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Verband saarländischer Jugendzentren in Selbstverwaltung e.V.

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Siebenpfeiffer und Woodstock in der Homburger Birkensiedlung

Vor gut 50 Jahren, am 3. März 1972, veranstaltete eine Arbeitsgemeinschaft der Homburger „Jusos“ – der Jugendorganisation der SPD – eine öffentliche Aufklärungs- und Diskussionsveranstaltung unter dem Titel „Rauschgift in Homburg“. Damit waren das Thema und die damit verbundenen Ängste auch in der Provinz angekommen. Immerhin 20 junge Menschen waren laut Anfragen bei Jugend- und Gesundheitsamt sowie der Universitätsklinik regelmäßige Heroinkonsumenten. Und obwohl vom damaligen Landkreis Homburg 25.000 DM für Jugendarbeit im Haushalt zur Verfügung gestellt wurden, konnten diese nicht ausgegeben werden. Es gab keinen Träger, dem man das Geld zur Verfügung stellen konnte.

Im Open Haus kristallisierte sich die Gegenkultur

Keine zwei Monate später wurde dann der „Verein zur Betreuung drogengefährde- ter Jugendlicher e. V.“ gegründet. Dieser sollte Jugendliche in Homburg vorsorgend betreuen, und zwar so, dass diese erst gar nicht in den Teufelskreis des Missbrauchs illegaler Drogen geraten. Der Verein hatte eine doppelte Aufgabe: Diejenigen zu versorgen und wieder in die Gesellschaft zu integrieren, die körperlich zwar entzogen, aber sozial nicht integriert waren, und andere junge Menschen, die keine gravierende Drogenerfahrung hatten, vorsorgend zu betreuen, damit sie ihren Weg in die Gesellschaft finden konnten, ohne für diese zum Problem zu werden. Der Verein beantragte, dass man ihm ein leerstehendes Haus in der Birkensiedlung für die Arbeit überließ. Doch da gab es Konkurrenz. Eine Altenbetreuungsstelle hatte ebenfalls Interesse an der Immobilie. Aus heutiger Sicht ist diese für ältere Menschen nicht geeignet. Der Eingang war nicht barrierefrei und nur über eine Treppe zu erreichen. Schließlich traf der Stadtrat gegen die Stimmen von CDU, FWG und NPD die Entscheidung, das freistehende Haus in der Homburger Birkensiedlung in die Obhut des besagten Vereins zu geben. Gegen die Nutzung durch Jugendliche, die sich hier treffen sollten, gab es von Beginn an nicht nur Widerstand aus der Politik, sondern auch aus der bürgerlichen Nachbarschaft.

Diese befürchtete Ruhestörungen. Infolgedessen wurde dann auch bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit die Polizei alarmiert. Konflikte zwischen der Homburger „Guten Gesellschaft“ einerseits und den jugendlichen Besuchern des „Open-Hauses“ – wie die Einrichtung bald genannt wurde – andererseits waren unausweichlich. Die Auseinandersetzung liefert ein lokales Beispiel nicht nur für einen Generationenkonflikt. Die Politik wollte kein Geld für Drogen-gefährdete und -süchtige ausgeben, während Jugendliche einen Ort suchten gegen die Einförmigkeit eines Alltags, der frei sein sollte vom Kon- sumzwang in Kneipen und Discos und Raum ließ für die Entwicklung und Erprobung eigener Vorstellungen.

Für eine echte therapeutische Vor- und Fürsorge von Drogengefährdeten und -abhängigen fehlte es an Personal, das die therapeutische Betreuung hätte übernehmen können. Diese Arbeit konnte im Open-Haus nicht geleistet werden. Der Name des Vereins wurde in „Verein für freie Jugendarbeit e. V.“ umbenannt. So blieb die Einrichtung faktisch ein Gestaltungs- und Erprobungsraum für jugendliche Lebensentwürfe.

Die Nutzer des Open-Hauses waren meist um die 18 Jahre alt. Sie lebten noch im Elternhaus, hatten Taschengeld, das für eigene Konsuminteressen ausgegeben werden konnte: Schallplatten, Konzerte und für Getränke in Kneipen und Kirmeszelten. Vor allem die Gymnasiasten nahmen die Gelegenheit wahr, den Freiraum jenseits von Eltern und Schule zu nutzen. Ihre Initiativen bestimmten bald die Wahrnehmung des Open-Hauses in der Homburger Öffentlichkeit.

