VSJS Logo

Verband saarländischer Jugendzentren in Selbstverwaltung e.V.

+++ Startversion - bitte alle mitschreiben - Startversion +++

Demokratie leben in selbstverwalteten Jugendtreffs

Erfahrungen bei der Umsetzung eines Modellprojektes zur Förderung von Demokratiekompetenzen in ländlichen Räumen

Die Themenverbindung Offene Jugendarbeit und Demokratie hat in den letzten Jahren eindeutig Konjunktur, auch wenn die demokratierelevanten Potentiale der offenen Jugendeinrichtungen immer schon als Bestandteil des Leistungsprofils dieses Feldes ausgewiesen werden konnten. Mit der breiten gesellschaftlichen Diskussion um die Erosion der Demokratie angesichts des Aufkommens rechtspopulistischer Parteien und Bewegungen sehen sich nun aber alle Bildungsinstanzen verstärkt vor der Herausforderung, ihre Leistungen im Hinblick auf die Stärkung demokratischer Orientierungen darzustellen. Vor diesem Hintergrund entstand ein Projekt des Verbandes saarländischer Jugendzentren in Selbstverwaltung e.V. – juz-united, bei dem die Demokratiepotentiale der selbstverwalteten Jugendzentren, Jugendtreffs und Jugendclubs im Saarland in den Fokus genommen und erforscht werden. Das Projekt wird im Rahmen des Bundesprogramms „Demokratie leben!“ im Themenfeld „Demokratiestärkung im ländlichen Raum“ mit einer Laufzeit von fünf Jahren bis Ende 2019 gefördert. Im Team arbeiten vier pädagogische Fachkräfte. Für den Verband bietet das Projekt die Gelegenheit, Potentiale der Selbstverwaltung von Jugendeinrichtungen herauszustellen, fördernde und hemmende Faktoren des demokratischen Engagements von Jugendlichen zu erforschen sowie strukturellen Defiziten wie der Homogenisierung der Nutzergruppen hinsichtlich Geschlecht, Alter, Bildungshintergrund, Migrationsgeschichte etc. modellhaft entgegenzuwirken. Im Folgenden soll das Projekt mit seinen Schwerpunkten vorgestellt und erste Erkenntnisse präsentiert werden.

Die selbstverwaltete Offene Jugendarbeit im Saarland

Das Saarland mit rund einer Million Einwohner*innen verfügt mit seinen (alt-) industriellen Zentren sowohl über Zonen hoher Verdichtung als auch über ländliche Räume mit für Jugendliche typischen Problemlagen wie eingeschränkter Mobilität und reduzierten Freizeitangeboten. Insgesamt kann das Saarland einen sehr spezifischen Mix an unterschiedlichen Einrichtungsprofilen und Trägerstrukturen entsprechend den jeweiligen sozialstrukturellen Standortbedingungen vorweisen. In den Verdichtungsräumen rund um die Landeshauptstadt und die Kreisstädte bilden größere, pädagogisch betreute Jugendzentren in Trägerschaft der Kommunen und Wohlfahrtsverbände die Einrichtungsschwerpunkte, während vor allem im ländlichen Raum, aber auch in einigen Kreisstädten und Mittelzentren die selbstverwalteten Jugendzentren und Jugendtreffs dominieren. Dieser Einrichtungstyp stellt mit 135 Jugendzentren und Treffs den weitaus größten Anteil an der Infrastruktur der Offenen Jugendarbeit und ist auf Landesebene im eigenen Dachverband juz-united organisiert. Seit dessen Gründung vor 45 Jahren sind die Ideen der Jugendzentrumsbewegung hier virulent und geben immer wieder Anstöße für die Selbstverwaltungspraxis. Der Verband verfügt über zehn hauptamtliche Fachkräfte in unterschiedlichen Projektbereichen und unterstützt die engagierten Jugendlichen durch Beratungs- und Qualifizierungsangebote. Ergänzend zu den Unterstützungsleistungen der kommunalen Jugendarbeit, verfügen die Treffs so über professionelle Unterstützungsnetzwerke, die die Infrastruktur dauerhaft absichern. Gerade im ländlichen Raum des Saarlandes sind, bei aller Unterschiedlichkeit der einzelnen Einrichtungen und ihrer Einbettung in die kommunalen Gemeinwesen, die selbstverwalteten Treffs zentrale Einrichtungen der Jugendarbeit. Zu den typischen Leistungen der selbstverwalteten Jugendtreffs gehören ihre Funktion als Einstiegsort in das soziale Engagement, als Gemeinschaftsraum altersspezifischer Interessen und jugendkultureller Ausdrucksformen und der Integration von Jugend in die Gemeinwesen (z. B. über die Organisation der Traditionen im Ort). Dagegen sind die demokratierelevanten Potentiale des Einrichtungstyps allerdings kaum erforscht. Mit dem Projekt „OFFENsive!“ versuchen wir, diese Leerstelle zu füllen.

