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Verband saarländischer Jugendzentren in Selbstverwaltung e.V.

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Freizeit und Leben in Selbstbestimmung und Selbstverwaltung, unsere Utopie von Leben und Lernen im JUZ Illingen - von Angelika Kraus

Rahmenbedingungen zur Zeit der Gründung der JUZ-Bewegung und des VSJS

Schulische Bildung war in den Siebziger Jahren im Saarland so strukturiert, dass Auslese und  Reproduktion der Klassengesellschaft grundsätzlich „erfolgreich“ verliefen: das dreigliedrige System mit Hauptschule, Realschule und Gymnasium produzierte den Nachwuchs für Unter-, Mittel- und Oberschicht. Die drei Klassen/Schichten unterschieden Arbeiter und Ungelernte als Unterschicht,  Handwerker, Facharbeiter, kleine und mittlere Angestellte als Mittelschicht und wiesen als Mitglieder der Oberschicht Selbständige, Freiberufler, Akademiker, Führungskräfte in Politik und Verwaltung aus. Zwischen den Schulformen bestand wenig Durchlässigkeit nach oben (nach unten funktionierte es: die im Gymnasium „gescheiterten“ Schüler wechselten in Haupt- oder Realschule).  Einzig in Dillingen gab es seit 1971 eine Gesamtschule (Bildung für alle in einer Schulform mit allen Abschlüssen). Neben dem gesellschaftlichen Anspruch keine frühe Selektion vorzunehmen gab es hier den Anspruch neue Unterrichtsformen und -inhalte zu implementieren.  Ansonsten waren Schulreformen weder in der Diskussion noch politisch gewollt. Erst in den 80er Jahren sollte SPD Bildungsminister Dieter Breitenbach die Gesamtschule in der Fläche und mit dem innovativen Team-Kleingruppen-Modell einführen.

Ein bildungspolitisches Novum war die Tatsache dass der Anteil der Kinder aus der Unterschicht, die eine weiterführende Schule besuchten, Abitur machten und studierten, in dieser Zeit im Ansteigen begriffen war. Nach Empfehlung der Volksschullehrkraft konnte nach der 4. oder 5. Klasse zum Gymnasium gewechselt werden, was auch mir persönlich möglich war. Die Gründung des Illinger Gymnasiums erleichterte meinen Eltern die Entscheidung weil das Geld für die Monatskarte (nach Saarbrücken, St. Wendel, Neunkirchen oder Lebach) nicht mehr aufzubringen war. Ich war die Erste und lange Zeit die Einzige aus meiner Familie, der der „Aufstieg“ durch Abitur und Studium gelang. Meine Großväter waren Bergarbeiter, mein Vater arbeitete im Neunkircher Eisenwerk, Großmütter und Mutter waren Hausfrauen. 

Wir, die erste VSJS-Generation, wurden i.d.R. traditionell, mit langweiligen Unterrichtsmethoden, ohne Raum für freies Lernen sozialisiert. Der Lehrervortrag-Monolog war Standard. Der Geschichtsunterricht bestand aus dem Auswendiglernen von Jahreszahlen, Kriegs- und Eroberungsereignissen. Das Leben der einfachen Leute, Bauern und Arbeitern, kam nicht vor. Bert Brechts Fragen eines lesenden Arbeiters („Wer baute das siebentorige Theben…“) brachten mich zum Nachdenken über die verzerrte Weltsicht meines Geschichtsunterrichts. Kritik am Unterrichtsinhalt und an den Methoden verliefen im Sand bzw. brachten mir persönlich nur Ärger ein. Einzig mein Sozialkundelehrer (Dieter V.) ließ eine angst- und tabufreie Diskussion zu  (es war dieser Lehrer, der obwohl Mitglied der CDU unseren Antrag auf ein selbstverwaltetes JUZ als einziges Mitglied seiner Fraktion im Gemeinderat unterstützte). 

Im Rahmen meines Engagements in der Schülermitverwaltung und als Schülersprecherin des Illinger Gymnasiums war es mir möglich, gemeinsam mit anderen politisch bewussten jungen Menschen Kritik an diesen Zuständen zu formulieren, zum Beispiel in der Schülerzeitung oder in Sitzungen der SMV-Gremien (Danke Hartmut Regitz p.m. für intellektuelle Anregungen und die große Unterstützung!).

