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Verband saarländischer Jugendzentren in Selbstverwaltung e.V.

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Engagement in Eigenregie

Das Saarland kann eine hohe Dichte an Jugendräumen vorweisen, die von Jugendliche in eigener Verantwortung, ohne die Anwesenheit von Erwachsenen, organisiert werden. Diese Einrichtungsform aktiviert Jugendliche zum sozialen Engagement in und für ihre Gemeinwesen. Mit dem Verband saarländischer Jugendzentren in Selbstverwaltung (juz-united) existiert – bundesweit einmalig – eine Lobbyorganisation, die nicht nur die Aktiven in den Einrichtungen professionell unterstützt und qualifiziert, sondern auch deren Leistungen in die Öffentlichkeit trägt. Der Verband repräsentiert damit eine Einrichtungsform Offener Jugendarbeit, die zu Unrecht in den Fachdiskursen unterrepräsentiert ist, denn die selbstverwalteten Jugendräume, -treffs, -clubs und –
zentren verwirklichen in idealtypischer Weise die zentralen Prinzipien der Jugendarbeit nach selbstbestimmten Freiräumen.
Den Gewinn des Praxispreises der Kinder- und Jugendhilfe möchten wir als Gelegenheit nutzen, dieses „Saarländische Modell“, bestehend aus engmaschiger Infrastruktur selbstverwalteter Jugendzentren flankiert durch einen unterstützenden Dachverband, vorzustellen. Wir möchten auch ausloten, inwieweit davon Anstöße für eine Weiterentwicklung des Arbeitsfeldes Offene Jugendarbeit insgesamt ausgehen könnten.

 1. Kurzvorstellung: Die selbstverwaltete Offene Jugendarbeit im Saarland

Das Saarland mit ca. 1 Million Einwohner*innen verfügt mit seinen (alt-) industriellen Zentren sowohl über Zonen hoher Verdichtung als auch über ländliche Räume mit den für Jugendliche typischen Problemlagen wie eingeschränkter Mobilität und reduzierten Freizeitangeboten. Entsprechend den jeweiligen sozialstrukturellen Standortbedingungen kann das Saarland einen sehr spezifischen Mix an unterschiedlichen Einrichtungsprofilen und Trägerstrukturen Offener Jugendarbeit vorweisen. In den Verdichtungsräumen bilden größere pädagogisch betreute Jugendzentren in Trägerschaft der Kommunen und Wohlfahrtsverbände den Einrichtungsschwerpunkt, während im ländlichen Raum, aber auch in einigen Mittelzentren die selbstverwalteten Jugendzentren und -treffs dominieren. Dieser Einrichtungstyp stellt mit 130 Jugendzentren, Treffs und aktiven Initiativgruppen den weitaus größten Anteil der Infrastruktur der Offenen Jugendarbeit. Unterstützt werden die selbstverwalteten Räume durch den Dachverband juz-united. Seit dessen Gründung vor 45 Jahren sind die Ideen der Jugendzentrumsbewegung hier virulent und geben immer wieder Anstöße für die Selbstverwaltungspraxis. Ergänzend zu den Unterstützungsleistungen der kommunalen Jugendarbeit verfügen die Treffs so über ein professionelles Unterstützungsnetzwerk, das die Infrastruktur dauerhaft absichert.

 

2. Einrichtungstypen, Organisationsformen

Bei aller Unterschiedlichkeit der selbstverwalteten Einrichtungen werden im Verband drei
Kategorien der Treffs unterschieden: Mit ca. 80% bilden Jugendclubs im ländlichen Raum den Schwerpunkt der Einrichtungen. Hier hat sich eine fast flächendeckende Infrastruktur auf Ortsteilebene etabliert. Einen weiteren Einrichtungstyp stellen die selbstverwalteten
Jugendkulturzentren in mehreren Mittelzentren dar. Hier dominieren jugendkulturell interessierte Jugendliche und organisieren Konzerte und Jugendkulturevents, die zum Teil weit über die Region ausstrahlen und einen wichtigen Pfeiler regionaler Jugendkultur darstellen. In den letzten Jahren ist eine dritte Einrichtungsform hinzugekommen, die sich insbesondere im Verdichtungsraum um die Landeshauptstadt zeigt. Diese Einrichtungen werden von Jugendlichen aus sozial benachteiligten Milieus frequentiert und erfordern eine intensive pädagogische Begleitung, die jedoch dem Anspruch der Selbstverwaltung nicht im Wege stehen darf.