Projektzielsetzung: Demokratiestärkung im ländlichen Raum

Zum Programmaufruf „Demokratiestärkung im ländlichen Raum“ kann man als Eingangsstatement in unserer ersten Projektzeitung lesen: „Das machen doch die vielen selbstverwalteten Jugendclubs und Jugendtreffs bei uns auf dem Land at its best. Denn erstens braucht jede Demokratie sozial engagierte (junge) Menschen, die gelernt haben, sich um die eigenen und öffentlichen Belange zu kümmern, und zweitens übt man bei seinem Engagement im Jugendtreff immer auch demokratische Spielregeln ein“. Dies war der Ausgangspunkt für die Beteiligung am Bundesprogramm. Im weiteren Verlauf entwickelten sich konkretere Fragestellungen und Projektzielsetzungen: So sollen im Projektverlauf sowohl die Potentiale (und förderlichen Rahmenbedingungen) hinsichtlich der Aktivierung von sozialem Engagement bei Jugendlichen herausgearbeitet werden als auch die demokratierelevanten Bildungsleistungen, die Jugendlichen aufgrund der Erfahrung von Selbstwirksamkeit in einem gemeinschaftlich organisierten Rahmen zuteilwerden. Im Projekt werden aber auch strukturelle Schwächen des Einrichtungstyps in Hinblick auf die Heterogenität der Zielgruppen in den Fokus genommen und modellhaft Lösungen entwickelt, die auf eine stärkere Akzentuierung von Vielfalt und genereller Offenheit der Jugendtreffs abzielen. Damit wird nicht nur die Zielgruppenbreite erweitert, sondern die Einrichtungen fungieren als Impulsgeber für Vielfalt und gegen Phänomene gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit in den kommunalen Raum. Um auf eine Verbreitung des Organisationstyps selbstverwalteter Jugendtreff hinzuwirken, werden die Projekterfahrungen und Erkenntnisse durch internetbasierte Verbreitungsstrategien sowohl für Jugendliche als auch für Fachkräfte und kommunalpolitische Akteure zugänglich gemacht.

Projektumsetzung

Die Umsetzungsstrategien in den drei Projektsäulen, erstens Stärkung der Selbstorganisationspraxis, zweitens Heterogenität in den Einrichtungen und drittens Verbreitungsstrategien, erfolgen in einem Feld, das sich als ausgesprochen vielgestaltig zeigt. Je nach Gemeinde- und Raumgröße, sozialstrukturellen Faktoren (die auch im ländlichen Raum deutlich variieren) und der Etablierung der Einrichtungen im Gemeinwesen zeigen sich ganz unterschiedliche Organisationstypen und Alltagsherausforderungen für die engagierten Jugendlichen. Zu Projektbeginn wurden eine Bestandsaufnahme der Einrichtungen durchgeführt und erste Projektaktivitäten in einzelnen Treffs angebahnt.Generell soll an dieser Stelle darauf hingewiesen werden, dass Projektmaßnahmen, die in die Eigenlogik der Treffs und Autonomie der aktiven Jugendlichen eingreifen, nur möglich sind, weil die Fachkräfte des Verbandes als Interessenvertretung einzig auf der Seite der Jugendlichen stehen. Nur vor diesem Hintergrund ist die Vertrauensbasis gegeben, die notwendig ist für die Auseinandersetzung mit sensiblen Fragestellungen, wie z. B. in den Workshops zum Thema Vielfalt oder bei teaminternen Konflikten.

