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Verband saarländischer Jugendzentren in Selbstverwaltung e.V.

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von Manni Weiss

Der informelle und lockere Rahmen, verbunden mit Freizeitaktivitäten, essen, trinken, politischen Gesprächen und Musik, trug dazu bei, dass die Ausflüge des VSJS großen Erfolg hatten. Durch die Probleme, die es oft bei der Durchführung gab, und die damit verbundenen meist unkomplizierten und fantasievollen improvisierten Lösungen entstand ein Zusammengehörigkeitsgefühl. Vielen blieben diese Fahrten in schöner Erinnerung. 

Dehemm iss es doch - noch - am scheenschde!

Zuerst gab keine längere Fahrten, sondern zwei- bis dreitägige Zeltlager. Im August 1974 fand das Erste bei den Falken in Steinberg-Deckenhardt statt. Die Teilnahmegebühr betrug 10 DM inklusive Verpflegung. Danach folgte das Pfingstcamp 1975 mit 2 DM Teilnehmerbeitrag, aber Selbstverpflegung. 1976 waren es schon drei Zeltlager: zuerst, bei eisigen Temperaturen, im Mai auf dem Wasgau-Zeltplatz der Falken bei Vorderweidenthal, dann im Juni bei Völklingen, und im Juli fand noch ein Lager an der Salzbachmühle bei Dreisbach an der Saarschleife statt. Das Wort „Freizeit“ hatten diese Camps nicht so ganz verdient, wenn man sich das stramme Programm z. B. für das Zeltlager an der Saarschleife anschaut. Vor allem der Programmpunkt „23.00 Uhr Nachtruhe“ stieß auf wenig Verständnis. Das würde sich dann auch bald ändern.

Im darauffolgenden Jahr 1977 ging es für ein verlängertes Wochenende wieder an die Salzbachmühle an der Saarschleife. Für 5 DM konnte man mitmachen. Selbst der Eintritt zum Burgfest war im Preis enthalten. Arbeitende Teilnehmer mussten sich an dem Freitag nicht freinehmen, da der 17. Juni damals in der BRD noch Nationalfeiertag war. Damit auch Schüler dabei sein konnten, wies der VSJS ganz offiziell darauf hin, dass diese „blaumachen“ könnten. Es wäre schön gewesen, wenn alles glattgegangen wäre.

Die Anreise erfolgte schon am Donnerstagabend. Als die Leute ankamen, wurde der vorgesehene Platz plötzlich abgesagt, weil die Wiese nicht gemäht war. Nach intensiver Suche wurde bei den Kanu-Freunden in Mettlach ein Alternativplatz gefunden, der gerade so ausreichte. Für 120 Teilnehmer eigentlich viel zu klein. Die Zelte standen Wand an Wand.

Dies sollte bezeichnend sein für viele spätere Freizeiten des VSJS. Es gab nur wenige, bei denen alles reibungslos lief, aber es gab immer eine Lösung für die auftretenden Probleme. Nachdem alle Zelte aufgebaut waren, kam es endlich zu dem, was für viele folgende Freizeiten prägend sein sollte: dem Zauseln am Lagerfeuer. Der Programmpunkt „23.00 Uhr Nachtruhe“ war damit abgeschafft. Das Durchmachen bis zum Morgengrauen hinderte die Teilnehmer nicht daran, am nächsten Tag aktiv zu sein, zu schwimmen, die Umgebung zu erkunden usw. Mit 120 Leuten war diese kurze „Freizeit“, soweit mir bekannt ist, die größte.

Fromage et vin rouge, d'accord?

Im selben Jahr (1977) ging es im Sommer für 30 DM auch noch für zwei Wochen nach Frankreich, an den Lac de Bouzey bei Épinal. Neben den Campinggebühren und der obligatorischen Versicherung war auch die Anfahrt im Preis enthalten. Damit etwas gekocht werden könne, riet die VSJS-Organisationsleitung zur Anschaffung eines Bunsenbrenners. 48 Leute reisten in einem ziemlich klapprigen Magirus-Deutz-Bus am 6. August 1977 an. 

Doch fünf Kilometer vor Épinal  war vorerst Schluss. Zwei Platten hatten den Bus gestoppt, und der ratlose Busfahrer wusste zunächst keinen Ausweg. Durch die tatkräftige Unterstützung dreier Franzosen gelang die Reparatur und am späten Abend endlich die Ankunft. Mit 96 Teilnehmern war diese Freizeit auch eine der größten. Einige kamen aber nur für eine kürzere Zeit mit dem eigenen Auto. Fast jeden zweiten Tag gab es eine Vollversammlung, um die Aktivitäten zu besprechen.