Und hier gibt es einen Glücksfall für die historische Betrachtung. Sehr häufig haben die Geschichtswissenschaftler kaum Zeugnisse, in denen die Betroffenen authentisch, und ohne dass die Erinnerungen nachträglich geschönt werden, selbst zu Wort kommen. Im Open-Haus gab es aber Publikationen, die Einblicke in das Selbstverständnis der Jugendlichen erlauben. Sie verfassten eine Zeitung – das „Guckloch“ – die mit einiger Regelmäßigkeit zwischen Oktober 1974 und Dezember 1975 erschien, und sie publizierten Gedichtbände. Zeugt die Zeitung von der politischen Haltung der Beteiligten, geben die poetischen Produkte einzigartige Einblicke ins kollektive und individuelle Gefühlsleben junger Menschen jener Zeit. Das Erwachsenwerden in den 1970-ern in Homburg weist ein paar Besonderheiten auf, die bemerkenswert sind – vielleicht aber auch typisch für eine Generation im Umbruch der Nachkriegszeit, wachsendem Wohlstand und neuen Freiheiten für die Jugend.

Die erste Ausgabe des „Guckloch“, erschienen im Oktober 1974, war den Direktoren der Homburger Gymnasien vorzulegen. Die Zeitung sollte ja vor und auf dem Schulgelände angeboten werden. Beim damaligen Direktor des Johanneums fiel die Zeitung durch, der Verkauf wurde untersagt. Am Mannlich-Gymnasium (damals noch unter dem Namen „Mädchen-Gymnasi- um“ geläufig) wurde die Erlaubnis erteilt. Kurt Christmann, der Direktor des Saarpfalz-Gymnasiums (das bis 1972 unter dem Namen „Staat- liches Realgymnasium Homburg – für Knaben“ firmiert hatte), schaute genauer hin: Es gab in der Ausgabe einen Artikel über Kriegsdienstverweigerung. Er fragte kritisch nach, ob auch Artikel, die sich für die Wehrpflicht aussprachen, erscheinen könnten. „Ja“, war die pfiffige Antwort, „wenn sich jemand findet, der darüber schreibt“ – wohl wissend, dass ein solcher Beitrag kaum eine Chance in den Redaktionssitzungen hätte. Das macht klar, wo die jungen Journalisten politisch zu verorten waren: Eher bei den Jusos als bei der Jungen Union oder den Jungen Liberalen. Es gab vereinzelt bekennende Anhänger der DKP – einer DDR-nahen Partei – andere eher diffus engagiert im beginnenden Protestspektrum Anfang bis Mitte der 1970er-Jahre zwischen Friedensbewegung, Anti-Atomkraft und den ersten Ökos. Man verortete sich im Open-Haus unter Gegenkultur und wollte sich keiner der damaligen etablierten politischen Parteien zuordnen.

Open-Haus-Fußballmannschaft „Eintracht Zwietracht“ (1974). Das „Jägermeister“-Logo auf den Trikots stammt übrigens von dem Homburger Künstler Heinrich Lau.
Einigkeit bestand darin, als Enkel und Kinder der Kriegsgeneration, gegen Faschismus, Krieg und militärische Ausbildung zu sein. Die Großeltern und Eltern hatten Nationalsozialismus und Krieg mitgemacht. Die Eltern waren im Krieg geboren, und deren Erleben und Erfahrungen waren nicht wirklich aufgearbeitet. Krieg und Holocaust waren somit Ereignisse, die man nicht nur aus den Geschichtsbüchern kannte, sondern vielmehr durch Eltern, Verwandte und Nachbarn vermittelt wurden. Jeder kannte Lehrer, deren Nazivergangenheit kein Geheimnis war. Von Akteuren mit dieser Vergangenheit wollte man sich auf jeden Fall abgrenzen. Dieser Generationenkonflikt hatte identitätsstiftende Wirkung. Die Jugendphase ist bestimmend für die Entwicklung einer Erwachsenenpersönlichkeit – politisch wie ästhetisch. Man war sich einig in der Ablehnung vieler Normen und Werte, die durch die Großeltern- und Elterngeneration geprägt wurden. Im „Guckloch“-Heft 2 heißt es zum neuen Gesetz zur Volljährigkeit mit 18: „1.1.75: So viele Jugendliche wurden noch nie volljährig – so vielen Eltern wurde noch nie in den Arsch getreten.“

