder diese schlicht nicht erfüllen konnten, mussten noch mit der Lupe gesucht werden.  Selbst eine einigermaßen unterstützende, offene Diskussionsatmosphäre war nur sehr schwer zu finden. Aufmüpfige Frauen galten als „hysterisch“, „frustriert“ (was durchaus stimmen konnte angesichts der üblichen Reaktionen auf Unzufriedenheit mit den herrschenden Zuständen!), als „zickig“ oder als „Mannweiber“. Lesben und jene Frauen, die sich nicht umgehend und ausdrücklich von den „Emanzen“ distanzierten, galten als „männerfeindlich“ und „zu häßlich, um einen abzukriegen“. Frauen, die sich gängigen Sexualpraktiken, aber auch der neuen Verfügbarkeit durch die seit Ende der 60er Jahre propagierten „sexuellen Befreiung“ („Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment!“ bzw. größere Verbreitung der „Antibabypille“) verweigerten, galten als „frigide“ oder „prüde“, sexuell eigenständige und offensive Frauen galten im Gegensatz dazu – wie heute auch häufig noch – als „Schlampen“. Es gab viele unschöne Haltungen, die den Frauen begegneten, die gegen das herrschende Rollenbild (neutral, freundlich, unterstützend, zurückgenommen usw. usf.) rebellierten. 
  • Das “Victim-Blaming” funktionierte damals auf der ganzen Linie noch viel deutlicher und härter als heute: Eine Frau war nicht nur selber schuld, wenn sie belästigt oder vergewaltigt wurde, („Was trägt sie auch so aufreizende Kleidung und schminkt sich so auffällig?“, „Was geht sie auch als Frau abends allein aus?“ u.ä.), Vergewaltigung in der Ehe galt z.B. bis 1997 lediglich als Nötigung, also als „Vergehen“ und nicht als Straftat. Im Scheidungsfall hatten Frauen zudem im Falle eines “schuldig geschieden”-Urteils (z.B. durch Verweigerung der „ehelichen Pflichten“) bis 1976 (als in der BRD bei Ehescheidungen das Schuldprinzip durch das Zerrüttungsprinzip ersetzt wurde) massive Nachteile zu erwarten (z.B. als Hausfrauen materielle Not und als Mütter den Entzug des Sorgerechts für Kinder), von der gesellschaftlichen Stigmatisierung mal ganz zu schweigen. 
  • Verheiratete Frauen durften noch bis 1976 nur dann außer Haus arbeiten, wenn der Ehemann einverstanden war. Wenn sie seiner Meinung nach ihren Aufgaben im Haushalt oder ihrer sonstigen “ehelichen Pflichten” wegen ihrer Erwerbstätigkeit nicht hinreichend nachkamen, konnte er für sie – auch ohne ihre Zustimmung – den Arbeitsplatz kündigen. 
  • Mädchen, nicht nur solchen aus “kleinen Verhältnissen”, wurde mit dem Argument “die heiratet ja doch” häufig eine höhere Schulausbildung verwehrt bzw. erschwert (für etliche Mädchen aus solchen Familien blieb nur der zweite Bildungsweg nach der Volljährigkeit).
  • Die Politikerinnen-Dichte auf allen politischen Ebenen war verschwindend gering und es herrschte offenbar die Auffassung, mit dem Gleichberechtigungsparagraphen im Grundgesetz sei die Sache mit den üblichen politischen Einflussmöglichkeiten für Frauen bereits erledigt. Verbesserungen für ihre Lebenssituation waren also entweder langwierig, schwerfällig, oder hauptsächlich außerparlamentarisch zu erreichen.
