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Verband saarländischer Jugendzentren in Selbstverwaltung e.V.

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Die bereits in den 2000er Jahren begonnene Projektarbeit wurde in den 2010er Jahren verstärkt fortgeführt. Die Themenpalette reichte dabei von interkultureller Jugendarbeit über diversitätsorientierte und demokratiestärkende Jugendarbeit bis zu Jugendarbeit in ländlichen Räumen. Vor allem mit dem letztgenannten Projekt „OFFENsive!“, welches die selbstverwalteten Juze als wichtige Orte der Demokratiebildung hervorhebt, konnten große Erfolge verbucht werden. Die Präsenz in bundesweiten Fachnetzwerken stärkte die Idee der Selbstverwaltung und führte dazu, dass der Verband den Artikel zu selbstverwalteten Jugendzentren im „Handbuch Offene Kinder- und Jugendarbeit“ verfassen durfte. Mit diesem Ritterschlag wurde nicht nur der Verband als Fachorganisation gestärkt, sondern auch dokumentiert, dass das Thema Selbstverwaltung im Bereich der Offenen Jugendarbeit bundesweit zunehmende Bedeutung erlangt hat.

Auch der weitere institutionelle Ausbau konnte durch die Projektarbeit gestärkt werden. Neben einer erweiterten Landesförderung wurde uns im Saar-Pfalz Kreis eine halbe Stelle für ein „Juz-Büro“ gewährt und im Landkreis Saarlouis eine weitere halbe Stelle im neu entwickelten Regionalprojekt „Connect“.

Die ganze Vielfalt an Projektaktivitäten in diesem Jahrzehnt würde diesen Bericht sprengen und kann am besten in den einzelnen Projektdokumentationen oder etwas komprimierter in der Zusammenstellung der Projektzeitungen hier nachgeblättert werden.

Im folgenden Artikel von Theo Koch aus der Fachzeitschrift „Offene Jugendarbeit“ 2/2021 wird die Projektarbeit in diesem Jahrzehnt reflektiert.

Das Ringen um Freiräume

Dieser Artikel bietet einen Rückblick auf Entwicklungen im Feld der selbstverwalteten Jugendzentren und Jugendtreffs des Saarlandes aus der Perspektive des Verbandes saarländischer Jugendzentren in Selbstverwaltung e.V.:
Was war nochmal los vor 10 Jahren in der Szene der selbstverwalteten Jugendzentren und Jugendtreffs im Saarland? Ein Blick in das Archiv des Dachverbandes der Jugendzentren, juz-united, gibt einige Hinweise zur damaligen Situation: „Es gibt Jugendclubs, die boomen nach einer Phase der Stagnation mit einer solchen Wucht, dass die Wände bröckeln und es gibt die Clubs mit einer langen, hochaktiven Geschichte, die in tiefe Agonie versunken sind. Da gibt es Regionen, in denen die Jugendtreffs zentrale und lebendige Orte der Jugend sind, mit Leuten, die engagiert sind bis zur Hyperaktivität und die ganze Gegend rocken und es gibt Ecken im Saarland, da scheint Jugend eine ausgestorbene Spezies zu sein“. So uneindeutig stellt sich die Situation der selbstverwalteten Jugendzentren und Jugendtreffs des Saarlandes in der Verbandszeitung aus dem Jahr 2011 dar. Aus der Statistik des Dachverbandes lässt sich zum damaligen Zeitpunkt ablesen, dass nach Jahren unermüdlichen Wachstums in der Jugendtreffszene Anfang der 2010er ein „Flatten the curve“ angesagt war. Einige Einrichtungen kamen neu hinzu, andere wurden geschlossen (meist aufgrund neuer Verordnungen zum Brandschutz) aber die Zahl von ca. 130 Einrichtungen sollte für das kommende Jahrzehnt Bestand haben. Vorbei schien zu diesem Zeitpunkt aber auch eine Geschichte selbstverwalteter Jugendzentren als Orte subkultureller Gegenmilieus gegen herrschende Ordnungsvorstellungen zu sein. Mit dem Abriss des legendären AJZ Homburg, einem Geburtsort der Punk- und Hardcoreszene im südwestdeutschen Raum, wurde auch ein Symbol jugendlicher Autonomieansprüche beerdigt. 