Das Jahr 1977 war der Auftakt zu vielen weiteren Freizeiten und Fahrten in einige Länder Europas. Die Teilnehmerzahlen der kommenden Fahrten blieben in der ersten Zeit ziemlich hoch, da die Freizeiten des VSJS unglaublich günstig waren. Der niedrige Reisepreis ermöglichte es vielen Jugendlichen, mit kleinstem Budget in Urlaub zu fahren. In den späteren Jahren wurden die Fahrten allerdings teurer.

Meistens wurde ein großer Reisebus gemietet, und die weiteren Teilnehmer reisten mit dem Pkw an. Zu Beginn der Freizeiten war immer Sigi (Sozialarbeiter im Juz Neunkirchen) mit seinem Ford Transit dabei, wodurch vor Ort mit diesem Transfers z. B. ans Meer oder zum Einkaufen möglich wurden.

Bei den ersten Freizeiten meldeten überwiegend die Jugendzentren ihre Leute als Teilnehmer an. Sie sammelten auch die Teilnehmergebühr ein. Die Organisation der Fahrten war noch dezentral, Einzelanmeldungen waren selten. Später musste man sich selber anmelden.

Es gab immer eine Person, die in einer VSJS-Vorstandssitzung bestimmt wurde, die für die Organisation und den Ablauf der Freizeit zuständig war. Das hieß aber nicht, dass diese als Betreuer fungierten. Einen solchen gab es bei den VSJS-Freizeiten nicht. Bei den Jugendämtern hießen die Freizeiten „außerschulische Maßnahmen“, für die es je Tag und Teilnehmer 2 DM Zuschuss gab. Damit konnte der Preis für die Fahrt ein wenig subventioniert werden.

Von wegen Freizeit, volles Programm

Die allererste Fahrt des VSJS im Jahr 1978 war allerdings keine richtige Urlaubsreise, denn das Ziel war West-Berlin. 50 Leute besuchten die Stadt vom 28. März bis 3. April mit dem Bus. Die Berlin-Fahrten wurden besonders gefördert, was mit einem täglichen Programm einherging. So gab es vom Land einen Zuschuss von 3.312 DM. Pro Person kostete die Tour 110 DM. Es durften maximal 50 Leute mitfahren.

Auf dem Programm standen u. a. die Nazi-Hinrichtungsstätte Plötzensee, der Zoo mit dem Aquarium, der Reichstag mit Führung und ein Ausflug nach Ost-Berlin. Die Berliner Mauer wurde besucht, die man nur aus dem Fernsehen kannte. Es gab keine besonderen Vorkommnisse.

Zigarillos für Monsieur Fillon

Umso mehr freuten sich viele auf die zwei Wochen Urlaub in der Bretagne im selben Jahr. Für 70 DM konnten viele mitfahren, die sich sonst keinen Urlaub hätten leisten können. So kamen im August 1978 in Allinuc viele saarländische Jugendliche zum ersten Mal ans Meer. Am Abend des 13. August ging es los. Der Bus holte die Jugendlichen bis Mitternacht an den jeweiligen Jugendzentren ab, es gab an den jeweiligen Jugendzentren genaue Abfahrtszeiten am späten Abend. Nach 13-stündiger Nachtfahrt hatten die knapp 50 Leute ihr Ziel in praller Hitze erreicht. Der Platz war, höflich formuliert, spartanisch. Es wurde auf einer etwas unebenen Wiese, aber dafür kostenlos gezeltet. WC und Waschgelegenheit waren sehr bescheiden.

Ganz kostenlos war der Platz allerdings doch nicht. Zwar verlangte der Eigentümer Monsieur Fillon für das Campieren auf seinem großzügigen Anwesen kein Geld, aber die Fédération Française des Maisons de L’Europe (sie vermittelte diesen Platz) empfahl in einem Schreiben an den VSJS, für Madame Fillon ein kleines Fläschchen Kölnisch Wasser, für Monsieur Fillon einige Zigarillos, für ihren dreijährigen Sohn ein Spielzeug und dazu noch einen Bildband über das Saarland mitzubringen.

Dieser „günstige“ Preis machte es möglich, dass diese Bretagne-Freizeit für 70 DM angeboten werden konnte. Aber es musste ein fürs Zelten eigentlich ungeeignetes Terrain in Kauf genommen werden. Der unbequeme Boden spielte allerdings nach dem abendlichen Konsum von französischem Rotwein keine Rolle mehr. Mehr noch, das allabendliche Zauseln artete hier zu einem Fest nach dem anderen aus. Bei diesen Festen, bei denen gemeinsam gekocht, getrunken und viel gesungen wurde, kam man sich trotz der heftigen Diskussionen über die richtigen politischen Positionen näher, und es entstanden Freund- und Liebschaften.