Der dörfliche Jugendtreff
Gerade im ländlichen Raum des Saarlandes sind die selbstverwalteten Treffs zentrale Einrichtungen der Jugendarbeit. Die Treffs sind fest in das Dorfleben integriert, sie beleben mit ihren Aktivitäten die Dorfkultur und bieten für die Jugendlichen einen Ort des sozialen Lebens. Zu den typischen Leistungen der Treffs gehört ihre Funktion als Einstiegsort in das soziale Engagement, als Gemeinschaftsraum altersspezifischer Interessen und jugendkultureller Ausdrucksformen und als demokratischer Bildungsort.
In der Mehrzahl basiert das Organisierungsmodell der Jugendlichen auf einem  (eingetragenen) Verein, der mit den jeweiligen Kommunen eine Nutzungsvereinbarung über Räume abschließt, die von den Gemeinden kostenfrei zur Verfügung gestellt werden.
Selbstverwaltete Jugendtreffs bilden gerade bei eingeschränkter Mobilität und Strukturschwäche im ländlichen Raum oft die einzige Möglichkeit, Offene Jugendarbeit anzubieten. Die Treffs fungieren als Kristallisationspunkt für jugendliche Interessen, machen Jugend im Ort sichtbar und haben einen wesentlichen Anteil an der partizipativen Integration der Jugendlichen in das Gemeinwesen. Jugendtreffs auf dem Land übernehmen dabei auch Aufgaben der Gemeinschafts- und Traditionspflege: Sie organisieren Dorffeste, unterbreiten Angebote für Kinder und Senior*innen und liefern innovative Impulse zur Verjüngung des Gemeinwesens und zur Stärkung seiner Zukunftsfähigkeit. Das Eingebundensein in den Sozialraum und die emotionale Bindung an den Jugendraum und den Freundeskreis können den entscheidenden Ausschlag bei der Bleibeperspektive liefern.

Jugend(kultur-)zentren
In größeren Gemeinden und Mittelzentren des Saarlandes haben sich selbstverwaltete
Jugendzentren etabliert, die teils seit der Jugendzentrumsbewegung Mitte der 1970er Jahre als eigenständige Einrichtungen bestehen. Meist legen diese größeren Einrichtungen einen Schwerpunkt auf jugendkulturelle Angebote und sind z. B. als Konzertveranstaltungsort szeneorientiert und überregional ausgerichtet. Aufgrund der vielfältigen Angebote, wie z. B. kulturellen Veranstaltungen, Workshops oder Aktionen verfügen sie über einen hohen Organisationsgrad. Die Mitbestimmung der Nutzer*innen wird – neben der üblichen Vereinsstruktur – z. B. durch regelmäßige Vollversammlungen gewährleistet. Jugend(kultur-)zentren leisten Vernetzungsarbeit innerhalb der Band- und Musikszene und bieten einen nicht konsumorientierten Kulturraum.

Jugendeinrichtungen in benachteiligten Soziallagen
In urbanen Sozialräumen, die eine sozialökonomisch negative Bilanz aufweisen, können
Selbstverwaltungsstrukturen häufig nur dann aufrechterhalten werden, wenn eine pädagogische Begleitung gewährleistet ist, die auf Unterstützungsbedarfe angemessen reagieren kann, aber gleichzeitig die Selbstorganisation ihrer Adressat*innen nicht untergräbt. Dann aber können gerade jene Jugendliche, die in anderen Sozialisationsfeldern zahlreiche Erfahrungen der sozialen Benachteiligung machen mussten, durch Erfahrungen von Selbstwirksamkeit und von Entscheidungs- und Gestaltungsmacht gestärkt werden. Die Praxis pädagogischer Begleitung in diesen Fällen zeigt, wie Jugendliche wachsen können, wenn ihnen Erfahrungen ermöglicht werden, die auf Selbstbefähigung und Selbstbemächtigung abzielen.
Diese Einrichtungsform stellt eine Alternative zu pädagogisch betreuten Jugendtreffs in sozial belasteten Sozialräumen dar, da die konzeptionelle Grundlegung die  pädagogischen Fachkräfte zur Abgabe von Verantwortung verpflichtet und zum generellen Ziel hat, Selbstorganisationsstrukturen zu etablieren. Dieser Empowerment-Ansatz beinhaltet die Abkehr vom Betreuungsdenken in der Offenen Arbeit und nimmt Potentiale und Stärken der Jugendlichen zum Ausgangspunkt.