Diese Schlaglichter illustrieren die Ausgangsposition zu dem zu beschreibenden Jahrzehnt der selbstorganisierten Offenen Jugendarbeit (OJA) im Saarland. In dem doch recht überschaubaren kleinen Bundesland können unterschiedliche Entwicklungen sowohl in ländlichen Gebieten wie in kleinstädtischen Strukturen, aber auch in durch den Strukturwandel sich negativ entwickelnden Sozialräumen beschrieben werden.
Diese Entwicklungen geben zudem Auskunft darüber, wie sich die Rahmenbedingungen des Aufwachsens für Jugendliche verändern und welche Antworten die Offene Jugendarbeit darauf gibt. Letztere ist dabei im Spannungsverhältnis zwischen der Unterstützung von eigensinnigen Aneignungspraxen von Jugendlichen und dem Bemühen von Jugendpolitik, die Jugendarbeit zur reibungslosen Integration von Jugendlichen zu instrumentalisieren, reflexiv immer wieder neu zu beschreiben. Dieses Spannungsfeld kennzeichnet auch die Projektarbeit des Verbandes. Mangels ausreichender institutioneller Förderung  wird der größte Teil der Verbandsangebote über Modellprojekte bewältigt. Hierbei werden Themen aktueller Jugendarbeitsdiskurse für die Unterstützungspraxis im Feld selbstorganisierter Jugendtreffs nutzbar gemacht. Projektkonzepte sind dabei aber auch den Projektlogiken der Fördergeber verpflichtet. In den letzten 10 Jahren wurden dabei zwei Themenstränge zentral bearbeitet. Erstens wurde, gefördert über das XENOS-Programm des Bundes, das Thema Diversität in selbstverwalteten Jugendtreffs in den Blick genommen und zweitens wurde das Thema Demokratiebildung über das Förderprogramm „Demokratie leben!“ in einem fünfjährigen Modellprojekt bearbeitet. Mit der Auswertung der Projektergebnisse beider Projekte lassen sich allgemeine Aussagen zu Veränderungen in den Lebenswelten von Jugendlichen, der Umgang mit diesen Veränderungen durch die Jugendlichen selbst sowie die Hilfestellung, die Jugendarbeit dabei leisten kann, diskutieren.