Spätestens nach der Lektüre von „Summerhill“ des Alexander Sutherland Neill (rowohlt Taschenbuch „Theorie und Praxis der antiautoriären Erziehung“, 1969), der schon 1921 weltweit die erste  Schule nach demokratischen Grundsätzen des Lernens gründete, war mir bewusst, wie eine andere Form des Lernens aussehen konnte und dass es möglich war, so was zu realisieren. Dieser reformpädagogische Ansatz (dem Kind in seiner Entwicklung möglichst viel Freiheit lassen) war in Deutschland in der Nähe von Dresden entstanden und verstand sich als liberale Schule in Abgrenzung von der vorherrschenden „Paukschule“ wie wir sie erlebten. Nach Konflikten an den Schulorten in Deutschland und Österreich etablierte Neill seine neue Schule als Internat in England, die jahrzehntelang von sich reden machte (und bis heute immer noch existiert!). Seine Schule gründet sich auf Selbstverwaltung und selbstbestimmtes Lernen. Im deutschen Schulsystem findet man diese Prinzipien auch heute nur sehr selten, am ehesten in Modellschulen (z.T. in Montessori-Schulen). 

Die Freizeitinfrastruktur der Siebziger Jahre war ähnlich öde und wenig attraktiv für uns, die mehr wollten als Kneipen (Alkohol) und den „Mief“ der Fünfziger und Sechziger Jahre. Bis auf Diskotheken in Illingen, Uchtelfangen oder Marpingen, die am Wochenende für Musik, Tanz und lockere Kontakte zum anderen Geschlecht gut waren, existierten Angebote für Jugendliche nur in Vereinen und bei kirchlichen Trägern. Wer nicht zur Feuerwehr oder in den Schützenverein wollte, konnte zur katholischen Jugend oder zum Kolpingverein gehen. Eine echte Alternative, einen Freiraum ohne striktes Regelwerk, suchte man vergeblich. Gegen kirchliche Jugendarbeit sprach die Bravheit ihrer „Anführer“ und Mitglieder und ihre Abhängigkeit von der Amtskirche und deren Weltfremdheit. Wir, die politisch bewusste Jugend der Siebziger Jahre, wollten ausbrechen aus dem Teufelskreis von Engstirnigkeit, Tradition und Langeweile. Da fiel die Idee der Selbstverwaltung auf fruchtbaren Boden. In Hessen gab es selbstverwaltete Jugendhäuser. Das machte uns neugierig und bot für unsere Idee, Gesellschaft (und die Welt) umzukrempeln einen fruchtbaren Boden.

Illingens Już-Geschichte

Sah schon noch hammerhart aus, was ? Sellemols in den 70gern (Anm.d.Red.)

Wir, die Initiativgruppe JUZ Illingen, waren ein bunter Haufen von Jugendlichen und jungen Erwachsenen, der von konservativ-katholisch bis Mitglied einer K-Hochschulgruppe, aus Schülern, Arbeitern, Handwerkern, Versicherungs- und Verwaltungsangestellten, Auszubildenden, Studenten der Psychologie, Soziologie, Jura, mehreren Lehramtsstudenten und einer alleinerziehenden Mutter eines vierjährigen Kindes bestand (Anm.: das Kind kam zu Freizeiten mit!). In regelmäßigen Sitzungen in Privaträumen oder Nebenräumen von Gasthäusern lebten und lernten wir viel über Strategien politischen Handelns im konservativem Umfeld. Gemeinsam kochen und essen war das reguläre Vorprogramm zu den wöchentlichen Diskussionen, die oft bis tief in die Nacht dauerten. Das Klima war von Toleranz geprägt, das ganz eigenen Charakteren ihren Raum ließ.

Im konservativ-katholischen Milieu Illingens mussten wir für unsere „linken Ideen“ von Selbstbestimmung und Selbstverwaltung eine „Doppelstrategie“ erarbeiten um die Unterstützung möglichst vieler Bürger/innen zu gewinnen. Die Palette unserer Aktionen war daher breit angelegt: Flugblätter, Unterschriftensammlung, Demo, Infostände, öffentliche Diskussionen, Pressearbeit, Herausgabe einer eigenen JUZ-Zeitung (mit handgemalten Anzeigen vieler örtlicher Geschäfte),  Beteiligung an der Müllsammelaktion an der Ill – aber auch eher „unpolitische Aktionen“ wie Kaffee-Kuchen-Nachmittage, Teilnahme bei „Unser Dorf spielt Fußball“ und beim Rosenmontagsumzug (mit eigenem Motivwagen „früher war die Müh‘ for neicht, fürs Altezentrum 2030 hats gereicht“) räumte mit den von Konservativen verbreiteten Vorurteilen auf, die uns als linke Spinner, Anarchos, moralisch Bedenkliche, Wertezerstörer diskreditieren wollten. Die Zustimmung zu unseren Forderungen eines selbstverwalteten Jugendzentrums wuchs in der Bevölkerung in den Jahren der Initiativgruppenzeit stetig. Die SPD-Opposition im Gemeinderat unterstützte uns. 