Die Jugendlichen konnten ihren Protest, ihr Anders- sein damals durch Abgrenzung leicht zeigen: Männer hatten längere Haare, waren unrasiert, trugen Jeans und karierte Hemden. Bei Regen und Kälte half ein Armee-Parka. Frauen trugen weite Röcke und Kleider und, wenn sie es wagten, keinen BH unter der Bluse. Zerschlissene Jeans und Batik-Shirts fanden beide Geschlechter chic. Kleidung und Haartracht signalisierten so auch ein verändertes Verständnis von Erotik und Sexualität. Jungen und Mädchen hatten die Haare lang und wild. Pubertät und Frühadoleszenz sind Lebensphasen, in denen primäre und sekundäre Geschlechtsmerkmale biologisch entstehen und gesellschaftlich formiert werden und die auch zur Bildung einer Persönlichkeit und Identität wichtig sind. Dazu zählt auch die Entwicklung des persönlichen Geschmacks.

Es geht hier allerdings nicht um alle Jugendlichen in Homburg, sondern um eine – heute würde man sagen – „Szene“, eine spezifische Subkultur. Im „Guckloch“ gab es regelmäßig Musikbesprechungen. Auch hier war Massentauglichkeit nicht angesagt: Jazz-Rock und Krautrock wurden positiv besprochen, Bands und Musiker wie Soft Machine, King Crimson, Herbie Hancock, Frank Zappa, Ton Steine Scherben, Amon Düül II, Tangerine Dream und Ash Ra Tempel gehörten zum Repertoire. Musikalische Vorlieben dienten ebenfalls der Abgrenzung. Man war sich sicher, dass sonst niemand diese Musik versteht. Stolz war man auf ein Interview mit Alexis Korner, dem britischen Musiker, der in den 1970er-Jahren einen Bluesrock-Boom auslöste. Er spielte unter anderem mit Mick Jagger, Charlie Watts, Jack Bruce, Ginger Baker oder Eric Burdon zusammen. Im Herbst 1975 gab er zusammen mit seiner Band im Homburger Saalbau ein Konzert.

In der „Open-Haus-Zeitung“ wurde kritisiert, dass der FC 08 Homburg viel Geld von der Stadt bekam, während die Jugendlichen leer ausgingen. Dabei waren viele begeisterte Fußball- Fans: Man ging nicht nur zu den Spielen ins Waldstadion, sondern traf sich jeden Sonntagmorgen auf dem Schotterplatz hinter der Realschule, um selbst zu kicken.

Angegriffen wurden generell die Auswüchse – nicht nur – der lokalen Konsumgesellschaft: die Homburger Medizinstudenten-Disco „Eye“ wegen ihrer horrenden Getränkepreise und den kaum nachvollziehbaren Auswahlkriterien der Türsteher. Oder man machte sich lustig über den stadtbekannten Detektiv im Kaufhaus „Prisunic“.

Eine größere Investition gab es aber dann doch. Der Künstler Hans E. Schwender verkaufte dem Verein seine gebrauchte Druckerpresse. Damit fielen bei den Publikationen nur noch Kosten für Matrizen, Papier und Druckerfarbe an, und die Aufträge mussten nicht mehr verge- ben werden. Die Produktion lag nun umfassend in eigenen Händen. Neben dem „Guckloch“ wurden diverse Flugblätter, Filmprogramme und Gedichtbände verfasst, gesetzt, gedruckt und vertrieben. Autonomie und do it yourself stehen als Begriffe für eine Praxis, die die Open-Haus-Jugendlichen schon in den 1970-ern verwirklichten. Selbstbestimmung, Selbstwirksamkeit und Selbermachen bezogen sich nicht nur auf den Fuß ball, sondern vor allem auf die Druckerzeugnisse, die mit Leidenschaft gemeinsam erstellt wurden. Diese Lust am Publizieren kann man durchaus mit den frühdemokratischen Aktivitäten eines Philipp Jacob Siebenpfeiffer und eines Johann Georg August Wirth in Verbindung bringen. Es ging um eine selbst verfasste Gegenöffentlichkeit zum „Kreis-Anzeiger“, zur „Saarbrücker Zeitung“ oder zum „Pfälzischen Merkur“. Das ist demokratische Siebenpfeiffer-Tradition. Und dessen waren sich die Macher im Open-Haus bewusst.

