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Verband saarländischer Jugendzentren in Selbstverwaltung e.V.

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Demokratiebildung im selbstbestimmten Setting

Einleitung

Der aktuelle 16. Kinder- und Jugendbericht (BMFSFJ 2020), der sich umfänglich mit dem Thema der demokratischen Bildung im Kindes- und Jugendalter beschäftigt, betont ausdrücklich die Vorteile handlungsorientierter, praxisbezogener Ansätze der Demokratiebildung gegenüber rein wissensvermittelnden Settings. Dort heißt es z.B.:

„Inhaltlich erweist es sich als aussichtsreich, einen erfahrungsorientierten Ansatz zu verfolgen, der Lebensgestaltung für Kinder und Jugendliche so ermöglicht, dass von ihnen im Alltag und ggf. darüber hinaus positive Erfahrungen mit demokratischen Werten, Herangehensweisen und Verhältnissen gemacht werden können. […] Auf der Grundlage entsprechender Erfahrungen und deren subjektiver Verarbeitungen vermögen sich Selbst- und Sozialkompetenzen zu entwickeln, die demokratischem Handeln förderlich sind, wie z. B. Reflexivität, Ambivalenz- und Ambiguitätstoleranz, Einfühlungsvermögen, verbale Konfliktfähigkeit u. Ä. m.“ (BMFSFJ 2020: 541)

Diese Überzeugung spiegeln auch die aktuellen Fachdiskurse zur Demokratiebildung wieder (vgl. Richter, Sturzenhecker, Schwanenflügel, Schwerthelm, u.a.), die hervorheben, dass demokratierelevante Lernprozesse durch aktives Tun in realen Situationen ausgelöst werden und nicht curricular vermittelt werden können.

Damit geht es um die Frage, in welchen lebensweltlichen Bezügen Jugendliche beteiligungsoffene demokratische Strukturen vorfinden, in denen sie eigenmotiviert demokratische Praktiken wie die dialogische Interessenaushandlung unter Gleichen einüben können. Die Offene Jugendarbeit (OJA) scheint aufgrund ihrer Strukturmerkmale und ihrem in §11 SGB VIII formulierten Auftrag dafür besser geeignet, als andere Settings in Pädagogik und Gesellschaft, da in ihr höhere Formen der Partizipation realisiert werden können (vgl. Schwerthelm 2018). Empirische Ergebnisse weisen aber auch darauf hin, dass dabei fachlicher Anspruch und praktische Wirklichkeit auseinanderklaffen (vgl. von Schwanenflügel/Schwerthelm 2021: 987).

Wie dieser Anspruch an die eigene Arbeit umgesetzt werden kann und welche Rahmenbedingungen für Demokratieaneignung besonders förderlich sind – und darum von den Fachkräften vorgehalten werden sollten – herrscht indes noch Unklarheit, die nicht zuletzt auf die Heterogenität des Arbeitsfeldes und die große Vielfalt an Einrichtungsformen und Konzepten zurückzuführen ist.

Der Verband saarländischer Jugendzentren in Selbstverwaltung e.V. (juz-united) beschäftigt sich nun seit fast sieben Jahren mit dem Thema Demokratiebildung in selbstverwalteten Einrichtungen. Selbstverwaltung meint in diesem Kontext, dass ein Jugendzentrum durch seine Nutzer:innen selbst betrieben wird und die Verantwortung nicht bei Hauptamtlichen liegt.