  • Wenn Frauen sich nicht in politischen Gremien, Parteien oder anderen männlich dominierten Zusammenhängen durchsetzen konnten oder gar nicht erst reinkamen, hieß es häufig “die wollen sich ja nicht zur Wahl stellen/durchsetzen” (feige, unfähig, harmoniesüchtig, scheinheilig, inkonsequent, unterwürfig usw. usf.). Über die Maßstäbe, die herrschten und es Frauen erschwerten, nicht nur in “Frauenangelegenheiten” – später hieß es “Gedöns” – gehört und ernstgenommen zu werden, wurde damals (wie häufig heute noch in vielen Bereichen) nicht nachgedacht.  Geschweige denn, dass sie infrage gestellt worden wären – Selbstreflexion bezüglich patriarchaler Strukturen unter Männern war (und ist leider immer noch) ein seltenes Phänomen. Es fallen heute noch – auch von durchaus gebildeten Männern und Frauen – Sätze wie z.B.: „Es hat sich ja keine passende Bewerberin gefunden.“ Was hier „passend“ bedeutet, darüber lohnte es sich mal nachzudenken.
  • Unverheiratete Beziehungen hatten es nicht leicht, Orte zu finden, die nicht vom “Kuppelei”-Verdacht betroffen sein würden (der “Kuppeleiparagraph” wurde in der BRD erst Anfang der 70er Jahre modifiziert). Sich zuhause zu treffen und beieinander zu übernachten war für jugendliche Paare also meist unmöglich und die wenigsten hatten ein Auto oder Freund:innen mit eigenen Wohnungen.
  • Der Paragraph 175 stellte noch bis 1973 sexuelle Handlungen zwischen Männern unter Strafe, danach wurde das “Schutzalter” für Schwule auf 18 Jahre begrenzt (das “Schutzalter” für Heterosexuelle war damals 14 Jahre), der §175 wurde erst 1994 deutschlandweit abgeschafft (und das Schutzalter an Heterosexuelle angeglichen), d.h. schwule Jugendliche konnten sich, sofern sie unter 18 waren, noch immer strafbar machen. 
  • Homosexualität von Männern galt – nicht nur laut Kirche – weithin als unnormal („gegen die Natur“, „nicht gottgewollt“ o.ä.) und wurde entsprechend verleugnet, abgelehnt oder aktiv bekämpft, erst seit 1990 gilt Homosexualität laut WHO auch nicht mehr als ggf. behandlungsbedürftige „psychische Störung“. Weibliche Homosexualität wurde nicht ernstgenommen und weitgehend ignoriert oder als „Phase“ bzw. Verirrung betrachtet, sofern sie nicht „normale“ Heterobeziehungen störte oder unmöglich machte. Die größere ökonomische Abhängigkeit der Frauen von (Ehe-)Männern und die allgemeine Stigmatisierung führte dazu, dass viele Lesben und Schwule sich in Ehen flüchteten – bestenfalls fand sich ein:e Partner:in für eine einverständliche „Tarn-Ehe“. 
  • Der Paragraph 218 kriminalisierte Frauen und Ärzt:innen damals sehr viel strenger als heute. Verboten, aber straffrei bei 4 bestimmten Indikationen war eine Abtreibung erst seit 1974, es war (und ist bis heute, z.B. auf dem Land) allerdings nicht ganz leicht, unkompliziert ärztliche Hilfe zu bekommen. Von Frauengruppen organisierte Fahrten in die Niederlande waren damals vielfach der einzig praktikable Ausweg. 
  • Die Angst vor einer ungewollten Schwangerschaft schwebte für Frauen umso stärker über dem Kampf für sexuelle “Befreiung”, als ein Schwangerschaftsabbruch oder eine „uneheliche“ Schwangerschaft noch mit Schande und Stigmatisierung verbunden und es nicht ganz einfach für Jugendliche war, die “Pille” verschrieben zu bekommen, die im Übrigen damals sehr viel stärker in den weiblichen Hormonhaushalt eingriff als heutzutage. Dadurch war Sex für junge Frauen sehr viel mehr mit berechtigten Ängsten verbunden, als für ihre männlichen Partner.
  • Volljährigkeit mit 18 Jahren löste erst 1975 die Volljährigkeit mit 21 Jahren ab. D.h. die Entscheidungen Jugendlicher unter 21 Jahren waren noch nicht allzu lange von den Vorgaben der Eltern unabhängig.

