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Verband saarländischer Jugendzentren in Selbstverwaltung e.V.

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Gut besucht und stark bekämpft

von Jürgen Schirra

 

Die Alte Schule

Meine Erinnerung gehen in die späten 70iger Jahre zurück: In der „Alten Schule“ (so der offizielle Begriff) in Stennweiler gab es mehrere Vereine unter einem Dach, die dort verschiedene Räume nutzten, wie die Reservistenkameradschaft, das Rote Kreuz, der Tischtennisverein und auch der damalige Vogelschutzverein, dem viele Jugendliche, darunter auch ich, angehörten. Viele von uns waren ebenso in weiteren Vereinen im Dorf aktiv, was bei der Gründung des JUZ eine Rolle spielen sollte. Für uns war damals schon das neue selbstverwaltete Jugendzentrum in Neunkirchen eine tolle Möglichkeit sich zu treffen, Musik zu hören, zu diskutieren und auch mal „abzuhängen“. Es entstand die Idee: wir brauchen in Stennweiler ein Jugendzentrum. Der große geräumige Raum des Vogelschutzvereins, der nur einmal die Woche von uns genutzt wurde, schien geeignet. Doch wie das Ganze organisieren? 1976 entstand dazu eine gemeinsame Initiative von Jusos, Junger Union, katholischer und evangelischer Jugend, den Raum des Vogelschutzvereins für Jugendarbeit zu nutzen. Es wurde eine gemeinsame Vereinbarung mit der Gemeinde getroffen, nach der die einzelnen Gruppen jeweils einen Abend in der Woche zur Verfügung hatten. Kurz darauf organisierte sich die freie Jugend Stennweiler und machte ebenfalls mit. Ende 1980 wurde dann ein Jugendzentrumsverein gegründet. Das Stennweiler JUZ wurde Mitglied im VSJS. 1982 traten dann Jusos, Junge Union, kath. und ev. Jugend ihre Nutzungsrechte komplett an den Jugendzentrumsverein ab, um einem selbstverwalteten Jugendzentrum nicht im Wege zu stehen.

Folkkonzert im Juz Stennweiler

Aus meiner Erinnerung stieß unser JUZ im dörflichen Alltag häufig auf Anfeindungen und Missgunst – nach dem Motto: „wer wääs, was die Langhoorige dort so alles mache und aach noch die Revolution ausrufe“. So fanden – wie in anderen Jugendzentren – politische Vorträge, aber auch Musikveranstaltungen oder einfach mal eine Party statt. An einen Vortrag kann ich mich noch gut erinnern, weil er mein eigenes Denken geprägt hat: Der damalige Bundestags-Abgeordnete Hajo Hoffmann (späterer saarländischer Wirtschaftsminister und Saarbrücker Oberbürgermeister), referierte über die Risiken der Atomenergie, den dafür notwendigen gewaltigen Investitionsbedarf sowie über die Kosten der Lagerung des Atommülls. Ich selbst bin dann Anfang der 80iger nach Saarbücken gezogen, war aber immer wieder mal im „Stennweller JUZ“ und kann mich dort an viele Events und Treffen erinnern. Viele Freundschaften sind entstanden und halten zum Teil bis heute. Unser JUZ hatte sich auch in den Nachbardörfern rumgesprochen – oft war deshalb „die Hütte voll“.

Als Beispiel für die politische Arbeit will ich einen Auszug aus den Veranstaltungen im Jahr 1983 geben: Es gab u.a. Filmabende zum 50. Jahrestag der Machtergreifung der Nationalsozialisten oder einen Film über die Problematik der Entwicklungshilfe in Südamerika und die Ausbeutung der Menschen. Gut erinnern kann ich mich an Konzerte mit Liedermachern und Folkmusik, an die urige Atmosphäre des Raums mit einem Baumstamm und einigen Ästen, an die große Theke mit einem riesigen durchgehenden Holzbalken zum Sitzen und an den alten Ofen, der von Hand mit Holz befeuert werden musste. Im Sommer nutzten wir noch zusätzlich das Außengelände vor dem Gebäude – nicht immer zur Freude der Anwohner. Von Seiten des JUZ fanden mehrere Aktivitäten statt, um sich bewusst in die Dorfgemeinschaft einzubringen: So gab es u.a. Theaterveranstaltungen und Karnevalsabende sowie einen eigenen Stand auf dem Dorffest. Das Team des JUZ bot diesen Stand sogar noch viele Jahre nach der Schließung des JUZ an.

Spieleabend im Juz

Seit Beginn der 80iger schwebte das Damoklesschwert des Abbruchs über dem JUZ. Die Alte Schule, errichtet um 1900, war ein schönes, altes und massives Gebäude. Schwachpunkt war jedoch der Dachstuhl, der sanierungsbedürftig war. Aus einem Beschluss der Gemeinde von 1978 geht hervor, dass die Alte Schule nach Fertigstellung einer Mehrzweckhalle abgerissen werden soll. 1985 war es dann leider soweit- das Gebäude wurde, trotz Protesten, abgerissen und das JUZ verlor seinen Raum. Der Jugendzentrumsverein löste sich schließlich 1987 auf.

Nach Auflösung des Jugendzentrums gab es immer wieder Treffen der „Ehemaligen“: In der Einladung zum letzten Treffen 2016 heißt es „…Leider konnten wir den Abriss der Alten Schule nicht verhindern. Geblieben sind jedoch die mit dem JUZ verknüpften Werte, unsere gemeinsamen Erfahrungen und Erlebnisse und die Neugier zu wissen, was aus euch geworden ist…“ Bei diesem „JUZ-Fest“ sangen wir dann einen auf die Melodie eines alten Schlagers neu getexteten Song, in dem es u.a. heißt: „Us alt Schul hat faule Schindeln un der Sturm, der macht sie krank – und die alten morschen Balken waschen Schnee und Regen blank. Doch mit ein paar hundert Mille wär die Schul schnell renoviert. Mit dem Einsatz unserer Jugend wär der Bau im Nu saniert. Über die Schul gibt´s viele Stimmen, die kein Sterblicher versteht. Denn da gibt es ein paar Herren, denen der Bau im Wege steht“. Wenn wir uns heute über unser JUZ unterhalten, ist immer noch die Begeisterung über eine engagierte, schöne und spannende Zeit zu spüren, die uns alle geprägt hat.  

Das Juz auf der Friedensdemo