Leistungen und Potentiale der selbstverwalteten Treffs
Im Rahmen eines Handlungsforschungprojektes („OFFENsive!, gefördert durch „Demokratie leben!“) konnte unser Team in den letzten Jahren durch Befragungen und Beobachtungsstudien die Leistungen und Potentiale der selbstverwalteten Jugendeinrichtungen genauer untersuchen. Die Ergebnisse basieren auf einer Vielzahl von Interviews mit Aktiven in den Treffs, Fachkräften der kommunalen Jugendarbeit und Vertreter*innen der Kommunalpolitik. Ein Schwerpunkt lag auf der Identifizierung der demokratiefördernden Potentiale. Generell lassen sich diese sowohl auf der individuellen Ebene der jungen Aktiven, der Gruppen- und Teamebene als auch auf gesellschaftlicher Ebene darstellen.
Aufgrund des hohen Grades an Gestaltungsmöglichkeiten und sozialen Interaktionen sowie aufgrund der Diskursivität in der Selbstorganisation sind Selbstbildungsprozesse charakteristisch für diesen Bereich der Offenen Jugendarbeit. In den Befragungen ergaben sich insbesondere Lerneffekte in den Bereichen Verantwortungsübernahme, Konfliktfähigkeit, Kompromissfähigkeit, Ambiguitätstoleranz und Empathie. In der selbstorganisierten Jugendarbeit bieten sich zudem Gelegenheiten für Lern- und Bildungsprozesse zur Bearbeitung der Kernherausforderungen des Jugendalters: der Selbstpositionierung und Verselbstständigung (vgl. BMFSFJ 2017, S. 397).
Zu den Demokratiepotentialen der Einrichtungen kann festgestellt werden, dass die Jugendlichen in den Einrichtungen Prozesse durchlaufen, die für sie ganz elementare Erfahrungs- und Handlungsoptionen eröffnen. Die Einrichtungen werden als Aneignungs- und Gestaltungsräume wahrgenommen, in die sich die Jugendlichen mit einem enormen Engagement einbringen. Die in der Struktur liegende Herausforderung zur Verantwortungsübernahme und die kontinuierlichen Organisations- und Aushandlungsprozesse schaffen einen Erprobungsraum, der als besonders intensives Feld individueller Identitätsbildung erfahren wird. Im Jugendtreffalltag werden den Beteiligten Möglichkeiten erschlossen eigene Stärken auszubilden und Muster einer solidarischen
Vernetzung zu erproben. Die Identifikation mit dem selbstgestalteten Treff ist durchweg stark ausgeprägt, wodurch die Bildungserfahrungen zusätzliche biografische Relevanz erhalten. Die Möglichkeit in einer biografisch entscheidenden Lebensphase Erfahrungen der eigenen Gestaltungsmacht und Selbstwirksamkeit zu erleben, kann dabei als Grundlage der Entwicklung zu einer aktiven Bürgerschaft gedeutet werden. Diese kollektiven demokratischen Prozesse vermitteln wiederum politische Primärerfahrungen, die auch als demokratische Handlungskompetenzen aufgefasst werden können.
Zum Setting Selbstverwalteter Jugendtreff gehört auch die kontinuierliche Auseinandersetzung mit dem umschließenden Gemeinwesen. Die Jugendgruppe trifft auf Kommunalpolitik und Verwaltung und wird mit den Erfordernissen der Erwachsenengesellschaft sowie den Strukturen der Kommunalpolitik konfrontiert. Dies generiert ein zusätzliches Erfahrungsfeld, in dem die Jugendlichen während der Interessenvertretung in kommunalen Gremien bürgerschaftliche Verhaltensdispositionen entwickeln. Ein Hinweis auf die Wirkung dieser politischen Primärerfahrungen ist die hohe Anzahl ehemaliger Jugendtreff-Aktiver in den kommunalpolitischen Gremien des Saarlandes.
Die besondere Qualität und demokratische Substanz der selbstverwalteten Treffs konnte im Forschungsprojekt „OFFENsive!“ durch das Zusammenwirken der drei Komponenten: „individuelle Selbstermächtigung und Handlungswirksamkeit“, „demokratisch organisierte Kollektivität“, „Interessenvertretung und Einwirkung im kommunalen Gemeinwesen“ dargestellt werden. Diese Strukturcharakteristika sind grundlegend für die Ausbildung demokratischer Handlungskompetenzen und eines aktiven bürgerschaftlichen Engagements.
Ein weiterer Befund der Forschung lag in der Herausarbeitung der Integrationsleistung in die dörflichen Gemeinwesen durch das Engagement im Jugendtreff. Es wurden in die
Bestandsaufnahme des Forschungsprojekts „OFFENsive“! viele Beispiele aufgenommen, wie eine anerkennende Kommunalpolitik die Bereitschaft der Jugendlichen, sich aktiv in das Dorfgeschehen einzubringen, enorm beflügeln kann. Viele Jugendtreffs übernehmen federführend die Organisation von Traditionsfesten in den Gemeinden und erfahren dadurch einen Statusgewinn, beleben mit ihren Aktivitäten aber auch die lokalen Gemeinwesen. Für die Aktiven in den Treffs bedeuten solche, mit öffentlicher Anerkennung verbundenen Aktivitäten, auch eine persönliche Wertschätzung. Sie werden als Potenzialträger*innen in der Dorfgemeinschaft wahrgenommen. Die Erfahrungen von Wertschätzung und Anerkennung führen zu einer hohen Engagement-Bereitschaft, die auch nach dem Ende der Jugendtreffzeit nicht aufhört.