Selbstverwaltung in belasteten Sozialräumen

Ausgangspunkt der Projektentwicklung im Bereich diversitätsorientierter Jugendarbeit im XENOS-Projekt „Offen für Vielfalt“ waren Entwicklungen in der Jugendtreffszene, die sich auf veränderte Belastungen von Sozialräumen zurückführen lassen. Infolgedessen waren die Fachkräfte des Verbandes zunehmend damit beschäftigt, Jugendtreffs vor Schließungen aufgrund zunehmender Konflikte bei abnehmender Engagementbereitschaft der Nutzer:innengruppen zu bewahren. Vor diesem Hintergrund wurde ein Projekt durchgeführt, das es ermöglichte, durch Sozialraumanalysen und der darauf aufbauenden Anpassung von Unterstützungspraktiken auf eine Stabilisierung der Treffangebote hinzuwirken und methodische Ansätze für eine diversitätsbewusste Praxis zu entwickeln. Gerahmt wurde die Projektarbeit durch die generelle Annahme einer zunehmenden gesellschaftlichen Heterogenität mit sozialräumlichen Segregationsphänomenen. Dabei wurde bei der Zielgruppenbeschreibung eine Sicht bevorzugt, die eine Etikettierung und damit verbundene (Selbst-) Stigmatisierung unterläuft und materielle Verhältnisse als Diskriminierungsursachen in den Vordergrund rückt.
Bei den Sozialraumanalysen und den Befragungen der Nutzer:innengruppen wurde in den Sozialräumen, in denen die Selbstverwaltung der Treffs bereits prekär war, kenntlich, wie negativ sich diese Sozialräume veränderten und welchen Einfluss dies auf die Nutzer:innengruppen der Einrichtungen hat. Diese ließen sich mehrheitlich sozialökonomisch benachteiligten Milieus zuordnen. Darauf aufbauend wurde eine Unterstützungspraxis entwickelt, die gezielter auch jene Jugendlichen empowert, die mit sozialem Engagement bisher nicht in Berührung kamen. Das Potential des Ansatzes zeigte sich einerseits in der aktivierenden Begleitung von Jugendgruppen, die sich mit ihren Aktivitäten im Gemeinwesen präsentierten. Dies ging mit Anerkennungs- und
Stärkeerfahrungen einher. Andererseits konnten in den pädagogisch initiierten Settings, die für Jugendliche in prekären Lebenslagen Verantwortungsübernahme bei den Organisationsaufgaben in den Treffs vorsahen, enorme soziale Lernerfahrungen beobachtet werden. Die Einrichtungen pendelten im Projektverlauf zwischen Phasen intensiver Aktivierung und Phasen eigenverantwortlicher Öffnung. Die Erfahrung von Selbstwirksamkeit durch gelingende Schritte der aktiven Beteiligung ermöglichte die Zunahme von Selbstvertrauen und eine deutliche Stärkung von Kompetenzen wie Dialogfähigkeit, Gemeinsinnorientierung, Konfliktlösungsfähigkeit, Teamfähigkeit gerade bei Jugendlichen, die in anderen Bildungsfeldern eher demütigende Erfahrungen des Scheiterns machen. Die selbstorganisierte Offene Jugendarbeit erwies sich für die beteiligten Jugendlichen als ein Feld, in dem enorme Aktivitätspotentiale geweckt werden können, und zeigte, dass dies ein wichtiger gesellschaftlicher Bereich zur Erfahrung von Selbstwirksamkeit, Anerkennung und sozialem Lernen im Gruppenkontext für Jugendliche ist, die ansonsten eher negativ im öffentlichen Raum wahrgenommen werden.

Aus diesen Projekterfahrungen resultierten einerseits eine Erweiterung des Methodensets zur Förderung von Selbstorganisationspotentialen bei benachteiligten Jugendszenen und andererseits eine Ausdifferenzierung der Einrichtungsformen insgesamt. Wurde bisher unterschieden zwischen den gut integrierten Jugendtreffs in relativ homogenen ländlichen Gemeinden und den selbstverwalteten Jugend(kultur)zentren in den Kleinstädten mit heterogener Besucherstruktur, kam nun eine neu Kategorie hinzu: Jugendtreffs in belasteten Sozialräumen, die dauerhaft einer intensiveren pädagogischen Begleitung bedürfen wozu entsprechende Ressourcen von der öffentlichen Hand eingefordert und letztlich auch bewilligt wurden. Etabliert wurde damit auch ein Arbeitsfeld auf Verbandsebene, das deutliche Nähe zu eher „betreuenden“ Arbeitsweisen im Feld der OJA zeigt, von denen man sich bisher abgrenzte. Die formale Organisationsstruktur dieser Einrichtungen ist zwar immer noch der eingetragene Verein, die Organisationsaufgaben werden aber durch Verbandsfachkräfte gewährleistet. Diese Ausweitung des Aufgabenspektrums des Verbandes bis hin zu Tätigkeiten, die man der Jugendsozialarbeit zuordnet, korrespondiert mit grundsätzlichen Verschiebungen innerhalb der OJA insgesamt. Vor dem Hintergrund fortschreitender sozialer Spaltungstendenzen und dem steigenden Risiko, von Armut bzw. sozialer Exklusion betroffen zu sein kommt der Jugendarbeit seit Jahrzehnten eine zunehmende Aufgabenzuschreibung zur Absicherung notwendiger Lebensbewältigungsstrategien der Jugendlichen zu. Das Dilemma zwischen diesen Zuschreibungen und gleichzeitig mit der Kernidee der Selbstorganisation von Jugendinteressen umgehen zu müssen, wurde mit diesem Projekt spannungsgeladener und die Herausforderung, dies reflexiv zu bearbeiten, deutlich
anspruchsvoller.