Der Berg ruft, gruizi miteinand

1979 ging es dann zum ersten Mal in den Schnee in die Schweiz. Für 150 DM inklusive Frühstück und Abendessen sowie Hin- und Rückfahrt mit dem Bus ging es über Ostern für zehn Tage nach Salecina, einem alternativen internationalen Ferien und Bildungszentrum  im Engadin in Graubünden. Ein umgebautes Kloster sollte Menschen aus verschiedenen Ländern die Möglichkeit geben, ihre Ferien in gemeinsamer Selbstorganisation (einkaufen, putzen, kochen, Frühstück machen) des Hauses zu verbringen und sich auszutauschen. Einer der vier Hüttenwarte stand den Gästen bei der Koordination zur Seite. Jeden Abend gab es eine Vollversammlung der Gäste, auf der die Arbeiten für den Folgetag verteilt wurden. Für den nächsten Tag wurde auch ein Tagespräsident gewählt. Dieser war von allen Hausarbeiten befreit, musste aber am Abend etwas berichten oder vortragen. Es war ihm/ihr freigestellt, worum es dabei ging. Es kamen die verschiedensten politischen oder kulturellen und manchmal auch langweilige Themen zur Sprache. Tagsüber erkundete man die bis zu 3.000 Meter hohe Bergwelt und die damit verbundene Natur wie den Gletscher Morteratsch oder das Bergell-Tal. Wer einen Abstecher nach Italien machen wollte, musste auf alles gefasst sein. Es war die Zeit der Radikalisierung der Linken (Brigate Rosse, RAF). Dementsprechend waren die Grenzkontrollen zu Italien. Einige der Salecina-Gäste mussten Körperdurchsuchungen und Befragungen über sich ergehen lassen, wenn sie den Grenzposten Castasegna nach Italien passieren wollten.

Da das Haus im schweizerischen Engadin auf 1.800 Meter Höhe lag, sollte es nicht verwundern, dass dort zwei Meter hoch Schnee lag und es sich anbot, es mit Wintersport zu versuchen. Weil Abfahrt und Skipass verpönt waren, war Langlauf angesagt. Die Ski konnten man in Maloja ausleihen, und wir machten erste Erfahrungen mit der Loipe. Am besten ging es mit dem Langlaufski über den St. Moritzersee nach Sils Maria oder Silvaplana. Wer den Uferweg nahm, konnte Bekanntschaft mit den ersten kleinen Hängen, sprich „Abfahrten“ machen, was für einige nicht ohne körperliche Blessuren blieb. Die Schmerzen durch Verstauchung und blaue Flecken konnten mithilfe des schweizerischen Schmerzmittels „Calanda Bräu“ nur geringfügig gelindert werden. Das sonst übliche Lagerfeuer wurde in Salecina durch den Kamin ersetzt. Die wenigen Plätze waren heiß begehrt.

Chaos, Suff und Motorschaden

Im selben Jahr fuhr der VSJS vom 27. Juli bis 18. August noch einmal für 18 Tage in die Bretagne. Wieder nach Allineuc, aber dieses Mal an den Stausee von Bosméléac. Der Platz war nicht kostenlos, und der Bus, mit dem Ausflüge u. a. nach Saint-Malo und Carnac gemacht wurden, blieb vor Ort. Auch der Ford Transit aus Neunkirchen war wieder dabei. Und trotzdem kostete die Tour schon wieder nur 70 DM. Ein paar Teilnehmer hatten so wenig Geld dabei, dass sie sich kaum etwas zu essen kaufen konnten. Sie gingen morgens von Zelt zu Zelt und baten um ein paar Francs, um ein „gemeinsames Frühstück“ machen zu können. Diese Freizeit haben einige nicht in guter Erinnerung. Bezeichnend war, dass der Campingplatz durch eine Straße in zwei Teile getrennt war. So war das auch mit den Leuten aus den verschiedenen Jugendzentren: Sie blieben unter sich. Und das Zauseln wurde hier zum Problem. Die Sauferei führte zu Lärmbelästigung bis nachts um vier und Vandalismus. Es wurden Tretboote demoliert, das Café unter Wasser gesetzt. Der Bus wurde nach den Fahrten als Müllkippe hinterlassen, und die Bustoilette war irgendwann auch kaputt. Der einzige Verantwortliche des VSJS war absolut überfordert und ratlos. Er bekam nur vom Busfahrer etwas Unterstützung. Bis auf zwei, drei Ausnahmen älterer Juzler zeigte keiner der mitfahrenden Jugendlichen Interesse, sich an der Lagerorganisation zu beteiligen. Das war aber noch nicht alles: Bei der Heimreise gab der Motor des Ford Transit den Geist auf. Mit fast 60 Leuten im 50-Mann-Bus und dem Ford Transit am Abschleppseil ging diese unglückliche Freizeit des VSJS zu Ende. Für Markus Raubuch, den VSJSler, war diese Fahrt ein Albtraum.

Salecina 1979

Bretagne 1978

Épinal 1977

Zeltlager an der Saarschleife 1976