Es wurde ein Handlungsforschungsprojekt durchgeführt, das in der Infrastruktur selbstverwalteter Treffs, die im Saarland mit 130 Einrichtungen einen Schwerpunkt der Angebote Offener Jugendarbeit darstellt, unter anderem Prozesse der Aneignung demokratischer Haltungen und Verfahren in einem selbstbestimmten Setting fokussiert (vgl. juz-united 2019). Die untersuchten Jugendzentren sind dabei vor allem im ländlichen Raum und kleineren Mittelzentren verortet, in der Regel gut in die Gemeinde integriert. Das Alter der Nutzer:innen liegt zwischen 15 und 25 Jahren. Unser Team konnte dabei durch Befragungen, Interviews und Beobachtungsstudien die Leistungen und Potentiale der selbstverwalteten Jugendeinrichtungen genauer untersuchen und Erkenntnisse über die strukturellen Bedingungen generieren, die die Selbstverwaltung zu einem sehr vielversprechenden Konzept in diesem Zusammenhang ausweisen. Gleichzeitig wurde eine fachliche Unterstützungspraxis entwickelt, die durch parteiische Beratung und Workshopmodule pädagogische Impulse zur Stärkung demokratischer Alltagspraxis erprobt.

Der vorliegende Beitrag stellt zentrale Erkenntnisse aus dem Modellprojekt vor. Er fokussiert dabei auf die Qualität demokratischer Strukturen in den Einrichtungen und ihrer Relevanz für die Bildungsleistungen bei den engagierten Jugendlichen. In einem zweiten Schritt werden Fragen diskutiert, wie eine pädagogische Praxis zur Stärkung demokratischer Selbstbildungsprozesse gelingen kann.

Demokratische Strukturen in der Selbstverwaltung

Die interne Struktur des Lernorts Jugendzentrum ist zentral für die Frage, ob demokratierelevante Lernchancen ermöglicht werden, denn sie ist entscheidend dafür, welche Stufen der Partizipation von Besucher:innen realisiert werden können. Durch die Abwesenheit der Fachkräfte im Jugendzentrumsalltag in Selbstverwaltung wird ein weites Fenster geöffnet für selbstbestimmte Gestaltung von Organisationsprinzipien und internen Strukturen. Die Jugendlichen entscheiden eigensinnig darüber wie sie Entscheidungen treffen, welche Orte oder Gremien der Meinungsbildung und Interessenaushandlung sie etablieren und welchen kollektiven Regeln sie sich freiwillig unterwerfen wollen. Das geschieht in der Regel nicht aus explizitem politischem Interesse, sondern aus dem simplen Sachzwang, dass das Jugendzentrum nur funktioniert, wenn man die Dinge selbst in die Hand nimmt. Insofern impliziert der Freiraum als solcher bereits einen Appell an seine Nutzer:innen sich über ihre Interessen auszutauschen und gemeinsam Strukturen zu schaffen, die einen Betrieb der Einrichtung in ihrem Sinne erlaubt.

Die interne Organisation der selbstverwalteten Jugendzentren und Jugendtreffs im Saarland ist häufig durch eine Doppelstruktur gekennzeichnet: Damit die Einrichtung als juristische Person handlungsfähig sein kann, müssen gewisse formale Vorgaben eingehalten werden. Hier sind die Jugendlichen nicht gänzlich frei, sondern bewegen sich in Grenzen, die z.B. durch das Vereinsrecht von außen vorgegeben werden. Daneben existiert aber noch die handlungspraktische Ebene im Alltag, in deren Gestaltung die Jugendlichen selbstbestimmter sind.

Betrachtet man zunächst die formale Ebene, sind die Trägervereine meist nach dem klassischen Vereinsmodell organisiert. Die Vereinsstruktur, legt dabei eine demokratische Logik zugrunde. Mit der Satzung und den Organen Mitgliederversammlung und Vorstand, vergleichbar mit Verfassung, Legislative und Exekutive sind immer auch generelle Strukturlogiken demokratischer Verfasstheit lebensweltlich erfahrbar. Die Jugendlichen treffen sich zu Sitzungen, halten Wahlen ab, führen die Geschäfte. Diese Bürokratie wird zwar nicht selten auch als hinderlich empfunden, sichert zugleich aber nach innen Transparenz und Beteiligungsmöglichkeiten für alle. Nach außen gewährleistet der Vereinsstatus eine gewisse Autonomie der Jugendgruppe als gleichberechtigter Akteur in der Kommune.