Das Projekt brachte aber auch noch weitere Verschiebungen innerhalb der Jugendtreffszene zum Vorschein. Die Auswertung der Entwicklungen der einzelnen Jugendzentren und Jugendtreffs bezüglich der Selbstorganisationspotentiale ließ zudem darauf schließen, dass die veränderten Bedingungen des Aufwachsens (verdichtete Freizeit, gesellschaftliche Polarisierung, Mediatisierung, Demografie) eine Herausforderung für die Weiterentwicklung einer auf dem sozialen Engagement von Jugendlichen basierenden Infrastruktur offener Jugendarbeit insgesamt darstellen. Die genannten Veränderungen beeinflussten das soziale Engagement Jugendlicher zunächst negativ und waren Hintergrund der gestiegenen Unterstützungsanforderungen der Treffs. Bestätigt wurde diese Wahrnehmung mit dem Erscheinen des 15. Kinder- und Jugendberichts, der genau diese Phänomene als markanteste Veränderung der Jugendphase herausarbeitet. Mit dem Titel „Jugend ermöglichen“ wird in den Vordergrund gerückt, dass Jugendliche zunehmend unter Druck geraten angesichts verdichteter Lernphasen in Bildungsinstitutionen und dem kontinuierlichen Zwang zur Selbstoptimierung. Gefordert werden verstärkt Freiräume gegen den Optimierungs- und Verwertungsdruck, Freiräume, wie sie die selbstverwalteten Treffs in prototypischer Form darstellen. Als deren Interessenvertretung konnte der Dachverband zeigen, dass gesellschaftliche Veränderungen, die das soziale Engagement von Jugendlichen negativ beeinflussen durch eine sich weiterentwickelnde Fachpraxis aufgefangen werden können. Durch die Projektarbeit konnte in dieser Phase die Jugendtreffszene stabilisiert werden. In anderen Regionen, in denen eine solche parteiische Unterstützungsstruktur fehlt, erscheint es naheliegend, dass viele Einrichtungen einfach aus der Landkarte selbstorganisierter offener Jugendarbeit verschwinden.

Eine weitere Dynamisierung der Verbandsaktivitäten erfolgte durch das Bundesprogramm „Demokratie leben!“, das uns in einem Modellprojekt erlaubte, die selbstverwalteten Treffs als ideale Orte der Demokratiebildung herauszustellen.

Demokratie lernen durch Selbstorganisation

Der Ausgangspunkt der Projektidee lag in der Annahme, dass die selbstorganisierte offene Jugendarbeit als idealtypischer Ort der Demokratiebildung ausgewiesen werden kann, da hier zentrale Prinzipien demokratischer Organisation praktiziert werden. In selbstverwalteten Jugendzentren und Jugendtreffs können junge Menschen in der zentralen Phase ihrer Identitätsentwicklung Erfahrungen von Wirkmächtigkeit in einem demokratisch verfassten, gemeinschaftlich organisierten Erfahrungsraum machen, der zudem im kommunalpolitischen Feld als Jugend-Interessenvertretung mit der Politik interagiert. Damit werden Muster kommunaler demokratischer Verfasstheit mit den Alltagsbezügen Jugendlicher verknüpft und es wird damit ein Transfer zwischen Engagementerfahrungen und Politikfeldlogik ermöglicht.