 

3. Der Verband saarländischer Jugendzentren in Selbstverwaltung e.V. – juz-united

Die hohe Dichte an selbstverwalteten Räumen wird auch wegen der landesweiten Vernetzung im Dachverband möglich. Dieser steht seit der Jugendzentrumsbewegung der 70er Jahre den ehrenamtlich engagierten jungen Menschen als Unterstützungsstruktur zur Verfügung. Auch als Lobbyorganisation und fachlicher Ansprechpartner für die Politik, der die Bedeutung der Einrichtungen gerade für den ländlichen Raum immer wieder hervorhebt, ist der Verband gefragt.
Die aktuell 12 hauptamtlich beschäftigten Fachkräfte des Verbandes arbeiten in einem
multiprofessionellen Team und bilden durch Praxisreflexion und kollegiale Beratung eine
spezifische Fachlichkeit zur Unterstützung von Selbstverwaltungsstrukturen aus. Hierbei sind zwei Faktoren zentral: Einmal sind die Fachkräfte, durch die Struktur des Verbandes als Zusammenschluss der Treffs, Angestellte derjenigen Jugendlichen, die im Alltag unterstützt werden. Das Mandat erhalten die Fachkräfte damit von den Adressat*innen der Hilfeleistung selbst. Dies bedingt eine eindeutige Parteilichkeit für die Interessen der Jugendlichen in den Treffs.
Zweitens haben die Verantwortlichen in den Treffs durch die Selbstverwaltung einen hohen Autonomiestatus, sie haben das Hausrecht und die Gesamtverantwortung inne. Die Fachkräfte kommen als Gäste in die Einrichtungen. Sie haben wenig bis keine Sanktionsmacht und werden daher nur mit ihrer Kompetenz zur Unterstützung der Selbstorganisation wahrgenommen. Dies stärkt eine produktive Arbeitsbeziehung, in der die Fachkräfte anwaltschaftlich für die Interessen der Jugendlichen agieren können.
Finanziert wird der Verband durch die Strukturförderung des Landes, ergänzt durch die
Finanzierung von „Juz-Büros“ in vier von sechs Landkreisen. Hierdurch sind die Fachkräfte als Ansprechpartner*innen bei einem Großteil der Einrichtungen im Alltag präsent. Neben der Vernetzungs- und Unterstützungsfunktion für die 130 Einrichtungen ist der Verband selbst Träger von drei Jugendzentren. In derzeit 25 Einrichtungen, die z.B. aufgrund von Generationenwechsel einer intensiveren Unterstützung bedürfen, sind Verbandsmitarbeiter*innen als enge Berater*innen der Ehrenamtlichen tätig.
Für das gesamte Feld unterschiedlicher Einrichtungstypen stellt der Verband eine
bedarfsorientierte Unterstützungsarbeit zur Verfügung, die darauf ausgerichtet ist, die
vorhandenen Selbstorganisationsstrukturen zu stärken und insgesamt den Bereich der von
Jugendlichen selbst verantworteten Offenen Jugendarbeit im Saarland quantitativ und qualitativ weiterzuentwickeln. Die Unterstützungsstrategien differenzieren sich nach den typischen Verlaufsphasen der Einrichtungen. Dazu gehören die Begleitung von Jugendinitiativen zur Gründung von Jugendtreffs, Durchsetzungsstrategien im kommunalpolitischen Feld, die Entwicklung angepasster Organisationstypen, die Bewältigung von Krisenphasen und Generationenübergängen. Zu den typischen Phasen der Selbstverwaltung gehören auch Zeiten der Flaute, insbesondere nach dem Wegfall einer Generation, ohne dass die Übergabe an eine neue Gruppe vollzogen wurde. In diesen Fällen können die Räumlichkeiten durch Honorarkräfte des Verbandes  übergangsweise geöffnet und beworben werden, bis eine neue Nutzer*innengruppe sich die Räume angeeignet hat. Die Räume laufen so nicht Gefahr durch kommunale Akteure infrage gestellt zu werden. Die Überbrückung solcher Phasen durch eine Dachorganisation trägt erheblich zur Kontinuität der Einrichtungsform bei und kompensiert eine der Schwachstellen des Einrichtungstyps.
Die Fachkräfte des Verbandes reflektieren und systematisieren umfassend typische Verlaufsphasen, Gruppendynamiken und „Stolpersteine“ der Jugendtreffs und stellen den engagierten Jugendlichen damit ein reichhaltiges Erfahrungswissen zur Verfügung.