Wir lernten unsere Ziele zu erkämpfen und erlebten Selbstwirksamkeit bevor dieser Terminus im deutschen Sprachraum öffentlich etabliert war (die Rezeption von Banduras Begrifflichkeit fand außerhalb der Psychologie in Deutschland erst Jahrzehnte später statt).

Wir trauten uns alles zu.

In unserem Konzept des selbstverwalteten Jugendzentrums standen zwei Ziele ganz oben: politische Bildung und selbstbestimmte Freizeit. Wir diskutierten über die Misere der beruflichen Bildung, Jugendarbeitslosigkeit, die Militärdiktaturen in Griechenland und Chile, beteiligten uns an Solidaritätskampagnen von amnesty international, rezipierten die Recherchen von Wallraff. An der ersten großen Demo gegen das geplante AKW Kalkar (Typ Schneller Brüter) im September 1977 nahmen wir mit mehreren Personen teil (VSJS organisierte die gemeinsame Fahrt nach Kalkar). In und um Kalkar erlebten wir – viele zum ersten Mal – die Wucht des staatlichen Gewaltmonopols.

Unsere Anträge im Gemeinderat blitzten seit 1974 immer wieder ab: die CDU-Mehrheitsfraktion mit CDU-Bürgermeister fanden jeweils neue Argumente gegen unseren Wunsch in der alten Schule in Hosterhof ein zentrales JUZ für die gesamte Großgemeinde zu errichten. Unser „Konkurrent“, die Junge-Union-nahe JUZ-Initiative für ein dezentrales JUZ in Wustweiler, sollte vor uns Räume und Geld bewilligt bekommen um ihre Idee zu verwirklichen („divide et impera!“, teile und herrsche!). Für unsere Idee eines breiten und differenzierten Angebotes für und von Jugendlichen und jungen Erwachsenen kam nur ein größeres (und damit in der Großgemeinde Illingen) zentrales JUZ in Frage wie es bereits in Neunkirchen gab. Was wir damals aus heutiger Sicht vielleicht nicht ausreichend mit bedachten war die Frage der Erreichbarkeit eines zentralen JUZ für jüngere Jugendliche aus peripheren Ortsteilen wie Welschbach insbesondere wegen des grottenschlechten ÖPNV im Saarland.

Erst 1977 bekamen wir drei Räume in einem Gemeindehaus in Illingen-Mitte, die in einem sehr verwahrlosten Zustand waren. Ohne finanzielle Förderung renovierten wir in Eigenarbeit so viel wie möglich. In diesen bescheidenen Räumen starteten wir mit einer großen Fete (natürlich mit Essen, Trinken, Musik). Neben dem normalen Betrieb führten wir weiterhin eigene Freizeiten und Seminare durch um uns weiter zu qualifizieren und den Gruppenzusammenhalt zu stärken – sei es zum Thema  Umgang mit Konflikten oder um gruppenpädagogische und gruppendynamische Methoden und Übungen kennenzulernen. An den Freizeiten des VSJS nahmen viele von uns teil (Völklingen-Ludweiler, Salecina 1, Epinal, Salecina 2 etc.).

Was war das Besondere und Alleinstellungsmerkmal der Initiativgruppe und des JUZ Illingen?

Es war für uns Beteilige ein hervorragender Sozialisationsagent politischer Kultur. Wir übten uns regelmäßig in relativ herrschaftsfreier Kommunikation. Stil und Klima waren diskursiv, engagiert, von großer Toleranz geprägt. Wir ergriffen Partei, lernten gleichzeitig Widersprüche auszuhalten. Eine gute Schule für Demokratie und insbesondere Ambiguitätstoleranz (letzteres scheint im Laufe der Zeit in unserer Gesellschaft ein rares Gut geworden zu sein).