Somit geben (vereins-)rechtliche Rahmenbedingungen zwar einen grundlegenden administrativen Rahmen vor, bei der lebensweltnäheren praktischen Ausgestaltung von Entscheidungsfindungsprozessen, Interessensaushandlung und Aufgabenverteilung im Jugendzentrum sind die Jugendlichen hingegen frei diese nach ihren Bedürfnissen und Überzeugungen zu gestalten. Hier etablieren sich in der Regel eigene Strukturen entlang den Bedürfnissen der Nutzer:innen. Das führt dazu, dass es einrichtungsspezifisch teilweise sehr unterschiedlich ausgestaltete Verfahren der gemeinsamen Regelaushandlung und Wege produktiver Konfliktbewältigung im Jugendzentrum entlang den selbst gewählten Vorgaben gibt. Die Entscheidung welches Modell gewählt wird hängt unter anderem mit dem historischen Entstehungsprozess des Jugendzentrums sowie mit und der sozioökonomischen Zusammensetzung der Jugendgruppe zusammen.

Das jeweilige Jugendzentrum lässt sich dabei verorten in einem Kontinuum zwischen formell und informell und einem Kontinuum zwischen basisdemokratisch und repräsentativ. Gibt es bspw. eine wöchentliche Vollversammlung über die Protokoll geführt wird, oder werden anstehende Angelegenheiten in unmoderierten Messenger-Chats besprochen? Werden Entscheidungen von einem gewählten Vorstand dominiert, oder deliberativ ausdiskutiert?

Dabei konnten bei allen von uns untersuchten Modellen die Kernstrukturen demokratischer Prozesse deutlich identifiziert werden. Die gemeinschaftliche Organisation von Alltagsherausforderungen der Einrichtungen in dialogischer, konsensorientierter Interessenaushandlung unter Gleichberechtigten war bei allen Einrichtungstypen gewährleistet, wenn auch in unterschiedlicher Qualität. Die Strukturlogik selbstorganisierter Einrichtungen: jede/r ist aufgefordert sich gleichberechtigt an der Alltagsorganisation zu beteiligen und Verantwortung für das gemeinschaftlich Verabredete zu übernehmen, konnte ebenfalls bei allen Typen als Kernstruktur identifiziert werden.

Im Rahmen des Modellprojektes wurden auch mögliche Schwächen des Einrichtungstyps wie die z.B. Dominanz sich abschließender Cliquen in den Blick genommen. So existieren in den selbstverwalteten Einrichtungen auch gewisse Homogenisierungstendenzen und Beziehungshierarchien. Hierin liegt eine der Gefahren für die Selbstverwaltungspraxis: werden nicht alle Nutzer:innen gleichberechtigt mit eingebunden, so dass immer weniger Aktive mehr Macht, aber auch mehr Verantwortung auf sich vereinen, kann das zu einer Überforderung führen. Gleichzeitig ist eine solche Tendenz auch abschreckend für die passiveren Jugendlichen, die sich nicht gehört fühlen, eine marginalisierte Rolle einnehmen oder das Interesse am Besuch der Einrichtung gänzlich verlieren.

In Interviews mit Vereinsvorständen wird klar, dass diese Problematik den Aktiven durchaus bewusst ist und auf einem hohen Niveau reflektiert wird. Es besteht in der Regel der klare Anspruch allen Besucher:innen die Partizipation umfänglich zu ermöglichen.