4. Arbeitsfelder und Projekte des Verbandes

Neben der konkreten Beratung und Unterstützung der aktiven Jugendlichen vor Ort stellt die Jugendbildung eine zentrale Säule der Verbandsarbeit zur Stärkung und Qualifizierung der ehrenamtlich Engagierten dar. Die Jugendlichen in den selbstverwalteten Treffs müssen über ein umfangreiches Repertoire an sozialen, kommunikativen, organisatorischen und strategischen Kompetenzen verfügen, um die dortigen Alltagsherausforderungen bewältigen zu können. Sie benötigen zudem Wissen zu den rechtlichen Grundlagen der Jugendarbeit. In der Jugendleiterausbildung des Verbandes werden diese Kompetenzen vermittelt. Die unbedingte Freiwilligkeit und die Parteilichkeit der Referent*innen schaffen dabei ein äußerst vertrauensvolles Setting, in dem sich die Jugendlichen gerne öffnen und in der Regel hoch intrinsisch motiviert sind.
Darüber hinaus werden in Modellprojekten immer wieder aktuelle Themen und Herausforderungen der Jugendzentrumsarbeit aufgegriffen und bearbeitet. Mit der Entwicklung von Modellprojekten reagiert der Verband auf immer neue Herausforderungen in der selbstorganisierten Offenen Jugendarbeit: Wie können Zugänge der Einrichtungen für unterschiedliche Jugendszenen ermöglicht werden? Wie können Problemlagen, die sich durch die armutsbedingte Abwärtsentwicklung von Sozialräumen ergeben, bearbeitet werden? Wie kann die Durchsetzung von Jugendinteressen im kommunalpolitischen Feld gestärkt werden? Bis hin zu modellhaften Projekten für spezifische Zielgruppen, Medienarbeit, Suchtprävention u.v.m. So wird z.B. mit dem Projekt „Treffs aktiv für Integration“ das Ziel verfolgt, in den selbstorganisierten Jugendtreffs, sowohl Zugangsbarrieren und Ablehnungshaltungen zu bearbeiten als auch aktiv die Treffs als Raum für soziale Teilhabe für Jugendliche mit Migrationsgeschichte zu etablieren.
Die Entwicklung von Einzelprojekten, mit denen auf aktuelle Herausforderungen reagiert wird, dient dabei dem Ziel aktuelle Fachdiskurse, -standards und Themen der professionellen Jugendarbeit auch in das breite ehrenamtlich strukturierte Feld einzuspeisen und somit zur Qualität der dort geleisteten Arbeit beizutragen. Wie produktiv diese projektbezogene Arbeit ist, zeigte sich beispielhaft während des verstärkten Zuzugs von Geflüchteten ab 2015. Viele Jugendtreffs wurden sofort aktiv und wollten als Anlaufstelle für die neuen Mitglieder der Dorfgemeinschaft da sein. Zur Integration der jungen Geflüchteten baten die Treffs den Verband um Hilfe. Schnell wurde das Konzept der „Internationalen Treffs“ entwickelt, die von Honorar- und Fachkräften des Verbands begleitet wurden. Damit ergab sich eine Türöffner-Funktion für junge Geflüchtete, die so Gelegenheit bekamen, in entspannter Atmosphäre ihre neuen Nachbar*innen kennenzulernen, deutsch zu sprechen und hilfreiche Netzwerke in den Sozialraum zu knüpfen.