Selbstverlag Open-Haus: „Gedichte und Bilder“ (1979) mit Cover von Achim Farys. Sammlung Clemens Schwender

Die Gedichtbände sind mit größerem grafischem Aufwand erstellt als die oft politisch engagierten Sachtexte im „Guckloch“. Aus den Gedichten spricht häufig das Leiden an einer Welt, in die man geworfen ist, ohne gefragt worden zu sein. Viele Texte sind geprägt von melancholischer Einsamkeit und dem Gefühl der Ausgrenzung aus der Geborgenheit durch Familie und Gesellschaft. Zwischen der Trauer und der Wut über den Zustand der Welt und der Hoffnung, dass alles ganz anders sein müsste, bewegen sich die Zeilen. Gereimt wurde selten, wobei das Layout der gebrochenen Zeilen die Bedeutung aufnehmen sollte, die in den Texten emotional kaum unterzubringen waren. Von den 25 Beitragenden des Bandes „Gedichte und Bilder“ sind zwölf weiblich. Im „Guckloch“ dagegen findet sich in den Redaktionslisten nur sehr selten eine Frau. Durchaus selbstbewusst suchte man den Anschluss an die Wurzeln und Protagonisten der Woodstock-Kultur: Autoren der Beat-Generation wie Jack Kerouac, Allen Ginsberg und William S. Burroughs, aber auch die Lyrik von Bob Dylan, John Lennon und Leonard Cohen lieferten die literarischen Vorlagen.

Das Open-Haus war ein Treffpunkt, der selbstverwaltet gemanagt wurde. Hier trafen sich die Jugendlichen einfach so zum Abhängen, Musikhören, Quatschen und zu Reggae- und Punk-Partys, an der Druckerpresse und zur wöchentlichen Vollversammlung. Immer wieder wurden Konzerte veranstaltet. Oft mit Musikern und Bands aus dem Umfeld und Be- kanntenkreis der Besucher. Regelmäßig Samstag- und Sonntagabend wurde ein Film gezeigt. Um Kosten zu sparen, organisierte man die Filme gemeinsam mit den Jugendzentren in Neunkirchen, St. Ingbert und Bexbach. Für zwei Mark Eintritt konnte man sehen, was nicht in den kommerziellen Kinos lief: Die Filme der Gegenkultur, in denen es immer wieder um die Suche nach Identität geht, standen auf dem Programm: „Woodstock“, „Alices Restaurant“ oder „Die Reifeprüfung“, frühe Filme von Roman Polanski, Rainer Werner Fassbinder oder Werner Herzog. So konnte man im Homburg der 1970er-Jahre eine Jugendszene beobachten und miterleben: Siebenpfeiffer und Woodstock in der Birkensiedlung.

Und heute? Gewiss, die Träume von damals sind ausgeträumt. „Woodstock Nation“ ist schon längst von einer weltweiten Konsumkulturindustrie vermarktet worden. Die Jugendlichen, die im Open Haus ihre Freizeit selbst gestaltet haben, sind inzwischen alt geworden. Aber viele haben aus den Erfahrungen der Vergangenheit gelernt. Einen Ort für die Jugend gegen einen Platz für die Alten auszuspielen wird den politisch Verantwortlichen im Landkreis und im Homburger Stadtrat heute so leicht nicht wieder gelingen. Damals wie heute geht es darum, dass in Stadt und Kreis Ressourcen und Personal zur Verfügung stehen müssen, und zwar in dem Ausmaß, dass – ganz in der politisch demokratischen Vormärz-Tradition eines Siebenpfeiffer und eines Wirth und in der soziokulturellen Tradition, die mit dem Namen und dem Ereignis Woodstock verknüpft werden kann –, die Menschen, seien sie jung oder alt, in der Region selbstbestimmt und miteinander ihre aktuellen und zukünftigen Lebensweisen erproben und gestalten können.

Alfons Matheis und Clemens Schwender

Open-Haus-Fußballmannschaft „Eintracht Zwietracht“ (1974). Das „Jägermeister“-Logo auf den Trikots stammt übrigens von dem Homburger Künstler Heinrich Lau.
Demo für einen Umzug vom Wohngebiet Birkensiedlung am Rande Homburgs ins Stadtzentrum