Jetzt stellt euch bitte mal folgendes vor:

Ihr seid in den 15 bis 18 Jahren zuvor mit Leuten aufgewachsen, die all das richtig fanden. Mit Lehrer:innen, Eltern, Verwandten, Vereinsmitgliedern oder Kirchenleuten, die all das Mitte der 1970er Jahre noch stark intus hatten und uns mehr oder weniger entschlossen damit unter der Fuchtel halten wollten. Die uns mit Sprüchen kamen wie: „Solange du deine Füße unter meinen Tisch stellst, tust du gefälligst, was ich dir sage!“ oder: „Das ist gegen die Natur!“ über: „Das ist nicht gottgewollt!“ bis hin zu: „Früher war die Welt noch in Ordnung.“ oder aber: „Ihr wisst ja gar nicht, wie gut ihr es habt, weil ihr keinen Krieg erlebt habt. Seid gefälligst zufrieden mit dem, was ihr habt!“.  Demgegenüber kamen wir uns „nicht richtig“ oder immer etwas fremd vor. Wir haben kaum Möglichkeiten gesehen, diesem Normalitätsdruck oder der Forderung nach Wohlverhalten zu entkommen. Gleichzeitig haben wir nicht gemerkt, wie bestimmend dieser Zeitgeist auch für unser eigenes Denken war. Es hatte sich in unseren Köpfen und Körpern festgesetzt, dass wir „verkehrt“ oder „nicht gut genug“ waren. Dagegen war nur schwer und gegen viele äußere und innere Widerstände anzukämpfen. Sich als Frau oder Mann zu outen, die nicht dem „normalen“ Rollenbild entsprach, erforderte Mut und unbedingt auch die Fähigkeit, sich unbeliebt zu machen und damit klar zu kommen – das konnten wir in diesem Alter ohne Unterstützung von anderen sicherlich noch nicht so besonders gut. 

Die Werthaltungen, mit denen wir damals konfrontiert waren, trugen also ganz sicher dazu bei, dass so manche „Marlene“ andere Pläne entwickelte, als sich mit dem, wie es sein sollte, einverstanden zu erklären und sich anzupassen.

Es ist mir allerdings nicht ganz klar, warum die Geschlechterungerechtigkeiten, die uns u.a. in die JUZen getrieben haben, in politischen Diskussionen dort entweder kaum eine Rolle spielten oder, wenn sie denn doch stattfanden, häufig entweder als „Nebensache“ abgetan wurden angesichts der Wichtigkeit der „Revolution“, oder zu überaus emotionalen Auseinandersetzungen führten, die viel damit zu tun hatten, dass die Jungs sich „als Mann“ angegriffen fühlten. Jede Klage über patriarchale Strukturen nahmen sie meist derart persönlich, dass ihnen der Gedanke gar nicht kam, dass mann sich von beschissenen bzw. unterdrückerischen Männerbildern (oder auch bestimmten, beschissen unterdrückerischen Mannsbildern) auch distanzieren – und sich gegen diese patriarchalen Strukturen solidarisch mit denen zeigen könnte, die einem gerade erklärt haben, inwiefern sie persönlich darunter leiden. Zumindest auch mal einen Moment lang von sich selber abstrahieren zu können, wäre hilfreich gewesen, das konnten die Jungs ja auch, wenn es um Befreiungskämpfe und Widerstand an anderen „Fronten“ ging. 

Birgit Latz zu Juz-Zeiten

Für uns Mädchen war es schwierig, sich als unzufrieden zu outen, weil wir es gewohnt waren, nach unserem Wohlverhalten beurteilt zu werden und Angst davor hatten, als zickig zu gelten (damals war der gängige Ausdruck dafür: „frustriert“, was unbedingt unattraktiv und zu meiden war). Oder wir waren zu feige oder genervt davon, uns damit rumzuschlagen, als „kompliziert“ oder „zu pauschal“ zu gelten, denn das führte dazu, dass wir ständig beteuern mussten, unser Gegenüber von der Patriarchats-Klage auszunehmen, was wiederum genaugenommen nicht stimmte, denn sonst hätte sich das Wissen davon schon längst herumgesprochen, dass wir alle vom Patriarchat „verseucht“ sind und sich niemand komplett davon ausnehmen kann, in irgendeiner Form unter dieser Machtstruktur zu leiden bzw. davon zu profitieren. Schwierige Sache also, hier offen und freimütig zu diskutieren, ohne dass es für die Einzelnen unerwünschte und blöde Folgen haben konnte… 

Vielleicht lag es daran, dass wir uns auf der Grundlage des oben beschriebenen Zeitgeistes in unserem „Anderssein“ im familiären, dörflichen und schulischen Umfeld schon oft genug allein und isoliert gefühlt hatten. Es bedeutete also immer auch ein Risiko, gerade in den JUZen, die wir uns als Freiraum zu eigen machen wollten, sich als „anders“ zu offenbaren oder die Diskussion zu suchen: Wenn uns die anderen, deren Unterstützung uns so wichtig war, ebenfalls ablehnen würden, was dann? So viele Möglichkeiten, uns auszuleben oder auszuprobieren, gab es damals nicht. Wenn es unter Freund:innen auch im JUZ nicht klappte, wo sollten wir dann noch suchen nach denen, die uns verstehen und akzeptieren? Schwierig, sich das aus heutiger Sicht und in der aktuellen gesellschaftlichen Situation vorzustellen. Sicher sind die oben beschriebenen Haltungen heute nicht mehr so repressiv wirksam ist wie noch in den 70er Jahren, dafür gibt es auf vielen anderen Ebenen immer noch genug wirkmächtige Einstellungen, die nicht „stromlinienförmige“ Menschen unterdrücken wollen und ihnen daher besonders zu schaffen machen. Wahrscheinlich fehlte uns in dieser Hinsicht einfach auch die angemessene Empathie und wir waren uns erstmal selbst der oder die Nächste? 