Selbstorganisationsförderung

Die Umsetzungsstrategien im Feld der Selbstorganisationsförderung differenzieren sich nach den typischen Verlaufsphasen der Einrichtungen. Dazu gehören die Begleitung von Jugendinitiativen zur Gründung von Jugendtreffs, Durchsetzungsstrategien im kommunalpolitischen Feld, die Entwicklung angepasster Organisationstypen, die Bewältigung von Krisenphasen und gelungene Generationenübergänge. Zu den Aktivitäten der Fachkräfte gehört ebenso die systematische Reflexion der Dynamiken und Erfahrungsgehalte für die engagierten Jugendlichen. Dabei werden sowohl förderliche wie hemmende Faktoren für das soziale Engagement in den einzelnen Phasen herausgearbeitet. Exemplarisch wird eine Unterstützungsarbeit entwickelt, die zwischen den Autonomiewünschen der Jugendlichen, der Prozesshaftigkeit und Offenheit des Geschehens und den Rahmensetzungen der Kommunalpolitik angemessen operiert.Zu weiteren Aufgabenstellungen, die auf die Aktivierung neuer Jugendlicher abzielen, zählen die Durchführung von Jugendzukunftswerkstätten zur Bedarfsermittlung und Initiierung von neuen Jugendtreffs sowie die Neubelebung inaktiver Treffs.

Umgang mit Heterogenität und Vielfalt

In dieser zweiten Projektsäule haben sich schnell zwei Zugangsweisen etabliert. Einmal wurden Workshopmodule mit unterschiedlichen Schwerpunktsetzungen entwickelt und umgesetzt. Beim Workshop „Vielfalt“ geht es um generelle Mechanismen in sozialen Gruppen, die auf Aus- und Eingrenzungsmechanismen beruhen und dabei immer auch mit Zuschreibungen, Etikettierungen und Hierarchisierungen arbeiten. Dabei werden Prozesse im Jugendtreff im Hinblick auf Exklusionstendenzen in den Blick genommen, aber auch der Bogen zu gesellschaftlichen Fragestellungen gespannt. In einem weiteren Workshopangebot geht es um die Zukunft es Treffs, Fragen der Nachwuchsgewinnung und der Gestaltung des Generationenübergangs. Hierbei wird die Frage in den Blick genommen, mit welcher Haltung man den Jüngeren im Treff begegnet und erarbeitet, ob grundsätzlich alle potentiellen Nutzergruppen im Sozialraum wahrgenommen, angesprochen und einbezogen werden. Ein drittes Workshopmodul wurde entwickelt, um Jugendliche darin zu stärken, mit rechten Provokationen und diskriminierenden Äußerungen in den Treffs konstruktiv, selbstbewusst und aufklärend umzugehen.Die zweite Zugangsweise entwickelte sich Ende 2015 mit dem Zuzug vieler, auch junger Geflüchteter und ihrer dezentralen Unterbringung auch in den kleineren Ortschaften des Landes. Neben etlichen Willkommensinitiativen in den selbstverwalteten Jugendzentren und Treffs wurde schnell deutlich, dass es begleitender Angebote bedarf, um die jungen Geflüchteten gezielt anzusprechen und ihnen in den Jugendtreffs Möglichkeiten eines niedrigschwelligen Zugangs zu Gleichaltrigen zu ermöglichen. Das Konzept der „Internationalen Treffs“, das in rund fünfzehn Jugendzentren sehr erfolgreich durchgeführt wurde, wurde bereits ausführlich vorgestellt (vgl. Zeitschrift Offene Jugendarbeit 2/2016).

Verbreitungsstrategien

Das dritte Projektziel bezieht sich auf die Aufbereitung der Ergebnisse in Form eines Internetportals. In der Summe soll so ein Werkzeugkoffer entstehen, der die Praxis selbstverwalteter Einrichtungen systematisiert, Hilfestellungen für die Engagierten bereithält und angemessene Unterstützungspraktiken aufzeigt. Hierzu wurden mit Jugendlichen Video-Tutorials erarbeitet. Sie bieten praktische Hilfestellung bei alltäglichen Themen der Jugendtreffs. Die Projektergebnisse hinsichtlich der Unterstützungsstrukturen und -ansätze werden auch in Form von Fachaufsätzen und Fachtagungen für eine Verbreitung und Übertragbarkeit aufbereitet.