Aufbauend auf dieser Identifizierung von selbstorganisierten Jugendeinrichtungen als Lernorte demokratischer Orientierung  wurden die konkreten Projektzielsetzungen und
Projektmaßnahmen entwickelt. Erstens wurden die Einrichtungen systematisch hinsichtlich ihrer demokratiebildenden Potenziale erforscht und dabei die Gelingensfaktoren ebenso wie die hemmenden Faktoren für das demokratische Engagement Jugendlicher herausgearbeitet. Zweitens wurden die Zugänge und Zugangsbarrieren zu den Bildungsressourcen der Treffs untersucht und mit der Erarbeitung von Bildungsmodulen, die auf die Stärkung demokratischer Binnenstrukturen abzielen, die demokratischen Bildungspotentiale gestärkt. Und drittens wurde auch darauf hingearbeitet, dass die Einrichtungsform selbstverwalteter Jugendtreff als zentraler Ort der Aktivierung demokratischen Engagements im (fach-) öffentlichen Raum stärker anerkannt und unterstützt wird und damit eine stärkere Verbreitung findet.

Zu Beginn der Projektlaufzeit 2015 kam spontan ein weiterer Projektbaustein hinzu. Mit dem Zuzug junger Geflüchteter auch in die ländlichen Regionen des Landes wurde das Konzept der „Internationalen Treffs“ entwickelt. Im Projektverlauf waren insgesamt 13 selbstverwaltete Jugendclubs und –zentren in diesem Feld aktiv, die entweder punktuell oder kontinuierlich in Kooperation mit dem Verband, Angebote für junge Geflüchtete organisierten. Dabei zeigte sich, dass die konzeptionellen Grundlagen selbstverwalteter Treffs – Offenheit, Freiwilligkeit, Selbstorganisation, Empowerment – ideale Strukturvoraussetzungen für ein inklusives Miteinander gewähren. Die Projektarbeit im Bereich der Internationalen Treffs wurde in der OJA 2-2016 und die Arbeit im
Bereich der Demokratiebildung in der OJA 1-2018 bereits ausführlich vorgestellt und soll hier nicht weiter ausgeführt werden. Nur so viel: Die Projektauswertung im Bereich der Demokratiebildung konnte insbesondere durch die Auswertung von Interviews mit (ehemals) Aktiven die ganze Bandbreite des demokratischen Erfahrungsraums Jugendtreff zum Vorschein bringen und in der retrospektiven Sicht zeigte sich die Biografie-Relevanz des Engagements.

In der Projektauswertung wurden auch die Besonderheiten des Bildungsortes deutlich. Die Strukturlogik eines selbstverwalteten Jugendtreffs erzwingt: Organisiere dich selbst in gleichberechtigter Gemeinschaft mit anderen! Diese Herausforderungen der Struktur bewirken durch ihren offenen Charakter ohne (Erwachsenen-) Vorgaben eine Dynamik der Selbstermächtigung in der Interaktion mit anderen Jugendlichen. Vom ersten Schritt des Engagements, zum Beispiel durch Beteiligung am Putzdienst bis hin zu der Organisation eines Konzertes wird Selbstwirksamkeit in einem sich steigernden Erfahrungssetting erlebt. Solidarische Vernetzung in der Gruppe und gleichberechtigte Interessensaushandlung sind dabei die Voraussetzung. In diesen Prozessen werden Verhaltensmuster erlernt, die als demokratische Kompetenzen gedeutet werden können, insbesondere wenn der Jugendtreff als Interessenvertretung mit der kommunalen Politik interagiert. Erfahrungen der Selbstwirksamkeit, erfolgreicher Interessenaushandlung und politischer Handlungsmacht sind folglich in der Phase des Engagements im Jugendclub besonders nachhaltig und prägend für das Selbstbild als politischer Bürger:innen im Erwachsenenalter: „Wenn es um Politik geht, ist ein Jugendzentrum auch ein Ort, wo einen aufwecken kann, für ganz viele Dinge, die es da noch so gibt. Das JUZ war wesentlicher Bestandteil meiner Politisierung. Dieses Wachrütteln und einfach das Interesse wecken für politische Belange und gesellschaftliche Entwicklungen. Wir machen ja nun auch Politik als Jugendzentrum, wir stehen ja im Ort ein für junge Menschen. Und den Blick dann darüber hinaus zu richten, der Schritt ist nicht weit. Für mich war das ein ganz wesentlicher Faktor, der dazu geführt hat, mich auch politisch zu bilden und meine politische Einstellung herauskristallisieren konnte, was so meine Ansichten sind, wie sich Gesellschaft entwickeln kann und sollte„, – so Paul (22) über sein Engagement im Jugendzentrum.