„Also das Juz als offener Raum ist auch ein Raum des Respekts und ne Art der Toleranz für alle – also sollte das sein. Und daran zu arbeiten und sicherzustellen, dass sich dort jeder wohl fühlt und dass man auch andere hört und dass man nicht immer nur seine Ideen und Vorstellungen durchboxt, sondern durchaus mal konsensorientiert mit anderen in Kontakt tritt ist unglaublich wichtig.“ Jonathan (25) ehemaliger Vorstand Juz Limbach

Die Motivation dahinter ist kein bloßer Idealismus, sondern wird durch die Funktionslogik der Selbstverwaltung vorgegeben. Die Jugendlichen lernen sehr schnell, dass ihr Engagement in der Einrichtung deutlich an Qualität gewinnt, wenn die Gruppe der Aktiven größer ist. Neben der Einsicht, dass es wünschenswert ist Aufgaben und Verantwortung auf möglichst vielen Schultern zu verteilen, geben fast alle Interviewten an auch bewusst Jüngere in die Arbeit einführen zu wollen, dafür zu begeistern und so die Zukunft des Jugendzentrums perspektivisch abzusichern:

„Irgendwann gibste den Schlüssel ab und sagst, hier habt ihr den Schlüssel, ihr dürft jetzt allein hier rein. Und das ist ganz wichtig und das ist einfach auch ein Vertrauensbeweis an die Jüngeren. Also ich find da muss man auch mit ein bisschen Vorschuss reingehen, weil wenn man der klassischen fordernden Haltung da ran geht, wie das eben auch Erwachsene machen, dann führt das ganz schnell zum Fiasko.“ Jonathan (25) ehemaliger Vorstand Juz Limbach

Der Spagat, den die Jugendlichen bei all dem leisten, kann als der Unterschied zwischen einer Familie und einer „Gesellschaft im Kleinen“ (Dewey 1915: 15; Sturzenhecker 2021: 1007) beschrieben werden: Schafft ein Jugendzentrum eine warme, familiäre Atmosphäre für die Nutzer:innen mit engen freundschaftlichen Beziehungen, sind diese gerne bereit sich voll einzusetzen und verfügen über eine hohe Identifikation mit der Einrichtung. Gleichzeitig sind familiäre Beziehungen eher von Hierarchien, informellen Abhängigkeiten und Intransparenz geprägt, als die Idealvorstellung einer kleinen Öffentlichkeit. Eine Nutzer:innen Gruppe in der ganz unterschiedliche Jugendliche mit jeweils eigenen Hintergründen und Interessen gezwungen sind einen Konsens über die Regeln des Zusammenlebens herzustellen birgt die größten Potentiale für Demokratiebildung, die auch über die Einrichtung hinaus Wirkung entfaltet. Die Freiraumbedingungen dieser ‚Miniaturgemeinde‘ liegen darin, „dass in der Jugendarbeit die Handlungsspielräume der Kinder und Jugendlichen maximiert sind und nur etwas zustande kommt, wenn sie selbst aktiv werden“ (Sturzenhecker 2021: 1007).

Das grenzt die Selbstverwaltung von anderen Lernorten ab. Überall sonst haben Erwachsene das Zusammenleben schon organisiert. Es ist bereits verdichtet, alle Lösungen sind schon vorbereitet, man kommt nicht an die grundlegenden Fragen der Organisation einer sozialen Gemeinschaft heran. Im selbstverwalteten Jugendzentrum stellen sich aber genau diese Fragen nach der Art der gemeinsamen Lebensführung. Innerhalb eines solchen Experimentierraums werden demokratische Fragen der Gesellschaft für junge Menschen im Kleinen erfahrbar: Wie finden wir einen fairen Interessensausgleich in einer pluralistischen Gruppe? Wie stellen wir sicher, dass Minderheiten auch Gehör finden? Wie gehen wir miteinander um? Wie verhandeln wir Regeln und wie sanktionieren wir Regelverletzung?

Demokratische Bildung als Selbstbildung

In den geführten Interviews mit Ehemaligen heben diese retrospektiv neben dem Erlernen von demokratischer Interessensaushandlung auch gerade Aspekte der Rollenfindung und Persönlichkeitsentwicklung als prägende Entwicklungsleistung durch ihre Zeit im Jugendzentrum hervor. Diese sind wiederrum eng verknüpft mit der Erfahrung der eigenen Handlungsmacht und der Notwendigkeit mit anderen zu kooperieren und sich zusammenzuschließen um gemeinsame Ziele zu verwirklichen.

