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Verband saarländischer Jugendzentren in Selbstverwaltung e.V.

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Eine beeindruckender Zeitzeugenbericht über die wenig hilfreichen Politikmanöver im Neunkirchen der 80er

Früher, als ich noch „klein“  war, hatte ich mich wirklich für Politik interessiert, las regelmäßig die Tageszeitung, wurde Mitglied einer Partei, ich diskutierte sogar manchmal über politische Themen. 

Heute ist das anders. Sobald man die Modalitäten, Strukturen durchschaut, wie Politik auf kommunaler Ebene abläuft, muß man das Interesse zwangsläufig verlieren, denn man tritt wohl an, um etwas zu verändern und erfährt, daß man nie etwas verändern kann. Das mag resignieren, entmutigend klingen, soll es auch. 

Es war im September des vergangenen Jahres (1986) als ich zum ersten Mal mit der Problematik Jugendzentrum Neunkirchen konfrontiert wurde. Ich sollte mich als Zivi um die Jugendzentren im Landkreis Neunkirchen kümmern, und nahm somit – sozusagen beruflich – an einer Mitgliederversammlung des Jugendzentrumsvereins Neunkirchen teil, etwas blauäugig, wohl auch naiv aber fantastisch idealistisch. „Träumen, hoffen, kämpfen“ steht auf den Fahnen. des VSJS, der Dachorganisation der saarländischen Jugendzentren, träumen, hoffen, kämpfen für eine bessere gerechtere Gesellschaft, für Selbstverwirklichung, Selbstgestaltung und vor allem für Selbstbestimmung.

Das Juz Neunkirchen war in Schwierigkeiten. Die Stadt hatte den Nutzungsvertrag fristlos gekündigt, hatte das Amtsgericht – natürlich inoffiziell – angewiesen einen Notvorstand zu bestellen, hatte die Räume für die Jugendlichen unzugänglich gemacht. Das Juz war also in Schwierigkeiten und wollte einen neuen Vorstand wählen oder den Verein auflösen, so stand´s in der Einladung. Und so steht’s in der Einladung, wenn man viele Leute mobilisieren will. Ich erkannte schnell den Unterschied zwischen den verschiedenen Kündigungsarten, der Bedeutung eines Notvorstandes, eines Amtsgerichtes. Was mir erst später klar wurde, war die Chancenlosigkeit, die Endlichkeit des Begriffs „fristlose Kündigung“. Der Vorstand kam nach einigen Problemen zusammen, ich war auch dabei, der Verein bestand weiter und wir waren bereit zu kämpfen für den Fortbestand des Juz, blauäugig, naiv, aber grenzenlos idealistisch. 

Wir waren damals wirklich sehr aktiv, organisierten Flugblattaktionen und Zeitungsartikel, konsultierten einen Rechtsanwalt, zogen vor Gericht gegen die Stadt Neunkirchen. Wir prozessierten gegen die Kreisstadt Neunkirchen auf Öffnung der Räume und auf Rücknahme der fristlosen Kündigung, mit dem Mittel der „einstweiligen Verfügung“, und wir gewannen – „im Namen des Volkes“. 

Silvesterfete im Juz – Wiedereröffnung, Kabarett mit Bob Ziegenbalg, Filme, offener Betrieb – wir waren wirklich sehr aktiv. 

Die Probleme aber blieben, die Bestrebungen der Stadt nämlich, das Juz nach fast fünfzehn! Jahren endgültig zu liquidieren. Man ließ nichts unversucht, und als die Stadt das Juz dann im Frühjahr dieses Jahres wieder schloß war ich gerade in Portugal und als ich davon erfuhr, ging es mir – ordinär ausgedrückt – am Arsch vorbei. 

In der Gestalt des Oberbürgermeisters der Stadt Neunkirchen, Peter Neuber, hatte sich mir eine Art Politikverständnis offenbart, deren Gestank ich bisher nur unterschwellig wahrgenommen hatte, die mir nun aber den Atem nahm. Der Zynismus, die Arroganz – Hauptmerkmale einer selbstherrlichen Politik, einer sich verselbstständigenden Macht, der Macht des Regierens. 

Die wenigen Stadtratssitzungen, die ich besuchte, waren einzig Tribunale gegen die Sympathisanten des Jugendzentrums, ihre Zahl war ohnehin klein genug. Beschämend war es, mit anzusehen, wie sich die Ratsherren und – Damen zu Handlangern des Herrn Neuber degradieren ließen, wie sich das politische Instrument des Fraktionszwangs als der Tod der Demokratie herausstellte, wie rückgratlose Verwaltungsbeamte den Anordnungen, Befehlen, blindlings folgten, wie die „freie Presse“ buckelte. 

Herr Neuber ist gerade dabei sich in Neunkirchen ein Denkmal zu setzten und wird wohl noch lange in Neunkirchen regieren; mir hat er Ideale genommen, hat mich entpolitisiert. 

Was bleibt ist eine Verbitterung, ein Ohnmachtsgefühl, das irgendwann in Haß seine Konkretisierung finden könnte. 

St.G. im Dezember 1987

Bis 2004 blieb das selbstverwaltete Juz Neunkirchen geschlossen. Dann ging es krachend weiter.