Die Diskussionen über Feminismus, Homosexualität, konsensuelle Sexualpraktiken u.ä. waren folglich auch in den JUZen nicht leicht (bis unmöglich), sie galten bisweilen als zweitrangige „Themen“ (individualistisch, „bürgerlich“, „Nebenwiderspruch“, persönliche „Schwäche“, o.ä.) – wir diskutierten sie ohne ein ausreichendes Bewusstsein dafür, dass diese Werthaltungen auch stark in uns selber wirkten und z.B. den Umgang miteinander in vielerlei Hinsicht „grundierten“. „Das Private ist politisch.“ – das war bis in die frühen 80er Jahre eine noch nicht wirklich verbreitete Einsicht. Das Verständnis für unsere zwischenmenschlichen Ängste und Unsicherheiten und ihre Gründe, und dadurch ein besserer, hilfreicher und halbwegs unterstützender Umgang miteinander (z.B. mit dem “Anderssein” von Frauen und Homosexuellen) war auch in den JUZ-Zusammenhängen nicht sehr ausgeprägt – “anders leben wollen” war nicht in jedem Fall akzeptiert. Ideal war es für Jungs, allzeit „stark“ zu wirken und „auf der richtigen Seite“ zu stehen – für Mädchen, die Sache bitte nicht „kompliziert“ oder „zu emotional“ zu machen.  Es gab auch unter uns in der linken Jugend keine ausgeprägte Fähigkeit, mit Widersprüchen umzugehen, sie auszuhalten und eigene festgefügte bzw. althergebrachte Geschlechterbilder infrage zu stellen. Selbst toleriert wurden andere als die weithin akzeptierten Lebens- und Liebesentwürfe nur dort, wo wir Glück hatten mit einem unterstützenden Umfeld – also war die Situation für uns unbotmäßige Frauen und/oder Homosexuelle in den JUZen nicht unbedingt leichter als außerhalb, wenn wir unsere eigene Situation thematisieren oder problematisieren wollten.

Nach meiner Wahrnehmung – bezogen auf ca. 1975-1978 im JUZ Neunkirchen – waren wir auch dort noch sehr geprägt und beeinflusst vom oben skizzierten Zeitgeist. Gemeinsam war uns ein diffuser Veränderungswille und das Bestreben, Orte und Gelegenheit zu finden, den damaligen repressiven Zuständen zu entkommen, zusammen dazu beizutragen, sie zu überwinden und abzuschaffen, kurz: unsere eigenen bzw. auch gesellschaftlich als ungerecht erkannte Lebensumstände zu verbessern. Nicht gemeinsam waren uns häufig die Bereiche und das Ausmaß, in denen der Zeitgeist mit seinen einschränkenden Wertehaltungen unser jeweiliges Leben beeinträchtigte, formte und unser Entkommen erschwerte. Gefehlt hat uns meist die Fähigkeit, uns gelassen darüber auszutauschen und gleichzeitig diese gelernten eigenen Hintergründe mit zu bedenken. Es herrschte in der JUZ-Community ein sehr eingeschränkter Politikbegriff vor, der graduell unterschiedliche persönliche Nöte in der Auseinandersetzung als unwichtig abtat, oder die Möglichkeiten einer “Befreiung” aus individuell unterschiedlich wirksamen Unterdrückungsmechanismen z.B. auf „nach der Revolution“ verschob. Heute wird das in politischen Zusammenhängen erfreulicherweise immer häufiger mitbedacht und nennt sich „Intersektionalität“, ein Zugang, der damals unter uns nur sehr selten zu finden war. Zumindest hatten Diskussionen zu Lebenssituationen von unbotmäßigen Frauen und/oder Homosexuellen immer wieder schnell den Charakter eines Streits bzw. „Kampfs“ – auch im JUZ gegen Windmühlen… 