„Das war für meine Entwicklung ganz essentiell, zum einen was so Sachen wie angeht wie Selbstbestimmtheit: Wo stehe ich in der Welt? Oder Persönlichkeitsentwicklung: Wer bin ich überhaupt? Und Selbstbewusstsein: Was kann ich bewirken, was können meine Freunde bewirken, was kann ich bewirken, wenn ich einfach eine starke Truppe hinter mir habe? Wozu bin ich als Individuum in einer Gesellschaft fähig und was ist meine Rolle? – Klar, das hat im Mikrokosmos JUZ stattgefunden, aber ich habe gemerkt, dass sich das auch nach außen auswirkt.“ – Paul (23) ehemaliger Vorstand JUZ Limbach

Unsere Beobachtungen und Interviewauswertungen zeigen, wie die Aktiven im Jugendtreffalltag in Prozesse involviert sind, die für sie ganz elementare soziale Erfahrungs- und Handlungsoptionen eröffnen. Die Selbstbestätigung in unterschiedlichen Verantwortungsbereichen, das Austesten und das Wachsen in neuen Rollen und die Resonanzen der Gruppe sind wichtige Erfahrungsräume zur Identitätsentwicklung. Die gemeinschaftliche Bewältigung der Alltagsaufgaben im Jugendtreff beinhaltet die Möglichkeit, sich als selbstbestimmter Akteur in einer sozialen Gemeinschaft zu erfahren und dabei individuelle Potentiale produktiv einzubringen und weiterzuentwickeln.

Die Auswertungen zeigen, dass durch Aktivitäten im Gruppenkontext deutliche Gewinne im Hinblick auf Selbstermächtigung, Ausweitung des Aktivitätsspektrums, Erweiterung des persönlichen Kompetenzprofils zu verzeichnen sind. Geschildert wird auch, dass Anerkennungserfahrungen, die sich im Zuge gelungener Gemeinschaftsaktivitäten (von der ersten größeren Party bis zum Open-Air) einstellen, ein stark motivierender Faktor für die nächsten größeren gemeinschaftlichen Aktivitäten sind, bei denen die Jugendlichen wiederum ihr Erfahrungsspektrum erweitern. Selbstwirksamkeit wird damit in sich steigernden Erfahrungssettings erlebt. Solidarische Vernetzung in der Gruppe und gleichberechtigte Interessensaushandlung sind dabei ihre Voraussetzung.

Ein entscheidender Schritt bei dieser sich steigernden und ausweitenden Entwicklung ist die Übersetzung der im Mikrokosmos Jugendzentrum gemachten Erfahrung auf die es umgebende Gesellschaft, wenn ein Engagement für den eigenen Jugendraum zu einem bürgerschaftlichen Engagement wird. Dieser Moment und auch welche nachhaltige biographische Relevanz solche Bildungsprozesse besitzen zeigt sich insbesondere in den Interviews mit ehemaligen Aktiven:

„Also Fakt ist einfach für die Demokratieerfahrung was das Juz total zentral. Also ich hab danach total viel politisch gemacht. Egal, wo ich war, ich hab mich immer organisiert. Sei es in der Hochschule, sei es beim Job. Also die Erfahrung der Selbstwirksamkeit war so nachhaltig, dass ich jetzt immer wenn ich etwas sehe, wo ich denke, das ist Scheiße, dass ich dann nicht in Lethargie verfalle oder in eine passive Rolle sondern immer dann aufgestanden bin und mich engagiert hab.“ – Mona (32) ehemaliger Vorstand Juz Neunkirchen.