5. Zusammenfassung und Ausblick

Der 15. Kinder- und Jugendbericht des Deutschen Bundestages benennt zwei gegenwärtige jugendpolitische Kristallisationspunkte: den Erhalt bzw. die Wiedererlangung von „Freiräumen“ für junge Menschen und das „Ringen um Partizipation“ (BMFSFJ, 2017, S. 109ff). Jugendliche brauchen, um ihre Entwicklungsaufgaben erfolgreich meistern zu können – und auch um ihre Innovationskraft zur Modernisierung der Gesellschaft entfalten zu können – autonom gestaltbare Erprobungsräume, Gegenwelten, Rückzugsorte und Auszeiten. Allerdings sind solche Freiräume für Jugendliche nicht nur nicht ausreichend vorhanden, sondern seit Jahren am Verschwinden. Es ist eine zunehmende Pädagogisierung und soziale Kontrolle des Alltags junger Menschen zu beobachten. Die selbstorganisierten Jugendräume zeigen beispielhaft, welche Wirkkraft Freiräume für die Entwicklung junger Menschen entfalten können. Für diese Freiräume lohnt es sich zu kämpfen. Durch das Experimentieren in geschützten Räumen, durch die Möglichkeit, sich selbst zu entfalten, die eigene Rolle in der Gruppe, im Gemeinwesen und in der Gesellschaft zu finden, erlernt die junge Generation, Demokratie zu gestalten und unsere Gesellschaft zu erneuern. Die aktuelle jugendpolitische Forderung, dass Jugendliche im politischen Geschehen stärker ihre
Interessen vertreten können sollten, ist Ausdruck einer wahrgenommen  Repräsentationskrise der bestehenden Verfahren und Beteiligungsformen. Jugendliche werden dabei entweder zu wenig erreicht oder erhalten zu wenig Entscheidungsmacht. Partizipation wird meist so verstanden, dass Jugendliche in bestehende politische Strukturen und Gremien eingebunden werden sollen, was allerdings zur Folge hat, dass nur diejenigen Jugendlichen erreicht werden, die aufgrund ihres sozialen Status und ihres Bildungsniveaus diese sozial etablierten Beteiligungsformen auch für sich nutzen können. Es gibt im Gegenzug nur wenig Diskussion darüber, wie z.B. die Jugendarbeit als politische Welt und Beteiligungsraum demokratisierend weiterentwickelt werden könnte. Gerade die selbstorganisierte Offene Jugendarbeit bietet ja, wie dargelegt, genau den demokratischen Lern- und Erfahrungsraum sowie die Anknüpfungspunkte an die lokalen politischen Strukturen, um als „Best Practice“-Beispiel der politischen Jugendbeteiligung im Nahraum der Jugendlichen gelten zu können. Durch (bei Bedarf pädagogisch begleitete) politische Bildungsprozesse, den Anschluss an einen landesweiten Verband und damit auch die jugendpolitische Vertretung auf Bundesebene kann dieser politische Partizipationsraum zudem entscheidend erweitert werden.
