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Verband saarländischer Jugendzentren in Selbstverwaltung e.V.

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Großes entsteht im Kleinen

Ich treffe mich mit dem Kinomacher Wolfgang Kraus in der Kinowerkstatt im Juz St.Ingbert. Hier herrscht Wohnzimmerfeeling mit ganz viel Retrocharme. Die Kinowerkstatt ist eines der wenigen alternativen Programmkinos im Saarland. Hier sind Filme zu sehen, die sonstwo kein Publikum finden würden, weil die kommerziellen Kinos auf die Blockbuster festgelegt sind. Möglich wurde dies, weil einige Jugendliche Mitte der 70er Jahre loslegten und mit dem Jugendzentrum auch einen Raum fanden, in dem sie ihre cinephilen Leidenschaften ausleben konnten. Dass daraus eine fast 50jährige Geschichte wurde und das Kino heute noch existiert, ist auch Wolfgang Kraus zu verdanken. Man muss ihn nicht groß zum Gespräch auffordern, das hier ist auch seine Geschichte.

Wie es losging

Ja, wie ging es eigentlich los? Eigentlich kam ich über einen Freund von mir zum Juz. Karl R. Becker, mit dem hab ich angefangen zu studieren. Der war Vorsitzender im  Jugendzentrumsverein und hat das Juz auch mit begründet. Wir bekamen dann Räume in der Paul Dormann Schule, das war 1976. Wir haben dann dieses Haus in Besitz genommen. Mit Tischkicker, Tischtennisplatte und Inventar ausgestattet, das waren die Anfänge. Das war ein ähnliches Gebäude wie das jetzige Juz. Untergeschoss mit großem Raum und Obergeschoss mit vier, fünf kleineren Räumen. 

In der Paul Dormann Schule fing das mit dem Film schon an. Im Untergeschoss gab es den Gymnastikraum, dort haben wir Stuhlreihen aufgestellt und Filme gezeigt. Da fing das schon an mit Kinomachen. Wir haben dann angefangen französische Filme zu zeigen, also nicht im Original, nicht diese intellektuelle Überhöhung und dann haben wir auch angefangen populärere Filme zu zeigen, Horrorfilme. Da war die Bude immer voll. 50, 60 Leute, mehr ging da nicht rein. Das war der Ausgangspunkt. Es gab ja in der Stadt sonst nur die kommerziellen Filme im Regina Kino.

Erster Umzug

Aber das ging nicht lange. Die Stadt wollte uns raushaben und die Schule abreißen. Und dann gab es die größte Demo in St.Ingbert, 600 Leute. St.Ingbert stand Kopf, 600 sind durch die Stadt gezogen um gegen den Abriss der Paul Dormann Schule zu  demonstrieren. Die Demo war so fordernd, dass die Stadt das Juz nicht einfach zumachen konnte und dann wurde die alte Synagoge als Ersatz angeboten. Das war 1978. Da haben wir auch in Beschlag genommen. Das war allerdings kleiner. 

Dort habe wir das Kino weitergeführt und und eine Schiene war: Samstag Abend, 22 Uhr „Gegen die Samstagabendlangeweile“. Da sind die Leute aus den örtlichen Kneipen zusammengekommen. Das war immer total irre, es war immer gestopfte voll, die Leute haben sich noch im Ausgangsbereich zusammengedrückt um noch auf die Leinwand schauen zu können. Das lief eine ganze Zeit lang so. Wir waren damals so vier, fünf Leute, die das organisiert haben. Da sind wir schon immer professioneller geworden, haben  zum Beispiel Plakate mit dem Filmprogramm drucken lassen.

Umzug in die Pfarrgasse 1980

Und dann kam 1980 der Umzug hierher in die ehemalige Pfarrgassschule. Damals kam die SPD ans Ruder und die haben das hier auch umgebaut nach unseren Vorstellungen.  Wir wollten hier ein Kino drin haben und dann wurden in der ersten Etage aus zwei Schulräumen ein großer Kinoraum gemacht. Das war ein großer Akt, da mussten dann Pfeiler eingebaut werden. Dann wurde die Leinwand eingebaut. Die haben wirklich Geld in die Hand genommen. Und dann hat hier das Kino aufgemacht und als wir den ersten Film gezeigt haben, haben wir hier gesessen und nichts verstanden. Da war noch keine Akustikdecke drin, der Raum war voll verhallt. Wir konnten die Stadt überzeugen, dass eine Akustikdecke notwendig war, die dann auch finanziert und angebracht wurde.

Am Anfang hatten wir auch noch keine Kinostühle. Da haben wir eine Sammelaktion gestartet und der Raum stand dann in kurzer Zeit voller Sofas und Stühle, gespendet von St.Ingberter Bürgern. Das war ne tolle Atmosphäre. 1985 bekam das Staatstheater Saarbrücken eine neue Bestuhlung, wir hörten davon und haben die ausrangierten Stühle selbst abgebaut. Und so wurde es auch für andere Leute als Kinoraum akzeptabel und hat sich weiter etabliert.