Pädagogische Praxis zur Stärkung demokratischer Selbstbildungsprozesse

Die Unterstützungspraxis für Einrichtungen, deren Bildungsqualität eng an die Autonomie der engagierten jungen Menschen gekoppelt ist, wirft zentrale Fragen der Pädagogik der Jugendarbeit auf. Im Rahmen unseres Modellprojektes wurden Unterstützungsansätze erprobt, die die Rolle der Fachkräfte als wahrnehmende Wegbegleiter beschreiben lassen, die nur auf Zuruf und entlang den Vorgaben der Jugendlichen aktiv in innere Prozesse eingreifen. Die Adressat:innen können somit selbst bestimmen, ob und wann sie sich eine professionelle Unterstützung erbeten oder ein pädagogisches Angebot anfordern möchten.

Das Aufgabenspektrum der Fachkräfte reichte dabei von der Begleitung von Jugendinitiativen zur Durchsetzung selbstverwalteter Räume über die Beratung bei Vereinsgründung und Organisationsfragen bis zu Konfliktmoderation intern und extern, der Qualifizierung der Aktiven durch eine Jugendleiterausbildung sowie fachliche Interventionen in die Kommunalpolitik um Freiheits- und Handlungsspielräume der Jugendlichen zu stärken. Unterstützung der Diversität der Nutzer:innen, dem Entgegenwirken dysfunktionaler Hierarchien in den Einrichtungen, die konzeptionelle Weiterentwicklung von Jugendeinrichtungen in ökonomisch benachteiligten Soziallagen bis zur Stärkung von Jugendinteressen im kommunalpolitischen Feld.

Dabei beruht die besondere Qualität der Unterstützungspraxis auf der strukturellen Parteilichkeit für die Interessen der jugendlichen Akteure, die die Unterstützung durch die Fachkräfte einfordern. Diese haben dabei stets nur ‚Gaststatus‘ in den Einrichtungen und keinerlei Sanktionsmacht und sind daher verpflichtet, die Autonomie und den Eigensinn der Jugendlichen zu respektieren. Die strukturelle Parteilichkeit wird gewährleistet über die Dachverbandsstruktur. Die Jugendzentren wählen aus ihrer Mitte den Vorstand des Verbandes, der wiederum Anstellungsträger der Fachkräfte ist. Das Mandat erhalten die Fachkräfte damit von den Adressat:innen der Hilfeleistung selbst. Dies stärkt eine produktive Arbeitsbeziehung, in der die Fachkräfte anwaltschaftlich für die Interessen der Jugendlichen agieren können und mündet in einer qualifizierten Fachlichkeit zur Selbstorganisationsförderung.

Wir halten dieses Modell für einen vielversprechenden Ansatz von Fachlichkeit, um das Paradox von (asymmetrischer) Pädagogik und (symmetrischer) Partizipation im Feld der Demokratiebildung (vgl. Schwanenflügel/Schwerthelm 2021: 995) aufzuheben. Das Bildungsparadox der „Anleitung zur Selbstbestimmung“ wird entschärft, sobald die Adressat:innen auch strukturell zu selbstgewählten Auftraggeber:innen der Fachkräfte werden, statt passive Empfänger:innen ihrer Bildungsangebote zu sein. Eine solche Struktur hilft die eigene professionelle Rolle ohne asymmetrische, pädagogisierende Formen von Bildung zu gestalten und das fachliche Handeln stärker als Angebot der Sensibilisierung und Herstellen von Reflektionsmöglichkeiten zu realisieren, um die Selbstbildung junger Menschen in Form von selbstbestimmter Aneignungsprozesse im handelnden Alltag zu unterstützen. Das erfordert jedoch auch von den Fachkräften sehr sensibel bzgl. informeller Machtgefälle zu sein und ein hohes Bewusstsein für die Gefahr doch in paternalistische Interventionen zu verfallen.