Der Jugendarbeits- und Demokratieforscher Benedikt Sturzenhecker (2020) beschreibt die idealen Strukturcharakteristika Offener Jugendarbeit zur Demokratiebildung und gelingenden demokratischen Partizipation wie folgt: Es braucht eine demokratische „Verfassung“, die Klärung der „Grundrechte“, Institutionen und Verfahren zur Mitgliedschaft, Wahlen, Entscheidungsgremien, Orte der Konfliktklärung, Verantwortlichkeiten zur Umsetzung von Entscheidungen, Verfahren der Erstellung von „Gesetzen“ und deren Revision sowie Verfahren der Machtkontrolle und des Minderheitenschutzes (S. 1264). In der Praxis der pädagogisch betreuten Offenen Jugendarbeit beschränken sich die Partizipationsrechte der teilnehmenden Jugendlichen
jedoch zu oft auf Konsumentscheidungen. Die Regelung des alltäglichen  Miteinanderlebens und die Grundstrukturen des Jugendhauses werden entweder von Trägerkonzepten vorgegeben oder von den Pädagog*innen festgelegt. Eine, durch die Offenheit und Freiwilligkeit der Teilnahme im Jugendhaus bedingte, nur informelle Zugehörigkeit schließt zudem viele Jugendliche von Entscheidungen aus. Die von Sturzenhecker beschriebenen Strukturcharakteristika finden sich dagegen idealtypisch in den Trägervereinen der selbstorganisierten Jugendtreffs wieder. Diese Einrichtungsform mit ihrer demokratischen Verfasstheit (Satzung, Entscheidungsgremien, Wahlen etc.) und ausdrücklichen Abwesenheit von erwachsener Kontrolle erfüllt damit maximal die Voraussetzungen, eine demokratische Partizipation der Jugendlichen gewährleisten zu können. Die bedarfsgerechte und behutsame pädagogische Unterstützung durch parteiisch institutionalisierte professionelle Fachkräfte bei der demokratischen Ausgestaltung des Alltags im Jugendtreff erhöht zudem die Chancen, dass das Potenzial des Einrichtungstyps voll ausgeschöpft werden kann.
Das „Saarländische Modell“ zeigt also, wie es möglich ist, junge Menschen als Zukunftsträger für die kommunalen Gemeinwesen und für eine demokratische Gesellschaft zu gewinnen, indem ihnen Freiräume zur Selbstorganisation und demokratisierende Lern- und Beteiligungsräume zur Verfügung gestellt werden. Es kann auch gezeigt werden, wie Fachkräfte dieses Potential absichern und stärken können. Davon könnten Impulse für die konzeptionelle Weiterentwicklungen des Feldes der Offenen Jugendarbeit insgesamt ausgehen. Jugendliche wollen sich für gesellschaftliche
Interessen einsetzen und etwas bewegen. Jugendarbeit sollte die dafür notwendigen  Freiräume eröffnen.

Literatur:
Deutscher Bundestag 18. Wahlperiode. (2017). 15. Kinder- und Jugendbericht. Bericht über die Lebenssituation junger Menschen und die Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe in Deutschland
(BMFSFJ, Hrsg.) (Drucksache 18/11050), Berlin.
Sturzenhecker, Bendedikt (2020). Demokratiebildung in der Kinder- und Jugendarbeit. In: P. Bollwegm et al. (Hrsg.), Handbuch Ganztagsbildung. Wiesbaden: Springer Fachmedien. S. 1261-1271.