Wir sind damals immer schon zu den Hofer Filmtagen gefahren und auch zur Berlinale. Wir hatten schon Freikarten übers Kino. Irgendwann auch für Cannes. Es gab in Hof eine Kneipe, in der auch Kinofilme gezeigt wurden. Sie wollten ihren 35 Millimeter Projektor verkaufen. Und da haben wir zugeschlagen. Vorher gabs ja nur den 16 Millimeter Projektor von der Landesbildstelle. Es wurde damit immer professioneller.

Von Anfang an: Filme selber machen

Aber das muss ich noch erzählen. Wir haben immer schon nicht nur Filme gezeigt,  sondern auch angefangen selbst Filme zu drehen, damals auf Super 8. Deswegen heißen wir auch Kinowerkstatt, weil wir nicht nur Filme gezeigt haben sondern Leute aus dem Juz auch selbst Filme gedreht haben. Wir haben zum Beispiel eine Parodie auf diese Schulmädchen-Report Filme gemacht. Das Ende des Films geht so: Der Protagonist steht ziemlich gelangweilt vor dem Regina-Schaukasten in dem die Schulmädchen-Report Plaktate hängen. Und im O-Ton – das ist jetzt was für Insider – läuft das Wim Wenders Zitat von einer Kinobetreiberin, die ihr Kino schließt. Sie sagt: „Ich kann diese Filme nicht zeigen, die nur noch alles ausbeuten, was man in den Augen und Köpfen der Menschen ausbeuten kann. Es ist besser, es gibt keine Kinos, als dass es ein Kino gibt, so wie es jetzt ist.“ 

Wir haben zum Beispiel das erste Experimentalfilmfestival veranstaltet, etwa um 1981/ 82. Da gabs das Filmthema Kirche und da sind wir mit Weihrauch hier durch die Reihen gegangen. Stefan Ripplinger hat z.B. mit anderen zusammen den Film gemacht mit dem Titel „Der Hettenleidelheimer

Schnabel Georg“. Da haben sie oben auf dem Speicher im Juz ein gerupftes Huhn in der Sommerhitze aufgehängt, bis es total vergammelt war. Dann haben sie es an einem Angelhaken durch die Stadt getragen und die Reaktion der Leute auf das stinkende Huhn gefilmt. Total verrückt.

Mit der folgenden Juz-Generation kam Florian Ross, der später Film studierte. Florian Ross hat seinen ersten Film gezeigt, den er mit seinen Freunden im St.Ingberter Wald mit der noch analogen Video-Kamera seines Vaters gedreht hatte: Ein Horrorfilm.  Er sagte später, der war von Steven Spielbergs „Jurassic Park“ inspiriert. Der hat ein richtiges Drehbuch geschrieben, das sie dann im Sommer 1998 umgesetzt haben. Der Schnitt wurde am VHS-Rekorder gefertigt. Kosten geschätzt 20 DM inclusive Kunstblut.

Dann ist er durchgestartet, hat Regie in Köln studiert und bei Warner einen Spielfilm produziert, „Vielmachglas“, mit einem Etat von 3,5 Millionen Euro. Da spielte der Schweighöfer mit.  

Schlüsselerlebnis für ihn, Regisseur zu werden, war das Erlebnis der Premiere seines ersten Amateurfilms „Ahnungslos“ vor nunmehr 30 Jahren in der Kinowerkstatt. Der Saal war voll und Florian Ross sagte später im Interview: „…als ich das hier im Juz erlebt hab, dass hier die Leute meinen Film gucken und mir dann applaudieren, da hab ich mich entschlossen Regisseur zu werden.“

Nebenprodukte: Internationales Jazzfestival, Konzerte, Frauengruppe und Kino unterwegs

Florian Ross war nicht der einzige, der hier erfolgreich startete. Jörg Jacob z.B. gründete im Juz das erste St.Ingberter JazzFesival, später Internationales Jazz-Festival. Er kam als junger Lehrling ab und zu mal ins Kino. Wir haben hier zusammengesessen und dann meinte er, wir könnten doch hier auch mal ein Jazz-Festival veranstaltuen. Er hat dann mit Bärbel Müller und mir und seinen Freunden die ersten zwei Festivals im Juz organisiert. Das war ein Riesenerfolg, 500, 600 Leute und das dritte Festival musste schon in der Stadthalle stattfinden. Das war ja dann wirklich ein überregionales Kulturereignis und die Stadt hat das später übernommen. Aber die Ursprünge waren im Juz.

Das kam auch durch die gute Akustik hier im Kinoraum. Da wurden von Anfang an auch Konzerte veranstaltet. Es kamen auch bekanntere Bands. Jelly Toast, die Himbeerbuben, die Ripplingers, die haben hier angefangen. Im Keller gab es ja die Proberäume, da haben die Bands geprobt und sind dann hier zum ersten mal aufgetreten. Die haben hier angefangen und sind dann bekannter geworden. Auch Frank Nimsgern konnte hier proben.