Das Aufgabenspektrum der Fachkräfte verschiebt sich dabei zugleich weg von einer engeren Beziehungsarbeit mit den Jugendlichen hin zur Sicherstellung der Kontinuität der Einrichtung und anwaltschaftlichen Vertretung und Lobbyarbeit in solchen Gremien und Netzwerken, in die die Jugendlichen selbst nicht hineinwirken können oder wollen. Fachlichkeit fällt damit stärker die Rolle zu die Freiräume zu garantieren, in denen sich junge Menschen dann selbstbilden können.

Zusammenfassung

Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass selbstverwaltete Jugendeinrichtungen gerade aufgrund ihres selbstbestimmten Settings große Potentiale für die Demokratiebildung bieten. Durch die Selbstverwaltung eröffnen sich Freiräume, in denen grundlegende demokratische Werte und Verfahren durch junge Menschen unter Gleichen umgesetzt werden. Förderlich hierfür sind sowohl die formalen Vereinsstrukturen mit ihren Organen und Analogien zum politischen System, als auch die informellen alltäglichen Aushandlungsprozesse, in denen die Jugendlichen lernen pluralistische Meinungsfindung zu gestalten sich mit anderen zu organisieren, und gemeinsam praktische Vorhaben umzusetzen. Gerade die Alltagsnähe dieser Lernchancen und ihre Freiwilligkeit führen zu einer hohen Motivation und hohen biografischen Relevanz auch über das Jugendzentrum hinaus.

In selbstverwalteten Jugendzentren und Jugendtreffs können junge Menschen demnach in der zentralen Phase ihrer Identitätsentwicklung Erfahrungen von Wirkmächtigkeit in einem demokratisch verfassten, gemeinschaftlich organisierten Erfahrungsraum machen. Das deckt sich mit dem Bildungsbegriff des Kinder- und Jugendberichts, der Bildung als Selbstkonstitution des Subjekts über die praktische Auseinandersetzung mit der sozialen Umwelt versteht. Jugendliche eignen sich Wissen und Erfahrungen über produktive Realitätsverarbeitung an und betten sie in individuelle und kollektive Sinnkontexte ein.

Die Binnenstrukturen selbstverwalteter Einrichtungen bieten insofern bereits zwei der drei Komponenten, die wir in unserem Handlungsforschungsprojekt als entscheidend für die besondere Qualität und demokratische Substanz der selbstverwalteten Treffs identifizieren konnten: ‚individuelle Selbstermächtigung und Handlungswirksamkeit‘ und ‚demokratisch organisierte Kollektivität‘. Der dritte Faktor, der innerhalb des Projekts einen eigenen Schwerpunkt bildete und hier nicht weiter ausgeführt werden soll, findet dann im Außenverhältnis statt, sobald die Jugendlichen mit den sie umgebenden Strukturen interagieren. Er kann gefasst werden als ‚Interessenvertretung und Einwirkung im kommunalpolitischen Gemeinwesen‘. Diese drei Komponenten sind grundlegend für die selbstverwalteten Einrichtungen und grundlegend zur Ausbildung demokratischer Handlungskompetenzen und eines aktiven bürgerschaftlichen Engagements.

Der 16. Kinder- und Jugendbericht unterstreicht, dass „Lebensverhältnisse hergestellt werden müssen, in denen für sie [die Jugendlichen] Demokratie substanziell, formal und prozesshaft in höchstmöglicher Konkretion als funktional für die Lebensgestaltung erfahrbar wird“ (BMFSFJ 2020: 410). Genau das können Selbstverwaltungsstrukturen leisten. Solche Ermöglichungsstrukturen liegen aus unserer Perspektive gerade hier idealtypisch vor, weil es keine höhere Konkretion geben kann, als selbstbestimmt die eigene Jugendfreizeiteinrichtung zu leiten.

