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Verband saarländischer Jugendzentren in Selbstverwaltung e.V.

Wie es begann

von Leo Backes

Wie überall auf dem Land war auch in Oberthal in den 1970er Jahren das Angebot an interessanten Jugendveranstaltungen äußerst gering. Wer etwas erleben wollte, musste motorisiert sein und sich auf den Weg in die Kreisstadt machen. Inspiriert von den aufkommenden Jugendzentren in Selbstverwaltung im Saarland schlossen sich Jugendliche aus den Reihen der Jusos, der JU und einige politisch unabhängige Jugendliche zusammen und bildeten eine „Kerngruppe“ mit dem Ziel, ein selbstverwaltetes Jugendzentrum in Oberthal anzubieten.

Am 12. Januar 1975 war es dann soweit: In einem Kneipensaal in Oberthal wurde der Verein Jugendzentrum Oberthal gegründet. Von ca. 130 anwesenden Personen traten bereits bei der Gründungsversammlung 104 Personen dem Verein bei. Dies zeigte, auf welche große Resonanz das Vorhaben bei den Jugendlichen stieß. Auf der Gründungsversammlung wurde ein siebenköpfiger Vorstand (alle über 18 Jahre, da die Vereinsform e.V. angestrebt wurde) gewählt und bereits eine Vereinssatzung diskutiert. Aufgabe des Vorstands war vor allem die Vertretung des Vereins nach außen sowie die Berufung einer neunköpfigen Aktionsgruppe (AG). Satzungsgemäß mussten die Mitglieder der AG von der Mitgliederversammlung aber bestätigt werden. Aufgabe der AG war es, die Räumlichkeiten einzurichten, spezifische Arbeitskreise zu bilden und die Besucher zu betreuen – kurzum, den Betrieb des JUZ in Eigenverantwortung zu organisieren. Die  Sitzungen der AG waren öffentlich und alle Jugendlichen der Gemeinde wurden regelmäßig in den örtlichen Medien zur Mitarbeit ermuntert.

Von Januar bis zum Sommer 1975 wurde in verschiedenen Veranstaltungen in den örtlichen Kneipen das Vorhaben eines selbstverwalteten JUZ weiter bekannt gemacht und weitere Jugendliche zur Mitarbeit gewonnen. Von Anfang an zeigten die politischen Parteien der Gemeinde ein reges Interesse am neuen Verein. So war es nicht verwunderlich, dass der Gründungsvorstand nahezu paritätisch von parteipolitisch aktiven Personen gebildet wurde. Was zunächst wohl eher als Kontrollgremium gedacht war, zeigte sich bald jedoch als sehr glücklicher Umstand. Die Tatsache, dass die etablierten Herren großen Rückhalt in den politischen Entscheidungsgremien der Gemeinde hatten, erleichterte die Suche nach geeigneten Räumlichkeiten sehr. Bereits im Herbst 1975 konnte mit der Gemeinde ein Mietvertrag über die Nutzung einer ehemaligen Schule im Ortsteil Gronig geschlossen werden. Die Räume waren ideal: drei ehemalige Schulräume von je ca. 60 m² sowie diverse kleinere Nebenräume. Auch die Bereitstellung der erforderlichen Finanzmittel zum Ausbau wurde von der Gemeinde problemlos bewilligt.

Wie sehr sich viele Jugendliche ein Jugendzentrum wünschten, zeigte sich dann in der Ausbauphase von Herbst 1975 bis Mai 1976. Unter Anleitung von erfahrenen Handwerkern wurden die komplette Elektroinstallation, die Erneuerung der Sanitäranlagen und kleinere Umbauarbeiten in Eigenregie gestemmt. Insbesondere die Gestaltung der Raumwände mit überdimensionalen Wandbildern, die von künstlerisch begabten Jugendlichen geschaffen wurden, war ein echter Hingucker.

Im Mai 1976 war es dann soweit: Das JUZ wurde mit einer dreitägigen Fete eröffnet. Nun konnte es endlich losgehen. Zum einen bot das JUZ einen Ort zum zwanglosen Treffen. Die normalen Öffnungszeiten waren Mittwoch, Freitag, Samstag und Sonntag von 16 bis 22 Uhr. Jugendliche konnten einfach unter sich sein, Musik hören, quatschen, etwas spielen oder an diversen Veranstaltungen teilnehmen – ohne jeglichen Konsumzwang – oder aber aktiv in Arbeitskreisen mitwirken bzw. selbst einen Arbeitskreis gründen. So gab es bereits nach einem halben Jahr elf verschiedene Arbeitskreise, z. B. Musik, Film, Sport, Malerei, Einrichtung, Jugendrat, Jugendstrafvollzug, Öffentlichkeitsarbeit etc. Zudem wurde vom AK Öffentlichkeitsarbeit die Juzezeitung „Waschbrett“ herausgegeben, die regelmäßig an alle Haushalte in der Gemeinde verteilt wurde. So wurden alle Oberthaler Bürger über das Geschehen im JUZ informiert.