Ja, und Bärbel Müller hat 1981 die ersten Frauenfilmtage veranstaltet. Gleichzeitig gründete sie mit gleichgesinnten Frauen aus dem Jugendzentrum eine Frauengruppe. Das waren 15 bis 20 Frauen, die sich in vielen Aktionen für Frauenrechte eingesetzt haben.

Und was man auch noch erwähnen muss, dass wir von Anfang an nicht nur Filme im Juz gezeigt haben, sondern auch viel unterwegs waren. Schon in den Anfangsjahren sind wir ab und zu nach Saarbrücken in die Kultkneipe „Bingert“ gefahren wo die alten 68er saßen. Oscar Lafontaine, Jochen Senf und etliche Leute, die zu dieser Szene gehörten. Wir haben auch Filmvorführungen im „Bingert“ gemacht. Unsere Kinogruppe aus St.Ingbert hat dort den 16-Millimeter Projektor aufgebaut und dann gabs „Kino im Bingert“, so nannte sich das. Das ging eine Zeitlang, der „Devi“ hat die Plakate dazu gemacht.

Und wir haben ja auch noch eine Zeit lang das Freiluftkino auf der Naturbühne Gräfinthal veranstaltet und auch auf der Waldbühne Homburg. Beim Zirkuswagenprojekt des VSJS waren wir auch öfter mit Freiluftkino im Einsatz.

Vom Juz-Kino zum kommunalen Kino

In den 90er Jahren gab es irgendwann die Lizensabgabe vom Radio Europa 1. Und diese Abgabe war die Basis für die kulturelle Filmförderung im Saarland. Werner Röhrig aus St.Ingbert hatte einen Referentenjob beim Kultusministerium und den haben wir angehauen. Ich war vorher schon ehrenamtlich in einem Ausschuss für Drehbuchförderung über den Werner Röhrig. Wir haben Drehbücher gelesen und es  wurden Filme gefördert. Dadurch haben einige ihre erste Förderung gekriegt und konnten auch ihre ersten Filme machen. Jetzt war aber die Frage, wo führen sie ihre Filme auf? Für die kommerziellen Kinos war die Schwelle zu hoch, die wollten lieber den neuen James Bond zeigen. Und dann hat die Politik entschieden, dass auch Spielstätten her mussten, um diese geförderten Filme auch dem Publikum vorzustellen. Es wurde beschlossen, die drei Programmkinos oder kommunalen Kinos im Saarland zu fördern und wir waren eines davon. Wir haben dann zusammen mit der Camera und dem Kino 8 ½ einen Antrag gestellt auf institutionelle Förderung, die kam dann so 1990/91.

Die Kinowerkstatt wird hauptamtlich

Und über die institutionelle Filmförderung kams dann auch zu meiner Stelle. Die Bedingung von Saarland Medien war, dass die Stadt ein Drittel als Zuschuss aufbringen sollte, der Kreis ebenfalls einen Zuschuss zahlen sollte. Vom Kulturamtsleiter der Stadt wurden wir damals noch angefeindet. Wir waren ja Konkurrenz zur etablierten Kultur der Stadt. Die Meinung war: Kultur ist Sache der Obrigkeit! Und wir waren ja keine Profis und der Kulturamtsleiter der Stadt hat uns zunächst Steine in den Weg gelegt, dann aber Ruhe gegeben. Der Kreis hatte ja schon das Juz gefördert und wir haben ergänzend auch ein Schulkinoprogramm gemacht, das der Kreis gefördert hat. Bei der Kreisförderung war auch noch ein Anteil für die Arbeit im Jugendzentrum vorgesehen. Und dann war ich hier beschäftigt.

Und jetzt mach ich seit über 30 Jahre Kinoprogramm hier mit hunderten von Filmen und zigtausend Menschen, die hier Filme gucken können.

Das ist Kino

Momentan finden die Schulkinowochen, wie schon seit etlichen Jahren statt. Hier zeigen wir Schülern aller Altersstufen wertvolle Kinder- und Jugendfilme. Inzwischen sind wir ständige Spielstelle des Max-Ophüls Festivals und des St.Ingberter Festivals Junger Film und wurden so zum „spannendsten Kinoort im Saarland“.

Kino ist für mich eine Einrichtung für Menschen jeden Alters. Es dient nicht nur der Unterhaltung, sondern ist auch ein Ort, an dem man Empathie lernen kann. Man schaut Filme mit Fremden und Freunden, z.B. über Migranten, die ihren Lebensweg schildern und erzählen, warum sie zu uns kommen. Das fördert das gegenseitige Verständnis. Dadurch kann unter Umständen Ausländerfeindlichkeit reduziert werden. Das kann Kino. Mit Kino kann man politische Themen behandeln, andere Welten und fremde Kulturen kennenlernen.

Selbstdarstellung Kinowerkstatt St.Ingbert