Auswertung erster Projektmaßnahmen im Feld der Selbstorganisationsförderung

Die Projektaktivitäten im Feld der Selbstorganisationsförderung sollten das gesamte Spektrum der Jugendtreffarbeit in den Blick nehmen und im Sinne einer begleitenden Handlungsforschung auswerten. Als Methodenset stehen dazu unter anderem qualitative Interviews, teilnehmende Beobachtung und aktivierende Befragung zur Verfügung. Handlungsleitend ist dabei die Ausgangsthese, dass die selbstorganisierten Einrichtungen ein hohes Potential sowohl bei der Aktivierung Jugendlicher zu sozialem Engagement entfalten als auch demokratische Prinzipien aufgrund der partizipativen Organisationsstruktur vermitteln. Die in den konkreten Maßnahmen bisher ausgewerteten Ergebnisse sollen hier nur an einigen Beispielen aufgezeigt werden. Dargestellt werden zunächst konkrete Interventionen an Einzelbeispielen, um im nächsten Schritt in der Gesamtsicht ausgewertet zu werden.

Begleitung bei der Neugründung von Jugendtreffinitiativen

So wurde bei der Begleitung der Initiativgruppen zur Einrichtung von Jugendtreffs kenntlich, dass die Jugendlichen sich anfänglich stark auf Erfahrungen in benachbarten Jugendtreffs bezogen. Eine hohe Dichte an Jugendtreffs kann also die Neugründung von Jugendtreffs begünstigen. Allein die Gründung als organisierte, handlungsfähige Gruppe, die Auseinandersetzung mit Satzungs- und Organisationsfragen, die Dynamik bei der Auswahl der Außenvertretung, der Erstkontakt mit Ortsvorsteher und Gemeindegremien bedingen eine ganze Reihe an Ersterfahrungen in demokratischer Interessenaushandlung und Interessenvertretung. Spannend waren dabei die Prozesse positiver Gruppendynamik, die Gruppenformierung und die Ausrichtung und Platzierung der Gruppenmitglieder in den unterschiedlichen Aufgabenbereichen, die Ausbildung eines Wir-Gefühls und die Ausrichtung auf positive Gruppenerfolge.

Begleitung bei Organisationsfragen in Jugendtreffs

Bei der Begleitung eines Jugendzentrums in Fragen der Alltagsorganisation konnte z. B. herausgearbeitet werden, wie sich die Etablierung eines zentralen Organisationsgremiums auf die Aktivierung einer neuen Nutzergruppe positiv auswirkt. Die alten eingefahrenen, eher informellen und diffusen Cliquenstrukturen behinderten das Engagement einer jüngeren Gruppe von Jugendlichen. Die Einführung einer wöchentlichen Vollversammlung gab der Artikulation ihrer Interessen Raum und motivierte zum dauerhaften Engagement. In den Fragen der internen Organisationsgestaltung gibt es eine große Bandbreite, von einer Anlehnung an unhinterfragte Cliquenstrukturen bis hin zur Umsetzung eines klassischen Vereinsmodells mit klaren Strukturen. Bei der Unterscheidung zwischen Modellen mit hohem Beteiligungsgrad und Modellen, die über „Etabliertenrechte“ organisiert werden, war es unser Anliegen, die Organisationsfragen im Hinblick auf die realen Beteiligungsmöglichkeiten zu durchleuchten. Hier liefert das Vereinsmodell, an dem sich die meisten selbstverwalteten Jugendzentren und Treffs orientieren, eine demokratische Grundstruktur, die aber in der Praxis auch ihre Fallen haben kann. Mit den Projektmaßnahmen konnten wir in einigen Einrichtungen die Ausrichtung der Selbstverwaltungsgremien auf Diskursivität und Offenheit deutlich unterstützen und auf eine Diskussionskultur hinarbeiten, die Minderheitenpositionen mitberücksichtigt. Unser Ansatz zielt immer auch auf eine Reflexion von Ausgrenzungs- und Abwertungspraxen gegenüber Minderheitenpositionen und regt zur Perspektivübernahme an. Bei unserer Praxisbegleitung konnten wir aber auch mehrere Faktoren identifizieren, die die Ausrichtung der Gruppe auf eine breite demokratische Verfasstheit ganz generell unterstützen. Einmal sind gerade größere Veranstaltungen/Aktivitäten, die immer auch mit starken Anerkennungserfahrungen verbunden sind, nur mit einem breiten Aktivenstamm zu bewältigen. Der Einbezug aller und die diskursive Ausrichtung auf gemeinsame Interessen werden so zum Erfolgskriterium. Eine weitere Grundstruktur ist die tragende Idee der Gemeinschaft, einer „großen Familie“, wie dies in Interviews immer wieder betont wird. Diese „Community der Gleichen“, die an positiven Gemeinschaftserfahrungen orientiert ist, unterstützt die Ausrichtung auf demokratische, auf egalitären Strukturen basierende Grundprinzipien. (Abbildung rechte Seite)