Diese Beschreibung zieht sich durch fast alle Interviews. Es zeigt sich: Aus dem Engagement im Jugendtreff kommt man nicht unbeschadet heraus. Heraus kommen politische Subjekte die sich selbstbewusst in das politische Geschehen einbringen. Damit sind die selbstverwalteten Treffs Orte der Demokratiebildung, die für sich eine gewisse Exklusivität für sich beanspruchen können.

Diese Projektergebnisse fanden Eingang in eine ohnehin intensivere Debatte über die Offene Jugendarbeit und ihren Beitrag zur Demokratiebildung. Für die Fachkräfte ist dieser Beitrag evident, in der Jugendpolitik scheint er dagegen noch nicht richtig angekommen. Dabei ist angesichts der politischen Verwerfungen naheliegend, dass eine demokratische Gesellschaft die Bildungsorte konkret ausweist und vorhält, in denen Demokratielernen stattfinden kann. Und da Schule aufgrund struktureller Machthierarchien und Familie aufgrund des intergenerationalen Machtgefälles Demokratiebildung eher nicht ermöglichen, stellt dies ein Alleinstellungsmerkmal der Jugendarbeit dar. Deren Strukturcharakteristika sind einfach zwingende Voraussetzung für politisches Lernen.

Diese Projekterkenntnisse galt es nun in die (Fach-)Öffentlichkeit zu kommunizieren. Mit einer Präsentation im Koffer reisten wir durch die Republik, präsentierten unsere Ergebnisse auf Fachveranstaltungen und an Runden Tischen. Insbesondere unsere Mitarbeit in den bundesweiten Netzwerkstrukturen wie der Bundesarbeitsgemeinschaft offene Kinder- und Jugendarbeit (BAG OKJE) und dem Kooperationsverbund ermöglichte es, uns in den Fachdiskursen zunächst überhaupt einmal sichtbar zu machen. Bis dahin war das Thema der Selbstverwaltung in der Offenen Jugendarbeit kaum präsent. Umso mehr konnten wir als Projekterfolg verbuchen, dass wir für einen Beitrag im „Handbuch Offene Jugendarbeit“ angefragt wurden. Dies erforderte auch einen Blick über den Tellerrand des Saarlandes hinaus und wir konnten feststellen, dass die selbstverwalteten Treffs zwar nicht im Fachdiskurs, in der Realität aber in etlichen Regionen durchaus zum Kernbestand der Jugendarbeit zählten. Ein weiteres Highlight wurde uns durch die AGJ gewährt. Unsere Einreichung der Projektergebnisse wurde mit dem Jugendhilfepreis bedacht.
Insgesamt erwies sich für den Verband die Projektarbeit im Bereich der Demokratiebildung als äußerst fruchtbar und mit dem Rückenwind durch die Bescheinigung, zentrale Orte der Demokratiebildung zu repräsentieren, wurden weitere Verhandlungen mit öffentlichen Stellen zur Verstetigung der Projektarbeit geführt.

Doch dieser Höhenflug wurde durch die Pandemie abrupt gestoppt. Die Versuche mit digitalen Formaten zeigten nur begrenzte Wirkung. Zwar konnte mehrheitlich der Kontakt zu den aktiven Vorstandsteams gehalten werden, aber gerade die Einrichtungen, bei denen ein Generationswechsel anstand, bedürfen in der anstehenden Öffnungsphase einer intensiveren Begleitung und Reaktivierung.