Das JUZ brachte Kultur in eine Kulturdiaspora. Anspruchsvolles, kritisches Kino (wöchentlich!), Büchertische bei Veranstaltungen, Lesungen z.B. mit dem vom SR Intendanten Mai fristlos entlassenen Kulturredakteur Arnfried Astel, Musikveranstaltungen mit regionalen Rock-, Agitprop- und Folkgruppen. Das Beste war m.E. unser Kinoprogramm, das Peter Balzert auf die Beine stellte (Peter blieb der Kultur – obwohl er Lehramt studierte – treu. Er führte jahrzehntelang eine gut sortierte Buchhandlung in Völklingen). Die großen schweren 36 mm Filmrollen am Bahnhof abzuholen und nach der Vorführung wieder dort hinzubringen war keine „leichte“ Arbeit. Filme vorführen konnten wir fast alle dank eines Kurses, der uns zur Ausleihe des Filmprojektors bei der Kreisbildstelle ermächtigte. Manchmal mussten wir mitten in einer Vorführung einen gerissenen Film kleben – auch das hatten wir gelernt. Filmarbeit ganz analog erforderte gelegentlich Improvisation wenn zum Beispiel beim Wechsel der Filmrollen irgendwas schief ging. Oder wenn ein falscher Film geliefert worden war. Peter könnte hierüber Geschichten erzählen.

Einheit von Kopf- und Handarbeit. Es gab in unserer Gruppe keine Arbeitsteilung zwischen Hand- und Kopfarbeitern, alle packten an wie zum Beispiel beim Bau unseres Karnevalswagens oder bei der Renovierung der Räume. 

Frühe Diskussion über das Verhältnis der Geschlechter anhand der Lektüre der beiden Bücher von Dieter Duhm „Angst im Kapitalismus“ und „Warenstruktur und zerstörte Zwischenmenschlichkeit“. Es gab lebhafte Diskussionen, sowohl Beifall als auch Kritik an den Thesen des Autors. Ob der Kapitalismus angst- und machtfreie Beziehungen der Geschlechter generell unmöglich macht oder nicht, diese Diskussion sollte unsere Gruppe trotzdem nicht spalten.

Selbstbestimmung im Leben und im Tod

Ein trauriges Ereignis ereilte uns 1977. Unser informeller Führer Didi nahm sich im Alter von 25 Jahren das Leben. Obwohl  im Beruf als psychologischer Berater einer Erziehungsberatungsstelle sehr erfolgreich und dort wie auch in unserer Gruppe anerkannt  und nach außen der coole lebenslustige Typ, der andere tröstete wenn sie Probleme hatten, konnte er seine Enttäuschung und Verzweiflung darüber, dass seine langjährige Beziehung zu Ende gegangen war, nicht akzeptieren. Er entschied sich für den Freitod. Wir waren völlig überrascht und sprachlos und suchten Trost in der Gruppe wo wir nachspüren wollten in was für einer inneren Verfassung er sich wohl befunden haben mochte. Uns machte das abrupte Ende eines erwartungsvollen selbstbestimmten Lebens fassungslos. Dass selbstbestimmtes Leben und selbstbestimmter Tod so nahe beieinander liegen konnten, schockierte uns. Erst nach längerer gemeinsamer Trauerarbeit, die uns noch enger aneinander schweißte, konnten wir seine Entscheidung akzeptieren und uns mit dem Freitod versöhnen.  Mir war diese unter die Haut gehende Erfahrung Anlass, als Thema meiner Diplomarbeit soziologische Theorien des Suizids zu wählen – als intellektuelle Verarbeitung des mir und meinen JUZ-Mitstreitern sehr nahe gegangenen Verlusterlebnisses.

Optimismus bezüglich der Veränderbarkeit  von Wirtschaft und Gesellschaft

Durch unsere stetigen, wenn auch kleinen Erfolge in Illingen – zunehmende Unterstützung durch die Bevölkerung und den guten Gruppenzusammenhalt – waren wir überzeugt, dass es gelingen kann, den Kapitalismus zu überwinden und eine neue Kultur und Gesellschaft zu schaffen. Dieser Optimismus war für viele die Antriebsfeder, sich parallel zur oder nach der VSJS- und JUZ-Zeit in Institutionen und Strukturen zu engagieren (der Marsch durch die Institutionen verlief unterschiedlich „erfolgreich“, und die Erfolge waren überschaubarer als gedacht).

Aber: trotz alledem und alledem….(Anm.d.Red.) 😉 

Die Juz-Truppe 1975 auf Adenauerfahrt
Und etwas schneller ging es doch...

Die Geschichte geht weiter- Illingen 2016

Der Artikel von Theo Koch aus der Fachzeitschrift Offene Jugendarbeit dokumentiert die Arbeit des Juz Illingen 2016