Möchte man Jugendlichen Freiräume ermöglichen, in denen sie sich demokratisch selbstbilden können, stellt sich unweigerlich die Frage nach der Rolle der pädagogischen Praxis in der Jugendarbeit. Gerade die Abwesenheit von Pädagog:innen im Jugendzentrumsalltag garantiert, dass Demokratiebildung nicht in von vornherein asymmetrischen Beziehungen gestaltet wird. Fachkräfte sollten jedoch keine Angst haben, sich durch Förderung selbstbestimmter Settings wie der Selbstverwaltung überflüssig zu machen. Vielmehr bedarf es einer neuen Wahrnehmung der eigenen Rolle als Wegbereiter jugendlicher Selbstermächtigung. Jugendarbeiter:innen sind in dieser Idee eine Unterstützungsstruktur, die jugendliche Freiräume auch gegen mögliche Widerstände verteidigen kann und ihre Nutzer:innen an den Stellen empowert, an denen sie darum bitten.

Das erfordert auf der einen Seite eine hohe Fehlertoleranz gegenüber den Adressat:innen der eigenen Arbeit und gleichzeitig das eigene jugendpolitische Mandat stärker wahrzunehmen und den Willen sich gegenüber der Politik streitbarer zu positionieren, wenn es um die Schaffung und Erhaltung von selbstverwalteten Freiräumen geht.

In seiner konsequenten Realisierung würde das für die Offene Jugendarbeit einen Schritt weg von den vorherrschenden Konzepten der Mitgestaltung, Mitbestimmung und Mitverantwortung bedeuten. Wir brauchen Konzepte, die ermöglichen, dass Jugendliche selbstbestimmt gestalten, bestimmen und verantworten können. Die Erfahrungen aus dem Saarland zeigen, dass dies für das Ziel der Hinführung zur Mündigkeit und die Demokratiebildung große Potentiale bietet. Die Einrichtungsform selbstverwaltetes Jugendzentrum sollte daher innerhalb der Konzeptdiskussionen der OJA wieder stärker in den Mittelpunkt rücken, will man, dass das Versprechen nach mehr Partizipation eingelöst wird.

Literatur

Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.) (2020): 16. Kinder- und Jugendbericht. Bericht über die Lage junger Menschen und die Bestrebungen und Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe. Förderung demokratischer Bildung im Kindes- und Jugendalter und Stellungnahme der Bundesregierung. Berlin: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ)

juz-united. Verband saarländischer Jugendzentren in Selbstverwaltung e. V. (2019): Demokratiebildung in selbstverwalteten Jugendtreffs, Ergebnisbericht. https://jugendtreffs.net/doku-offensive/

Von Schwanenflügel, Larissa / Schwerthelm, Moritz (2021): Partizipation. Ein Handlungskonzept für die Offene Kinder- und Jugendarbeit. In: Deinet, Ulrich / Sturzenhecker, Benedikt / Von Schwanenflügel, Larissa / Schwerthelm, Moritz (Hrsg.): Handbuch Offene Kinder- und Jugendarbeit. 5. Auflage. Band 2. Wiesbaden: Springer VS

Schwerthelm, Moritz (2018): Demokratische Partizipation in der Offenen Jugendarbeit. Teilnahmeversuche von Jugendlichen. In: Kammerer, B. (Hrsg.): Auf dem Weg zur jugendgerechten Kommune? Neue Ansätze der Partizipation Jugendlicher. Nürnberg: emwe-Vlg. S. 107-128

Sturzenhecker, Benedikt (2021): Förderung gesellschaftlich-demokratischen Engagements in der Offenen Kinder- und Jugendarbeit. In: Deinet, Ulrich / Sturzenhecker, Benedikt / Von Schwanenflügel, Larissa / Schwerthelm, Moritz (Hrsg.): Handbuch Offene Kinder- und Jugendarbeit. 5. Auflage. Band 2. Wiesbaden: Springer VS

 

Autoren

Tobias Drumm (BA Education)

Theo Koch (Dipl. Sozialarbeiter)