Begleitung in Konfliktsituationen

In der Auswertung von typischen internen Konflikten in den Treffs wurde deutlich, wie fragil in bestimmten Entwicklungsphasen die internen Strukturen sind. Die Umwandlung von Freundschaftsbeziehungen in funktionale Netzwerke z. B. in den Vorstandsämtern, damit verwobene Status- und Anerkennungskonflikte und eine fehlende Konfliktmoderation können schnell eine destruktive Spirale in Gang setzen, die die Einrichtungen lähmt. Durch unsere Interventionen wurde aber auch kenntlich, wie sich nach erfolgreicher Konfliktlösung positive Dynamiken entwickeln, in denen Jugendliche im Gruppenkontext durch gemeinschaftliche Aktivitäten deutliche Gewinne im Hinblick auf Selbstermächtigung, Ausweitung des Aktivitätsspektrums, Erweiterung des persönlichen Kompetenzprofils erfahren konnten. Dabei sind Anerkennungserfahrungen, die sich im Zuge gelungener Gemeinschaftsaktivitäten (von der ersten größeren Party bis zum Open-Air) einstellen, ein stark motivierender Faktor für die nächsten größeren gemeinschaftlichen Aktivitäten, bei denen die Jugendlichen wiederum ihr Erfahrungsspektrum erweitern. Bei der Begleitung von Treffs, die sich in aktuellen Konflikten mit der Verwaltung und Kommunalpolitik oder der Nachbarschaft befanden, konnten ebenfalls ganz unterschiedliche Erfahrungen ausgewertet werden. Letztlich liegt den Konflikten ein Machtungleichgewicht zwischen Politik/Verwaltung und Jugendgruppe zugrunde. Das Empowern der Gruppe, die Vermittlung von Strategie- und Verhandlungskompetenzen, letztlich aber auch das Auffangen von Frustrationserfahrungen gehört zu den methodischen Prinzipien, mit denen die Konflikte bearbeitet wurden. Ein parteiisches Lobbying zugunsten der Jugendinteressen durch die Projektfachkräfte unterstützte zusätzlich den Erfolg in Konfliktsituationen. Auf der anderen Seite wurden in der Bestandsaufnahme sehr viele Beispiele aufgenommen, wie eine anerkennende Kommunalpolitik die Bereitschaft der Jugendlichen, sich aktiv in das Dorfgeschehen einzubringen, enorm beflügeln kann. Viele Jugendtreffs übernehmen federführend die Organisation von Traditionsfesten in den Gemeinden und erfahren dadurch einen Statusgewinn, beleben mit ihren Aktivitäten aber auch die lokalen Gemeinwesen. Für die Aktiven in den Treffs bedeuten solche mit öffentlicher Anerkennung verbundenen Aktivitäten auch eine persönliche Wertschätzung, sie werden als Potentialträger in der Dorfgemeinschaft wahrgenommen.