Wie die Jugendlichen diese Phase erlebt haben,  brachte eine Online-Befragung Anfang März 2021 zum Vorschein, die auch uns konkret vor Augen führte, wie Jugendliche unter den pandemiebedingten Einschränkungen leiden mussten. Innerhalb einer Woche beteiligten sich 170 Jugendliche an der Umfrage, die ein erschreckendes Bild der Lebenssituation Jugendlicher zeichnet. Zitate aus der Befragung: „Ich bin dank den Corona Maßnahmen von meinen Freunden als auch von meiner Familie isoliert. Mein einziger sozialer Kontakt ist mein Hund“. “Ich fühle mich sozial isoliert und einsam, da mir der Kontakt mit mehreren Freunden verboten ist.“ „Jeder Tag fühlt sich ähnlich bis gleich an“. „Mir geht es schlecht. Ich fühle mich leer und absolut nicht mehr glücklich. Hab schon lange nicht mehr gelacht.“ Die Befragung unterstreicht damit in erschütternder Weise, was wissenschaftliche Studien über die prekäre Lebenssituation von Jugendlichen herausfanden, nach der ein Drittel der Jugendlichen mittlerweile psychische Auffälligkeiten zeigt. Zukunftsängste und Depressionen nehmen aufgrund der Restriktionen ein beängstigendes Ausmaß an. Wie die Jugendlichen diese Erfahrung des Stillstands und der sozialen Isolation verarbeiten, scheint ziemlich offen. Aus den Vorstandsteams kamen sowohl Signale, dass alle in den Startlöchern für den Aufbruch stehen, in manchen Einrichtungen herrschte aber einfach auch Funkstille. Es scheint entscheidend, in welcher Phase der für die Selbstverwaltung typischen Verlaufszyklen zwischen den Generationenübergängen das Jugendzentrum oder der Jugendtreff von der Pandemie getroffen wurde. Bereits eingespielte Teams auf der Höhe ihres Engagements werden die Krise deutlich besser verkraften, als solche Standorte, an denen eine ganz frische Clique in ihren Aneignungs- und Rollenfindungsprozessen gestört wurde oder eine ältere Gruppe in den letzten eineinhalb Jahren ihre Nachfolge hätte klären müssen.

Und wie weiter?

Aktuell ist nach 10 Jahren die  Eigenständige Jugendpolitik im Saarland angekommen und der Landtag des Saarlandes hat zu einer Anhörung eingeladen. Ein Novum in der Jugendpolitik des Landes! Auch die Milliardenhilfe im sogenannten „Aufholprogramm“ der Bundesfamilienministerin, die die Leiden der Jugendlichen nach über einem Jahr Restriktionen abmildern sollen, signalisieren zumindest die Einsicht in die Bedürfnisse einer Bevölkerungsgruppe, die in der Krise besonders gelitten hat. Und auch das Umweltministerium des Landes signalisiert verstärkte Investitionen in die Jugendinfrastruktur des ländlichen Raumes. Die Zeiten riechen also nach Aufbruch, aber noch sind die langfristigen Folgen der Pandemie nicht sicher abzuschätzen – weder auf der individuellen entwicklungspsychologischen Ebene der Nutzer:innen, noch auf einer szeneübergreifenden infrastrukturellen Ebene. In einer pessimistischen Version steht zu befürchten, dass Potentiale des ehrenamtlichen Engagement in der Selbstverwaltung verloren gegangen sind, und diese Zäsur die Zentren wie auch die Jugendkulturszene noch lange beschäftigen wird. Eine optimistische Version hofft auf einen neuen Stellenwert und die generelle Aufwertung sozialen Miteinanders, kollektiver Betätigung und eine neue Lust an aktiver gemeinsamer Freizeitgestaltung.