Eine Verlagerung in Frauen- bzw. Schwulengruppen – „autonom“ zu werden, war offenbar notwendig und beschleunigte die nötigen Veränderungs- und Bewusstseinsschritte enorm, das hat sich spätestens in den 80er Jahren gezeigt: Wir fanden sehr viel schneller ähnlich gesinnte und zumindest unterstützende Verbündete und es war leichter, sich stark – und nicht mehr allein, unverstanden oder isoliert – zu fühlen. Neue und andere Zugangswege zur politischen Betätigung und Artikulation wurden mehr und mehr akzeptiert und eher ernstgenommen als innerhalb der zuvor herrschenden engen Denkschablonen. Es bildeten sich eigene Diskussions- und Projektzusammenhänge (Frauen/Lesbenzentren, Schwulenzentren, Läden, Museen, Archive, Kneipen usw.). Diese Separierung war wichtig, um eine schnellere Erweiterung der Aktions-, Denk- und Diskussionsräume zu bewirken. Schon in den 80ern hat sich z.B. in der Hausbesetzungsszene von Provinzgroßstädten gezeigt, dass die „starken“ Polit-Jungs mit der großen Klappe nicht weiterkamen, wenn sie sich nicht mit der örtlichen Frauen-/Lesben- und Schwulenszene zusammenfinden konnten. Es stellte sich also heraus: Feministinnen und Schwule wollten ebenfalls unbedingt das „System“ verändern – allerdings auch an anderen Stellen. Und diese anderen, dem System dienlichen Machtstrukturen sollten gefälligst ebenfalls mit bedacht werden.

Der deutlichste Satz, den ich in diesem Zusammenhang aus einem Streitgespräch zur Situation von Frauen in Erinnerung habe: “Es geht nicht um dich, es geht um die Sache!” – was genau “die Sache” sein sollte, konnte mir mein Gegenüber auch nicht so genau sagen, aber ich finde heute noch, dass die beste Motivation, etwas an beschissenen Zuständen ändern zu wollen, die ist, dass wir selber besser und weniger unterdrückt (zusammen) leben wollen als bisher. 

Ein anderer Satz, der mir dazu einfällt, stammt von einem Freund und ehemaligen JUZler, mit dem ich mich vor einigen Jahren mal darüber unterhalten habe, warum wir uns eigentlich immer wieder auch mit “Unseresgleichen” in Grabenkämpfe, Haarspalterei und detaillierte Grundsatzdiskussionen verstricken, zerstreiten und so wenig entspannt mit unseren eigenen Widersprüchen sowie mit individuell unterschiedlichen Zugängen und graduell anderen Sichtweisen oder Lebensbedingungen umgehen können: “Wir müssen einfach endlich lernen, miteinander zu leben!”. Ob das wirklich so einfach ist, weiß ich nicht, aber es zumindest mit denen zu versuchen, die nicht komplett vernagelt und auch offen und neugierig genug für andere Perspektiven sind, wär doch mal kein ganz schlechter Ansatz? 

Und „nebenbei“ gefragt: Wo sind eigentlich die „Gastarbeiterkinder“, die „Behinderten“ oder BPoC damals geblieben? Gabs davon noch nicht so viele oder konnten/wollten sie sich nicht in den JUZen beteiligen (ich kannte aus meinem Dorf einen 17jährigen Migranten aus Italien, der mithilfe eines dicken Deutsch-Italienisch-Wörterbuchs „Das Kapital“ von Marx im Original lesen wollte, den ich aber nie im JUZ gesehen habe)? Waren sie absichtlich nicht vertreten, nicht willkommen, haben wir sie ignoriert oder blieben sie versteckt und auch für uns „unsichtbar“? – Das wäre sicher auch ein paar Überlegungen wert. Ich kann mich jedenfalls nicht erinnern, dass im JUZ Neunkirchen erkennbar welche mit uns waren. Wie war das und wie hat sich das bis heute entwickelt in den verschiedenen JUZen? 

Und was mich auch brennend interessieren würde: Gab es in den JUZen auch „Cis-Männer“, die nicht mit den herrschenden Männerbildern einverstanden waren und sich offensiv als Antisexisten zu erkennen gegeben haben, die ihre eigene Unzufriedenheit mit den Zuschreibungen, denen sie unterworfen waren, untereinander diskutiert haben? Gab es vielleicht sogar Jungsgruppen, die sich ohne sozialpädagogisches „Anstupsen“ gebildet haben? Was sind deren Erfahrungen?