Aber auch der „normale Betrieb“ musste von den Jugendlichen in Eigenverantwortung gestemmt werden. Bei vier Öffnungstagen in der Woche bedeutete dies, dass wöchentlich jeweils vier Jugendliche für den Buffetdienst, das Schleppen von Getränkekisten und – wenn alle weg waren – für die Abrechnung zuständig waren. Nicht zu vergessen: Jeden Montag war Putztag, was bei vier Öffnungstagen notwendig war. Dies alles erfolgte bis in die 80er Jahre in absoluter Selbstverwaltung, ohne Unterstützung von Zivildienstleistenden oder Sozialarbeitern!

Regelmäßig fanden in der Folge im JUZ Vollversammlungen statt, auf denen alle  Jugendlichen (auch Nichtmitglieder) ihre Vorstellungen und Ideen zum Angebot des JUZ einbringen konnten. Großen Zuspruch fanden auch die diversen Feten, z. B. zu Fastnacht, Silvester, die gemeinsamen Wanderungen und die Sommerfreizeiten in verschiedenen europäischen Ländern. Einige Freizeiten wurden in Zusammenarbeit mit dem VSJS organisiert. Legendär waren auch die Open-Air-Musikfestivals, die zweimal im Orletal und zweimal auf der Kapellenwiese stattfanden.

und so ging es weiter

Überhaupt war das Konzertprogramm des Jugendzentrums einzigartig für diese Region des Saarlandes. Zu den Rock-, Pop- und Folkkonzerten lockten bekannte Gruppen wie „Cochise“, „Frankfurt City Blues Band“, „An Erminig“, „Sammy Vomacka“, Marx, Rotschild & Tillermann und die New Yorkerin „Cindy Peress“ – um nur einige zu nennen – Tausende von Jugendlichen nach Oberthal. Über etliche Jahre leistete das Juz vorbildliche Jugendarbeit und wurde dafür auch vielfach öffentlich gelobt. Neben dem offenen Betrieb wurden immer wieder außergewöhnliche Veranstaltungen organisiert. So diskutierten Politiker mit Parteibüchern der verschiedenen Farben mit den Jungwählern über politisch relevante Themen. Ebenso fanden Lesungen, Filmvorführungen und Aufklärungsstücke aller Art großen Anklang. Die Jugendlichen zeigten, dass sie etwas in der Gemeinde auf die Beine stellen können, und wurden von dieser für ihr Engagement kräftig unterstützt.

Doch dann kam es Schlag auf Schlag. Im Herbst 1992 erreichte die erste Hiobsbotschaft die Gemeinde: Das alte Schulgebäude sei „einsturzgefährdet“. Kurz darauf wies der Landeskonservator das Schulgebäude als „Baudenkmal“ aus. Es begann eine lange Phase von Veranstaltungseinschränkungen, Investitionen der Gemeinde in das Gebäude und einer weiterhin engagierten Nutzung. Das 20-jährige Jubiläum konnte 1995 noch mit großem Aufgebot gefeiert werden. Doch dann gingen die Katastrophenmeldungen weiter. Ein Schwelbrand Anfang 1997 bescherte einen weiteren Rückschlag, und die Feststellung weiterer Bauschäden führte zur letztendlichen Nutzungsuntersagung Ende 1998. Es folgten diverse Übergangslösungen – zunächst in Ersatzräumen im Dorfgemeinschaftshaus, dann ab 2002 wieder im alten Domizil, in der Groniger alten Schule im ehemaligen Motorradclub. Da das Gebäude aber mittlerweile an einen Investor verkauft wurde, hielt auch diese Lösung nicht lange. Ende des Jahrzehnts konnten schließlich neue Räume im Dorfgemeinschaftshaus in der Schulstraße in Gronig bezogen werden. Dort wurde an alte Traditionen angeknüpft, und 2010 wurde das „Juzstock“ Festival auf die Beine gestellt. Das Festival wurde aufgrund des Erfolges in den folgenden Jahren wiederholt und, wie bereits in den 70er-Jahren, auf der Kapellenwiese in Gronig gefeiert. 2025 feiert das Jugendzentrum sein 50-jähriges Bestehen. Wir sind gespannt auf die Party.

VSJS – Mitgliederversammlung 1981 im Juz Oberthal

Hier in dieser alten Schule war mächtig was los. Das Juz Oberthal war legendär.

Już Oberthal auf Reisen

Juzstock 2010 - ein Bericht von fresh-tv