Zusammenfassung im Hinblick auf Demokratieförderung

Die dargestellten Beispiele geben einen ersten Einblick in die Projektpraxis und die Auswertung im Hinblick auf die Ausbildung demokratischer Kompetenzen. Es muss bei der Projektauswertung berücksichtigt werden, dass für das Feld der selbstorganisierten offenen Jugendarbeit auf eine kaum vorhandene Forschungsgrundlage zurückgegriffen werden kann, die Alltagspraxis in den Einrichtungen also grundlegend neu erkundet, ausdifferenziert und bewertet werden muss. Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass die aktiven Jugendlichen in den Einrichtungen Prozesse durchlaufen, die für sie ganz elementare Erfahrungs- und Handlungsoptionen eröffnen. Die Einrichtungen werden als Aneignungs- und Gestaltungsräume wahrgenommen, in die sich die Jugendlichen mit einem enormen Engagement einbringen. Die in der Struktur eingelagerte Herausforderung zur Verantwortungsübernahme und die kontinuierlichen Organisations- und Aushandlungsprozesse generieren einen Erprobungsraum, der als besonders intensives Feld individueller Identitätsbildung erfahren wird. Im Jugendtreffalltag werden den Beteiligten Möglichkeitsräume aufgeschlossen, in denen sie eigene Stärken ausbilden und einbringen und Muster einer solidarischen Vernetzung erproben können. Die Identifikation mit dem selbstgestalteten Treff ist durchweg stark ausgeprägt, wodurch die Bildungserfahrungen zusätzliche biografische Relevanz erhalten. Es kann beobachtet werden, wie sich die Identitätskonstruktionen durch die Erfahrungen eigener Gestaltungsmacht in einem gemeinschaftlichen Rahmen verändern. Die Möglichkeit, in einer biografisch entscheidenden Lebensphase Erfahrungen der eigenen Gestaltungsmacht und Selbstwirksamkeit zu erleben, kann dabei als Grundlage der Entwicklung zu einer aktiven Bürgerschaft gedeutet werden. Diese Erfahrungen sind nur möglich in einem auf dialogische Aushandlungsprozesse mit den Interessen anderer ausgerichteten, gemeinschaftlich organisierten Rahmen. Diese kollektiven demokratischen Prozesse vermitteln wiederum politische Primärerfahrungen, die auch als demokratische Handlungskompetenzen gefasst werden können. Zum Setting Selbstverwalteter Jugendtreff gehört auch die kontinuierliche Auseinandersetzung mit dem umschließenden Gemeinwesen, mit der Kommunalpolitik und Verwaltung, die die Binnenerfahrungen der Jugendlichen mit den Erfordernissen der Erwachsenengesellschaft wie den Strukturen der Kommunalpolitik konfrontiert. Dies generiert ein eigenständiges Erfahrungsfeld, in dem die Jugendlichen bei der Interessenvertretung in kommunalen Gremien bürgerschaftliche Verhaltensdispositionen entwickeln. Ein weiterer Hinweis auf die Wirkung dieser politischen Primärerfahrungen ist auch eine hohe Anzahl ehemaliger Jugendtreff-Aktiver in den kommunalpolitischen Gremien des Saarlandes. Die besondere Qualität und demokratische Substanz der selbstverwalteten Treffs kann in dem Zusammenwirken dieser drei Komponenten (individuelle Selbstermächtigung/Handlungswirksamkeit – demokratische Kollektivität – Interessenvertretung/Einwirkung im kommunalen Gemeinwesen) zusammengefasst werden. Diese Strukturcharakteristika sind grundlegend für die Ausbildung demokratischer Handlungskompetenzen und eines aktiven bürgerschaftlichen Engagements.

Fazit und Ausblick

Dieser Überblick über den derzeitigen Stand unserer dreijährigen Projektpraxis stellt erste Erkenntnisse zusammen, lässt aber auch einige Fragen offen. Beobachtet wurde eine Veränderung der Sozialstruktur in eher zentrumsnahen Lagen. Hier müssen Konzepte entwickelt werden, die die Selbstverwaltung der Einrichtungen mit den Bedürfnislagen von Jugendlichen aus Armutsmilieus ermöglichen. Ein weiterer zentraler Schritt ist die Diskussion unserer Projektergebnisse vor dem Hintergrund von grundlegenden Konzepten der Demokratietheorie. Hier deuten sich spannende Diskussionen an, wie diese Theorien für eine weitere Fundierung unserer Arbeit nutzbar gemacht werden können. Zuletzt geht es uns auch darum, den Einrichtungstyp selbstverwalteter Jugendtreff aus dem Nischendasein im Feld der offenen Jugendarbeit herauszuholen und in die Diskussion um deren Weiterentwicklung einzubringen. Eine bundesweite Bestandsaufnahme wäre ein sinnvoller erster Schritt. Um dies zu erreichen, wünschen wir uns einen regen Austausch mit interessierten Kolleginnen und Kollegen.