Für den Verband war das vergangene Jahrzehnt, auch bedingt durch die dargestellte
Modellprojektarbeit, ein weiteres Jahrzehnt der Professionalisierung. Das Team ist gerade in diesem Jahrzehnt stark angewachsen und der Verband hat sein Profil als Fachorganisation deutlich stärken können. Dies geht zulasten der Ehrenamtsstruktur im Verbandsvorstand, ist eingebettet in die Widersprüchlichkeiten der Professionalisierung und erfordert eine vertiefte Reflexion, die hier nur angedeutet werden kann. Dem generellen Spannungsverhältnis, in dem sich Jugendarbeit zwischen dem Auftrag zur Sozialintegration der Jugend einerseits und der Anwaltschaft für den Eigensinn von Jugend andererseits bewegt, kann man nicht entgehen. Bereits auf der Mikroebene der Unterstützungspraxis wird dieses Spannungsfeld offensichtlich. Die Fachkräfte werden von der kommunalen Politik als Garanten eines „geregelten“ Betriebes der Einrichtungen wahrgenommen und eben dafür finanziell gefördert. In diesem Zusammenhang haben die fachlichen Argumente für das Recht auf eigensinnige, unangepasste Verhaltensweisen Jugendlicher wenig Gewicht. Die Dominanz ordnungspolitischer Vorstellungen ist evident, da kann auch die UNKinderrechtskonvention (die auf dieser Ebene kaum jemand kennt) nichts ändern. Gefordert wird seit längerer Zeit eine Repolitisierung der Jugendarbeit, um in der politischen Gemengelage die fachliche Sicht effektiver zur Geltung bringen zu können. Dem ist nur zuzustimmen. Ein Element sind dabei solidarische Fachnetzwerke wie sie auf Bundesebene entstehen und auf lokaler Ebene oft fehlen. Die Stärke zum Durchhalten kann nur in einem Empowern der eigenen Fachlichkeit gelingen. Dazu braucht es auch die Anregung, bei der Praxisreflexion den Kopf immer mal wieder über den eigenen Tellerrand hinaus in das „Reich der Freiheit“ zu stecken. Dabei kann auch ein Rückblick in die Anfänge der Jugendzentrumsbewegung nützlich sein.

Der Verband hat eine fast fünfzigjährige Geschichte des Ringens um Freiräume für Jugendliche hinter sich. Seither wirkt man darauf hin, dass verstanden wird, wie zentral die Bereitstellung von Räumen, die nur den jugendlichen Interessen vorbehalten sind, zur Bewältigung der Entwicklungsaufgaben des Jugendalters ist. Gefordert wird, die Dialektik von Freiräumen zu akzeptieren, damit sie Kraft, mit der die Experimentier-, Aneignungs- und Entwicklungsprozesse während der Identitätsbildung wirken können, daraus bezieht, dass diese Prozesse eben nicht von außen reglementiert, verplant und tordefiniert oder von Fachkräften belagert werden, die wohlwollend das „Phineo“ Wirkungsmanagment durchbuchstabieren wollen. 

Wie ein solcher Freiraum beim ersten Mal wahrgenommen werden kann hat in der letzten Ausgabe der Hamburger Fachzeitschrift „Forum“ die ehemalige Besucherin des zu Beginn erwähnten AJZ Homburg, Kendra Williams, beschrieben: „Es roch nach abgestandenem Bier, kaltem Rauch und Kellermief. Für mich duftete es nach Freiheit … Was ich jedoch noch heute gut nachfühlen kann war meine Überraschung: Die Tatsache, dass ein komplettes Haus, egal wie marode es auch war, alleine uns Jugendlichen zur Verfügung stehen sollte – und zwar ohne jegliches Einmischen der Erwachsenen. Ich konnte mein Glück kaum fassen! Hier galten die Regeln der normalen Welt nicht. In diesem Haus wohnte die Unkonventionalität, und ich durfte mit einziehen!“. So sollten sich die Räume der Jugend (-arbeit) anfühlen. TK

juz-united Imagefilm 2013

Das Projekt zielte auf die Integration benachteiligter Jugendlicher durch jugend-kulturelle Angebote aus dem Bereich Hip-Hop. Lesenswert!

Demokratie wird nur dort gelernt, wo man sie auch selbst erlebt und gestaltet. Das Juz ist dazu der ideale Ort.

www.jugendtreffs.net

Die neu entwickelte Website bietet Hilfestellung bei der Gründung von Jugendtreffs. Mit schönen Videoclips.

Jugend ohne Raum – geht gar nicht. Da müssen neue Raumkonzepte her. Hier zu sehen.

Jugendliche in ländlichen Gemeinden brauchen Orte, in denen sie sich für gemein-schaftliche Interessen engagieren können.

Der SR berichtet vom Sommercamp 2014